edition fünf
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Beryl Fletcher

Pixels Ahnen

Roman
edition fünf (Band 12)

Deutsch von Almuth Carstens
Mit einem Nachwort von Silke Weniger

Neue, überarbeitete Ausgabe
Ganzleinenband, fadengeheftet, mit Prägung,
Geschenkbanderole und Lesebändchen, 360 Seiten
€ (D) 19,90
€ (A) 20,40

ISBN 978-3-942374-22-4

Erschienen August 2012
Pixels Ahnen
Inhalt

Von Waisen und Wunschkindern zwischen Kolonialgeschichte und digitaler Zukunft

Die Geschichte von »Pixels Ahnen« nimmt ihren Anfang in London, Anfang des 20. Jahrhunderts, wo Alice als uneheliche Tochter eines Dienstmädchens zur Welt kommt. Sie wächst im Waisenhaus auf und wird schließlich nach Neuseeland geschickt. Dort wird – das 20. Jahrhundert neigt sich dem Ende zu – Alice als alte Frau von einer jungen Historikerin interviewt, die an einem Buch über die Schicksale von Migrantinnen arbeitet. Währenddessen macht sich Alices Tochter Joy auf die Suche nach ihrer eigenen Wahrheit. Mithilfe eines Privatdetektivs und einer Computerhackerin stößt sie auf Familiengeheimnisse, die mehr Fragen aufwerfen als beantworten: Wer sind unsere Ahnen? Was prägt uns im Leben? Wessen Kinder sind wir?

Mit großer erzählerischer Virtuosität entwirft Beryl Fletcher eine weibliche Ahnenreihe, die von der Alten Welt bis in virtuelle Welten reicht, nach Neuseeland, das unter der britischen Kolonialmacht als erstes Land der Welt 1893 das Frauenwahlrecht einführte. Die Konfliktthemen des Romans von 1996 sind bis heute brisant.

Zur Autorin
Beryl Fletcher
© Lisa Morrison

Beryl Fletcher, geb. 1938, studierte Soziologie und lebte in Neuseeland, Australien, England und den USA. 1991 erhielt sie für den Roman The Word Burners den Commonwealth Writer’s Prize für das beste Debüt im asiatisch-pazifischen Raum. Sie ist eine der beliebtesten und erfolgreichsten Autorinnen Neuseelands. Pixels Ahnen erschien erstmals bei btb, unter dem Titel So weit war das Land.

Pressestimmen

»Pixels Ahnen ist ein beeindruckender, vielschichtiger Roman über Mütter und Töchter, über Familiengeheimnisse und über Migrationserfahrungen, der vom Anfang des letzten Jahrhunderts bis ins Cyberzeitalter reicht.«
Doris Hermanns, Virginia

»›Pixels Ahnen‹ ist ein spannend zu lesendes Frauenbuch, das glaubwürdig von den Härten des Schicksals handelt, die man über die Generationen weitergibt.«
Bernadette Conrad, Neue Zürcher Zeitung

»Man möchte diesen Roman [von 1996] nicht mögen, 16 Jahre sind eine Verfallszeit für Computerthemen. Die doppelte Handlung gefällt trotzdem: Mutter Alice und Tochter Joy sind liebenswert in ihrer Ehrlichkeit.«
BÜCHER

»Beryl Fletcher erzählt in ihrem Roman ›Pixels Ahnen‹ von einem düsteren historischen Kapitel.«
Dunja Stamer, 3Sat

»Ein starkes Buch!«
ZDF Aspekte – Chef Christhard Läpple auf ZDF Aspekte Online

»Parallel zur Chronik einer aus England nach Neuseeland eingewanderten Familie, die eine Historikerin mit Kassettenrekorder dokumentiert, deckt Beryl Fletcher in ›Pixels Ahnen‹ verborgene, ja skandalöse Dimensionen in vier Generationen zusammenhängender Frauenbiografien per detektivischer Internetsuche auf.«
Hans-Dieter Grünefeld in »Buchkultur«

»Da der Roman aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird, ergeben sich immer neue Sichtweisen; es wird deutlich, dass es immer ein Nebeneinander verschiedener Wahrheiten gibt […].«
Doris Hermanns in »Junge Welt«

»Fletchers Schreiben ist mitreißend: klinisch genau und doch emotional.«
Michelle Atkins, The Australian Bookseller and Publisher

