edition fünf
Der Titel wird zeitgleich
als ebook erscheinen.

Rachel Gratzfeld (Hg.)

Bittere Bonbons

Georgische Geschichten

Herausgegeben und mit einem
Nachwort von Rachel Gratzfeld

Deutsch von Julia Dengg, Rachel Gratzfeld,
Sybilla Heinze, Maja Lisowski,Natia
Mikeladse-Bachsoliani, Tamar
Muskhelishvili, Simon Arschaulidse,
Mariam Tschwritidse

Originalveröffentlichung
Gebunden, ca. 248 Seiten
ca. € (D) 22,–

ISBN 978-3-942374-93-4


Erscheint Ende Februar 2018
Bittere Bonbons
Inhalt

13 junge Autorinnen erzählen:
Ketino Bachia, Mari Bekauri, Nino Haratischwili, Anna Kordsaia-Samadaschwili, Nestan Nene Kwinikadse, Lia Likokeli, Tamta Melaschwili, Rusudan Ruchadse, Nino Sadghobelaschwili, Nino Tarchnischwili, Irma Tawelidse, Anina Tepnadse, Tea Topuria

Nach siebzig Jahren unter sowjetischer Herrschaft, nach Unabhängigkeitskampf, Bürgerkriegsjahren und Krieg mit Russland wächst in Georgien heute eine Generation heran, die auch in der Literatur neue Töne anschlägt. Dreizehn junge Autorinnen nehmen uns mit auf eine Reise durch ihr Land und vermitteln uns Einblicke in ihren Alltag und die besondere Art, in der die wechselvolle Geschichte Georgiens in die Gegenwart und das Seelenleben der Menschen hineinwirkt.

Sie entwerfen teils üppige, teils sparsame, manchmal verstörende, immer aber sinnliche Bilder, die Assoziationen an den magischen Realismus heraufbeschwören – farbenprächtige Bilder einer Gesellschaft, die im Begriff ist, sich neu zu finden. Dabei changieren die Erzählungen zwischen Kindheit und Erwachsenenalter, Wirklichkeit und Traumwelt, Stadt und Land, Gegenwart und Vergangenheit.

Alle Autorinnen sind nach 1968 geboren. Sie umkreisen Aspekte des heutigen Lebens: Geschlechterbeziehungen, Sexualität, Familie, Selbstverwirklichung und Migration – und zeichnen damit ein facettenreiches Porträt eines Landes der starken Gefühle.

Pressestimmen
»Diese Geschichten entführen uns in ein Land, das dabei ist, durch seine aufregende, pulsierende Kultur immer mehr in das europäische Bewusstsein zu rücken.«
Nino Haratischwili
Textauszug

Die Dorfbevölkerung hilft uns wie jedes Jahr, das Heu fortzuschaffen. Außer ihm kommen immer alle Männer aus der Nachbarschaft mit ihren Pferden und Heuschlitten und laden stumm das Heu auf. Ich backe Chatschapuri, und mein Vater kümmert sich am Abend um ihr Wohl. Zum Schluss trinken alle ein Glas Wodka. Dabei blicken alle zu meinem Vater, bringen einen Toast aus zum Andenken an seine verstorbene Frau und gehen dann.
Gut ist das Dorf – es hilft dir bei Schwierigkeiten. Gut ist das Dorf – es pflegt dich im Alter und beerdigt dich, wenn du stirbst.
Manchmal wünschte ich mir, die Lehrerin würde mich zur Tafel rufen. Ich bin immer gut vorbereitet, traue mich aber nie, mich zu melden. Manche Lehrer sehen nicht mal meine Hefte durch. Sie wissen, dass ich alle Hausaufgaben erledige. Ich sitze im Unterricht immer stumm da; bei mir ist immer alles ordentlich und sauber.
Wenn es zur Pause klingelt, stürzen meine Schulkameraden sofort aus der Klasse. Es sind keine schlechten Kinder, sie sprechen sogar mit mir. Manchmal umzingeln sie mich und lachen, und ich lache mit. Manchmal rufen sie mich zum Ballspielen dazu. Natürlich spielen auch die Mädchen mit, ich aber nicht. Ich gehe ja nicht zum Spielen in die Schule. Geografie ist mein Lieblingsfach. Ich kenne alle Hauptstädte der Welt. (…)
Ich ziehe mir ein Kleid an, von dem ich dachte, es sei mir zu klein. Inzwischen ist es mir zu groß. Es ist zwar ausgebleicht, steht mir aber ganz gut.
Das Haar flechte ich mir zu zwei Zöpfen. Ich schaue dabei nie in den Spiegel; ich weiß sowieso, wie ich aussehe.
Dann gehe ich in die Scheune, wo es noch einen vollen Kanister geben muss. Zuerst will ich mir nur eine Flasche abfüllen, aber wie weit kommt man schon mit einer Flasche Petroleum? Ich hebe den Kanister an. In der anderen Hand trage ich die Schultasche. Die Schule kann ich unmöglich schwänzen. Zuerst stelle ich den Kanister auf die andere Seite des Zauns und klettere dann selbst hinüber. Den Hund haben sie gestern gleich wieder angebunden. Er liegt hinter dem Haus und sieht mich nicht.
Die Bienenstöcke hat er in Reihen aufgestellt. Immer wenn ich hinüberluge, sehe ich, wie er sich um seine Bienen kümmert.
Ich gehe von Stock zu Stock und überschütte sie mit Petroleum. Dann hole ich die Streichhölzer aus der Tasche und zünde sie an.
Ich sehe nicht, wie er aus dem Haus tritt. Ich sehe nicht, wie er angerannt kommt. Wenigstens nennt er mich jetzt einmal beim Namen, wenigstens schreit er jetzt einmal nach mir.

aus »Im Erlenwäldchen am Flussufer« von Lia Likokeli
Übersetzung von Natia Mikeladse-Bachsoliani

 

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