Restexemplare

Henner Voss

Vor der Reise

Erinnerungen an Bernward Vesper

Originalveröffentlichung
Gebunden mit Schutzumschlag, 96 Seiten
€ (D) 14,–
€ (A) 14,40

ISBN 978-3-89401-455-1

Vor der Reise
Inhalt

Alkohol, Kneipen, die Jagd nach Frauen, eigene literarische Versuche, das Verlangen nach Anerkennung in der neuen deutschen Literaturszene – Henner Voss porträtiert Bernward Vesper schonungslos.

1961 besuchen Bernward Vesper und Henner Voss gemeinsam die Buchhändlerschule in Rodenkirchen bei Köln. Es entwickelt sich eine Freundschaft, die bis Januar 1965 anhält. Beide tauchen in das literarische Milieu ein, schreiben. Bernward Vesper betreibt zusammen mit Gudrun Ensslin einen literarisch ambitionierten Verlag: studio neue literatur, bei dem Henner Voss Berater und Mitarbeiter wird. In einer kleinen Wohnung in Kreuzberg lernt Henner Voss seinen Freund aus nächster Nähe kennen.
Neben der Schilderung der nicht nachlassenden Versuche, in der Literaturszene beachtet zu werden, zeichnet Henner Voss die mentalen Auswirkungen der Nachkriegszeit auf die jungen Intellektuellen nach. Der Vater des Freundes war der Nazidichter Will Vesper, dessen Schatten der Sohn nicht entkommt.
Henner Voss vermittelt das Porträt eines Freundes, der mit Wahnwitz und hochgradig angespannter Energie seinen Weg gesucht hat. Es ist ein sehr persönliches Bild von Bernward Vesper, von seiner Zerrissenheit und Egomanie. Detailaufnahmen aus einer Zeit der Ungeduld und des Aufbruchs.

(Bernward Vesper, 1938 in Frankfurt/Oder geb., aufgewachsen auf dem Gut Triangel (Niedersachsen). 1959-61 Lehre als Verlagsbuchhändler in Braunschweig. 1961-64 Studium in Tübingen, danach an der FU Berlin. Verleger von »studio neue literatur« und der »Voltaire Flugschriften«, in denen wichtige Texte der APO erschienen. Verlobt mit Gudrun Ensslin, die Mitarbeiterin seiner Verlagsprojekte ist. 1967 Geburt des gemeinsamen Sohnes Felix. Seit 1969 Arbeit an seinem unvollendet gebliebenen Romanessay Die Reise. Nimmt sich am 15. Mai 1971 in Hamburg das Leben.)

Zum Autor
Henner Voss

Henner Voss, 1942 in Remscheid geboren, veröffentlichte in Anthologien, Funk, Zeitschriften und Zeitungen (stern, Vorwärts, literatur konkret, tageszeitung, Kölner Stadtanzeiger u.a.) Erzählungen, Reportagen, Autorenportraits, Rezensionen. Seine Erzählung Lukas erschien 1985 im Concept Verlag und wurde verfilmt. Lebt in Bergheim an der Erft.

Pressestimmen

»… eine sehr kurzweilige und äußerst amüsant zu lesende schmale Publikation ....«
Textem.de 

»… hat Unterhaltungswert und zeigt …, wie abwechslungsreich das Leben & Treiben im Umkreis einer Revolution war ….«
Dieter Braeg, Stadtmagazin Mönchengladbach

»... ein von Pointen und Anekdoten sprühendes Kurzporträt seines damaligen ›besengten‹ Freundes Bernward ….«
Die Zeit 

»… eine sehr persönliche und – besonders hinsichtlich Gudrun Ensslin – stark erweiterte Fassung dieser Erinnerungen (...).«
graswurzel revolution 

»… Witz auf hohem Niveau ...«
Stadtblatt Osnabrück

»… Schöpft … aus eigener Anschauung und aus Voss’ Geschick, der Anschauung eine Sprache zu verleihen.«
Süddeutsche Zeitung

Textauszug

»Ich will endlich den Faustschlag in die Fresse der Gesellschaft!«

Wie schon in Rodenkirchen diente ihm Alkohol als Schluckimpfung gegen seine Schüchternheit, Selbstzweifel und Dysthymie. Nach fünf, sechs Gläsern konnten die Situationen seinetwegen machen, was sie wollten. Seifige Eröffnungen, wenn er sich Kneipenwirten zuwandte: »Superbes Bier, das Sie da zapfen.«
»Was soll damit sein?«
»Könnte ich mich dran gewöhnen.«
»Dann tun Sie sich keinen Zwang an, Chef.«
Und Vesper schleimend, wobei ihm seine sprachliche Outriertheit beständig im Weg war: »Sie sehen aus, als hätten Sie früher nichts anbrennen lassen.«
»Das kannst du aber laut sagen.«
Und dann – beim ersten Mal traute ich meinen Ohren nicht – der gewisperte acte gratuit: »Dann haben Sie doch sicherlich ein paar Serviererinnen oder Töchter mit massig Holz vor der Hütte, die mein Freund und ich flachlegen können. Wir garantieren elitäre Gene und verschwenderische Alimentierung bei potentiellem Nachwuchs.«
Mit witzig, fand ich, hatte das so wenig zu tun, wie Baudelaire mit einem Adventskalender, und es machte so müde, unentwegt beschwichtigen, ausgleichen und versöhnen zu müssen, damit er nicht abgemurkst wurde.
Ich weiß nicht, warum wir ständig in so lausigen Schuppen mit lauter schrägen Vögeln rumhingen. Als wir Zeugen einer blutigen Schlägerei mit fliegenden Gläsern und Flaschen wurden, hatte sich Vesper, physisch unheilbar feige, hinter einem entlegenen Tisch verschanzt, Arme um den Unterleib geschlungen, als hätte er sich einen Bauchschuss eingefangen, gebannt, devital.
Ich ging in die Hocke. »Los, komm«, fuhr ich ihn an, »wir müssen schnellstens raus hier. Mach schon.«
»Lass mich«, murmelte er und spähte an meiner Schulter vorbei in Richtung action. »Lass mich, das ist Gorkijs Nachtasyl live.«

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