»Konflikte um Erinnerung und Identität, Individualität und Gruppenzugehörigkeit, Tradition und Fortschritt, Mütter und Töchter: Ein schonungsloser Bericht, reichhaltiger Stoff.«
Virginia Frauenbuchkritik

»Ich konnte das Buch nicht weglegen, ich war gepackt von der Aufschlüsselung der miteinander verbundenen Leben und vollkommen begeistert davon, wie siebzigjährige Frauen im Cyberspace umherfliegen.«
Diane Nelson

 

Textauszug

1. Alice

Das erste Problem ist der Kassettenrekorder. Sie kriegt ihn nicht richtig in Gang. Sie fummelt daran herum, bittet mich, langsam ins Mikrofon zu sprechen, dann spult sie zurück und drückt auf Wiedergabe. Nichts. Sie versucht es noch einmal. Diesmal ein schwaches Zischen, Flüstern. »Ich kam als Alice Nellie Smallacomb zu Welt …«

Meine Stimme klingt komisch. Ich hätte gedacht, dass sie mit dem Alter tiefer würde, voller. Aber sie quiekt und krächzt wie bei einem Jungen in der Pubertät, und die Worte kommen anders heraus, als sie sich in meinem Kopf anhören. Vielleicht lebe ich schon zu lange in diesem warmen Inselwind. Tiefe Furchen in meiner Haut – und dann dieses dünne Tremolo. Ich hätte nicht erwartet, dass es mit meiner Stimme eher vorbei sein würde als mit mir. Ich setzte den Kessel auf, als sie kam. Sie trank zwei Tassen Tee und aß ein gebuttertes pikelet. Aber ich merkte, dass sie es kaum abwarten konnte anzufangen. Sie ist ein hübsches Mädchen, sehr schick mit ihren kleinen Schnallenschuhen und den feinen silbernen Tupfen in ihren schwarzen Strümpfen.

Sie erzählt mir, dass sie die Lebensgeschichten alter Frauen sammelt, die in den dreißiger Jahren aus Großbritannien in dieses Land kamen. »Hier ist Ihr Geld, Alice«, sagt sie. »In bar. Und jedes Mal, wenn Sie in den Kassettenrekorder sprechen, gebe ich Ihnen weitere fünfhundert.«

Nie hätte ich mir träumen lassen, dass meine gesprochenen Worte mal irgendeinen Wert haben. Zehn Fünfzig-Dollar-Scheine, jeder mit einem Glitzerfaden. Ich falte sie sorgfältig, voller Ehrfurcht. Dann kriege ich Angst. Ich giere geradezu nach diesem Geld. Es gibt so viele Dinge, die ich brauche. Ich werde versuchen, meine Lebensgeschichte so weit wie möglich auszuspinnen. Aber was, wenn ich ihr nicht gebe, was sie will? Was, wenn sie meine Geschichte langweilig findet?

Das Mädchen gibt dem Kassettenrekorder einen Klaps, dann spricht sie Datum und Uhrzeit ins Mikrofon. Und es schallt zurück, klar wie eine Glocke. Ihre Stimme ist jung und frisch. Eins von diesen selbstbewussten, gebildeten Mädchen. Angst haben die vor gar nichts.

»Werden Sie mir Fragen stellen?«, will ich wissen.

»So wenige wie möglich. Ich möchte Ihre Geschichte in Ihren eigenen Worten hören. Vielleicht könnten wir mit Erinnerungen an Ihre Kindheit beginnen.«

Wie soll ich ihr meine frühen Jahre verständlich machen? Ich bin seit fünfundsiebzig Jahren am Leben. Es ist, als schaute man über einen gewaltigen, düsteren Ozean hinweg auf eine einzelne Kerze, die am Horizont eben flackernd ausgehen will. Tote Zeit, erstarrt in Geschichte. So zumindest wird es ihr vorkommen. Ich weiß nicht, ob sie mir glauben kann, dass ich das absolute Gedächtnis für jedes wichtige Gespräch und Ereignis habe, das mein Leben geprägt hat. Es ist noch zu früh, ihr von meinem System zur Speicherung von Erinnerungen zu erzählen. Womöglich denkt sie, ich wäre verrückt, mit meinem Gerede über Glasperlen und Kaleidoskope und chiffrierte Farben, Rot für Leben, Weiß für Tod, Schwarz für Erneuerung.

»Wo soll ich anfangen?«

 

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