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Frank Witzel

Revolution und Heimarbeit

Roman

Originalveröffentlichung
Gebunden, 256 Seiten
€ (D) 19,90
€ (A) 20,50

ISBN 978-3-89401-418-6

Revolution und Heimarbeit
Inhalt

»I got the revolution blues, I see bloody fountains ...« Neil Young

Ein Journalist präsentiert Materialien zu einer Exklusivstory: ein junger Deutsch-Amerikaner will seine kambodschanische Freundin rächen, die ihren Job in einer Kleinkindsendung verloren hat, weil ein Fernsehprediger ihr fremdsprachiges Murmeln öffentlich als Fluchen denunziert hat. Der junge Mann schließt sich einem Gentleman-Gangster an, der im Auftrag spleeniger Sammler arbeitet. Das ist doch nicht zu glauben? Richtig. Bei Witzel ist mal wieder nichts so, wie es scheint, und keinem ist zu trauen – am allerwenigsten dem Erzähler.

In Revolution und Heimarbeit verknüpft Frank Witzel die politischen, gesellschaftlichen und Medien-Diskurse der letzten Jahrzehnte zu einem Netz, das als Rettung vor dem Absturz denkbar ungeeignet ist. Es spricht ein ständig räsonnierender, zunehmend unheimlich werdender Erzähler, dem der gesunde Menschenverstand sicherlich nicht in allen Gedankengängen folgen würde. Was man dann aber doch tut, weil man Stück für Stück hineingesogen wird.

»Die alte Vettel Paranoia verkuppelt bekanntlich alles mit allem, so dass entlegenste Ereignisse zusammenwachsen. Deshalb ist sie nicht nur als Krankheit so erfolgreich, sondern auch als Erzählgerüst. In dieser großen Tradition bewegt sich Frank Witzels Roman ,Bluemoon Baby', der die beiden Stoffkreise moderner Kontrollphantasien, Geheimdienst und Wahnsinn, zu einer bizarren Geschichte mischt.«
Jutta Person, Süddeutsche Zeitung

Zum Autor
Frank Witzel

Frank Witzel, geboren 1955 in Wiesbaden, lebt als Schriftsteller, Musiker und Illustrator in Offenbach. Bei Edition Nautilus sind von ihm erschienen: Stille Tage in Cliché. Gedichte (1978), Tage ohne Ende. Poem (1980), Bluemoon Baby. Roman (2001), Revolution und Heimarbeit. Roman (2003); außerdem zusammen mit Thomas Meinecke und Klaus Walter die Gesprächbände Plattenspieler (2005) und Die Bundesrepublik Deutschland (2009).

Für den Roman Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 (Matthes & Seitz 2015) wurde er mit dem Deutschen Buchpreis 2015 ausgezeichnet.

Pressestimmen

»REVOLUTION UND HEIMARBEIT erzählt von Abrechnungen, von Paranoia, Täuschungen und Enttäuschungen. Frank Witzel verknüpft die politischen, gesellschaftlichen und Mediendiskurse der letzten Jahrzehnte zu einem Netz, das als Rettung vor dem Absturz denkbar ungeeignet ist.«
Buchjournal

»Ich möchte zum Schluss meines Plädoyers kommen: Witzel lügt und baut Vexierbilder auf, die dem Leser den Boden unter den Füßen wegziehen. Literarische gesehen befindet sich der Leser auf 'Wolke 7', philosophisch betrachtet befindet er (der Leser) sich im Fegefeuer, wo er bis zum Jüngsten Tag mit der Erkenntnis ringt, dass Erkenntnis keine Entwicklung bringt, sondern sich das Objekt der Erkenntnis in seinem unruhigen Schlaf lediglich auf die andere Seite gedreht hat. Mit dem 'Dokumentaristen' kehrt Witzel das literarische Prinzip um: Er erfindet die Realität, die wiederum die Fiktion, auf der sie beruht, zur Fiktion werden lässt. Na, habe ich nicht gesagt, dass Witzel ein schlauer Fuchs ist, der es versteht, die Dinge zu drehen und zu wenden, bis nur noch der Schwindel übrig bleibt? – Meisterhaft geschrieben, das Buch – und sehr unterhaltsam, wirklich.«
Listen

