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Ralf Sotscheck

Der keltische Tiger


Mit einem Vorwort von Wiglaf Droste und Zeichnungen von ©TOM

Originalveröffentlichung
Gebunden, 144 Seiten
€ (D) 13,80

ISBN 978-3-89401-353-0

Der keltische Tiger
Inhalt

Die irische Kartoffelrepublik gebärdet sich seit neuestem als Wirtschaftswunderland: Der keltische Tiger ist los. Ihm nach! lautet, allen Zeitungsenten zum Trotz, die Devise des taz-Korrespondenten Ralf Sotscheck.

»Es gibt wenige Dinge in Irland, die wichtiger sind als das Wetter.« Mit diesem harmlosen Satz läßt Ralf Sotscheck eines seiner Kabinettstückchen beginnen, um dann ungerührt mit Essentiellem über Hosenklemmen und Heiratsanträge fortzufahren. Aber so ist das mit der irischen Wirklichkeit: Gnädig unterwandert sie die erwartbaren Verläufe und wartet stattdessen mit den denkbar lustigsten Lebenslösungen auf.
Bei Sotschecks letztem Buch attestierte die Süddeutsche Zeitung dem Autor »ein gutes Gespür für absurde Anekdoten« und die Zeit frohlockte gar: »Endlich gibt es eine wirkliche Alternative zu Heinrich Bölls Irischem Tagebuch.«

Zum Autor

Ralf Sotscheck, 1954 in Berlin geboren, lebt mit seiner Familie im Dubliner Stadtteil Glasnevin. Seit 1985 England- und Irland-Korrespondent der taz. Zahlreiche Buchveröffentlichungen, zuletzt Christstollen mit Guinness. Eine deutsch-irische Bescherung (mit Carola Rönneburg).

Pressestimmen

»Der als ,Historiker der Wahrheit' apostrophierte Forscher ohne Lehrstuhl und Doktorhut hat sich zu keiner Zeit davon abbringen lassen, Verdecktes, Verborgenes, meist Unbequemes ... ans Licht zu bringen«.
Wulf Kirsten, Laudatio der Deutschen Schillerstiftung Weimar 1992

Textauszug

Martin schlug ein paar Haken und konnte gerade noch, mit ein paar Bißwunden in den Waden, die Verandatür hinter sich zuziehen, während Grobian Gans den Putz aus dem Türrahmen hackte.

Gänse ißt man zu Weihnachten. Oder im Notfall. Bei Anthony handelte es sich eindeutig um einen Notfall.
Doch der Reihe nach. Vor einem Jahr ergatterten Jeanette und Martin ein Haus auf einem Wassergrundstück an der Liffey in einem Vorort Dublins, wo der Fluß noch sauber ist. Das Haus mit riesigem Garten war trotz der immens gestiegenen Hauspreise in Irlands Boomtown erstaunlich billig, weil Jeanette zwei Abteilungen eines multinationalen Konzerns, dem die Immobilie gehörte, clever gegeneinander ausgespielt hatte.
Martin, ein pensionierter Mathematik-Professor, begann sogleich mit der Kleintierzucht, schließlich will man als frischgebackenes Landei auch frische Eier zum Frühstück. Doch weil er von Zahlen mehr versteht als von Viehzeug, waren seine Sicherheitsvorkehrungen unzureichend: Ein Fuchs dezimierte Nacht für Nacht die Hühnerherde und kam sich vermutlich vor wie in der Lebensmittelabteilung von Harrods – oder wo auch immer Füchse gerne shoppen. Jedenfalls war bald nur noch ein zerzaustes Federvieh übrig, und Martin beschloß, eine etwas robustere Tierart anzuschaffen: Gänse.
Anthony und Louise, so hieß das Gänsepaar, machten sich prächtig, stolzierten durch den Garten, schwammen manchmal in der Liffey und waren ziemlich zutraulich. Dann kam der Tag, an dem Louise acht Eier legte, und fortan war der Ganter wie verwandelt. Aus dem anschmiegsamen Anthony wurde ein richtiges Arschloch. Er stürzte sich auf alles, was sich bewegte. Wenn Martin in den Garten wollte, schickte er zuerst den Hund Ben vor, um die rabiate Gans abzulenken. Der arme Hund entwickelte eine schwere Neurose: Jedesmal, wenn die Gartentür geöffnet wurde, verkroch er sich unter das Sofa.
Einmal paßte Martin nicht auf, Anthony schnitt ihm zu Bens deutlichem Vergnügen den Rückweg ins Haus ab. Martin schlug ein paar Haken und konnte gerade noch, mit ein paar Bißwunden in den Waden, die Verandatür hinter sich zuziehen, während Grobian Gans den Putz aus dem Türrahmen hackte. Der Handwerker, der den Schaden tags darauf reparieren sollte, machte sich gleich wieder aus dem Staub: Das Terrortier lauerte auf der Kühlerhaube und ließ ihn gar nicht erst aus seinem Wagen steigen.
Dann ging Anthony zu weit. Schon von weitem hatte er das Postauto gehört und war ihm wutentbrannt entgegengestürmt. Ausgerechnet in der Einfahrt fiel er über den Wagen her, aber so ungeschickt, daß er mit dem Hals zwischen Auto und Betonpfeiler geriet: Genickbruch. Der Briefträger schaute recht verdutzt, als Martin sich bei ihm herzlich bedankte. Auch Jeanettes Trauerphase währte nur kurz – etwa zehn Minuten. Martin hatte zunächst befürchtet, daß sie den Gänserich pietätvoll begraben wollte, doch stattdessen sinnierte sie: »Der Körper ist völlig intakt, ob dazu wohl eine Portweinsauce passen würde.« Der Briefträger wurde auch zum Essen eingeladen.

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