Textauszug

Und natürlich hätte ein anderer aus dem dürftigen Material irgendetwas zusammengeschustert und damit der ganzen jetzt im nachhinein fast unnötig und beinahe peinlich wirkenden Aktion eine Art von Sinn abgerungen. Einen intellektuellen, sinnlichen, seinetwegen auch sittlichen Mehrwert, den dieser andere mit entsprechender Verve über einen der Sender gejagt hätte, bei denen er als fester Freier oder freier Fester oder was auch immer in Lohn und Brot stünde, falls man im Medienbereich überhaupt von Lohn sprechen könne. Ein anderer hätte dieses zusammengeschusterte Zeug mit Sicherheit irgendwo untergebracht, denn schlecht sei dieses Zeug im Prinzip nicht, eben nur unzusammenhängend und ohne roten Faden, was ihm übrigens auch schon während der Aufnahmen aufgefallen sei. Gleich von Anfang an sei ihm das aufgefallen und unangenehm ins Auge gestochen, aber man wisse schließlich nie, wohin sich ein Gespräch entwickele, weshalb er einfach weiter in dem Flachdachbungalow in Arlington ausgeharrt habe, um mit Hilfe winziger Kopfhörer, die sich in seinen Ohrmuscheln verloren, ein weiteres dieser infantilisierten Produkte, das man ihm beim Kauf des Recorders mitgegeben habe, die Tonqualität der Aufnahme zu kontrollieren.
Überhaupt dieses Arlington. Schon das sei so eine Geschichte. Wenn er wenigstens die vierzehn Tage in New York verbracht hätte oder in Los Angeles oder in einer der anderen großen Städte, von denen man irgendeine prägnante Erinnerung mit heim hätte bringen können, obwohl sich diese Erinnerungen meist ohnehin an dem bewiesen, was man zuvor als Bilder von einer solchen Stadt gesehen habe, weshalb es überhaupt ein Wahnsinn sei, immer wieder Reporter und Korrespondenten in die Welt zu schicken, wo sie nichts anderes zu tun hätten, als immer wieder möglichst genau die Bilder einzufangen, die jeder ohnehin schon kenne, aber allem Anschein nach immer wieder sehen wolle.
Es sei alles nur noch zu einem Abgleichen der Bilder verkommen, weshalb er anfänglich sogar froh gewesen sei, in eine Stadt zu fahren, deren Namen er selbst bis wenige Tage vor Antritt seiner Reise noch nicht gehört habe. Gerade weil er noch nie drüben gewesen sei, habe er es als eine Gelegenheit angesehen, einmal dem ewigen Abgleichen der Bilder auszuweichen und selbst und auf eigene Faust etwas zu erleben. Und wenn er anfangs auch zufrieden gewesen sei, einmal diesem allgemeinen Druck des Reisens zu entkommen, so habe sich genau das, über was er sich anfangs gefreut habe, schon bald als entscheidender Nachteil seiner ganzen Planung entpuppt. Obwohl es mit Sicherheit nicht allein an Arlington gelegen haben mochte, sondern gleichermaßen an der Tatsache, daß er die Reise nach Arlington, genauer den Flug nach Washington, von seinem letzten Geld bezahlt und folglich keine andere Möglichkeit gehabt habe, als die vollen vierzehn Tage in Arlington und zudem bei einem ihm völlig Fremden, einem flüchtigen Bekannten seines Schwagers, abzusitzen, einem durchaus netten Zeitgenosse und jungem Kerl, Mitte zwanzig maximal, der schon zehn Jahre drüben lebe und damit quasi assimiliert sei. Wenn man sich extra wegen eines Gesprächs, wegen mehrere Gespräche, einer ganzen Serie von Gesprächen, eigentlich einer sogenannten Exklusivstory acht Stunden ins Flugzeug setze und sein letztes Geld für einen Recorder und das Flugticket ausgäbe, dann könne das im Grunde nur in einem Desaster enden. Alles, was man mit Hoffnungen belege und mit Wünschen überfrachte, müsse zwangsläufig in einem Desaster enden.

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