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Heribert Becker (Hg.)

Geteilte Nächte

Erotiken des Surrealismus

Restexemplare – Band 28
Neuauflage
Klappenbrochur, 96 Seiten, illustriert
€ (D) 10,90
€ (A) 11,30

ISBN 978-3-89401-546-6

Erschienen Februar 2007
Geteilte Nächte
Inhalt

»Die Poesie wird im Bett gemacht wie die Liebe, dessen zerwühlte Laken sind die Mörgenröte der Dinge ...« ließ André Breton verlauten. Texte und Bilder einer phantastischen Welt des Tag- und Nachttraums sind hier versammelt, von den Anfängen des Surrealismus bis zu aktuellen Beiträgen.

Pressestimmen

»Die Erotiken des Surrealismus führen vor Augen, was man beinahe schon vergessen hatte: Der ganze Surrealismus war eine einzige Kunst der Erotik. (...) Die Lust ist hier mit phantastischen und ausgefeilten Praktiken und Akten verbunden. Sie ist ein Ereignis, das das Subjekt außer sich zu bringen vermag und an seine Grenze treiben kann. Sie ist der angeblichen ,Identität‘ des Subjekts spinnefeind. (...) Was hier zu sehen und zu lesen ist, macht Appetit.«
Süddeutsche Zeitung

»... der Herausgeber hat es in dieser Sammlung von Erotiken des Surrealismus geschafft, eine anschauliche, phantasiereiche, gut gebildete und erregende Auswahl zu treffen.«
Wienerin

»Es waren die Surrealisten, die die Sprache selbst libidinös besetzten. Kein Satz, der bei ihnen nicht auch erotisch wäre. Klang und Rhythmus, Ober- und Untertöne, Anspielungen, Zweideutigkeiten, Hintergedanken – alles sollte sich zu einer Orgie von Worten verbinden. Ein kleines Bändchen mit erotischen Texten des Surrealismus hat Heribert Becker in der Hamburger Edition Nautilus herausgebracht. Da tun sich ganz neue Erlebnisräume auf ...«
Darmstädter Echo

Textauszug

Vorwort des Herausgebers

Die Allmacht der Begierde

Auf rund neunzig Seiten eine Auswahl erotischer Werke des Surrealismus vorzustellen, ist ein Unterfangen, das sozusagen in einem umgekehrt proportionalen Verhältnis zu der Schwierigkeit steht, die berühmte Nadel im Heuhaufen zu finden. Oder anders ausgedrückt: hier läuft man Gefahr, vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr zu sehen. Denn was ist nicht erotisch im Surrealismus? Zu Recht konnte André Breton 1959 anlässlich der großen Surrealismus-Ausstellung »EROS« feststellen, dass »das, was die surrealistischen Werke jenseits ihrer extremen Disparatheit der Mittel und der äußeren Gestalt als solche kennzeichnet, in erster Linie ihre erotischen Implikationen sind«. Dabei geht es nicht einmal primär um Werke: Jenseits von Literatur und Kunst ist der Surrealismus das leidenschaftliche Bemühen, das Leben des Einzelnen und der Gesellschaft dadurch auf eine neue Grundlage zu stellen, dass an die Stelle des Realitätsprinzips, das seit jeher – und zumal im bürgerlichen Zeitalter – die abendländisch-christliche Zivilisation beherrscht, das Lustprinzip gesetzt wird. Dieses allein entspricht nach Ansicht der Surrealisten den wahren Bedürfnissen des Menschen, weil dessen innerstes Wesen das Verlangen nach Lust sei: Begierde.
Begierde im geschlechtlichen Sinne ist der Wunsch des Menschen, mit einem anderen Menschen geistig und körperlich eins zu werden. Darüber hinaus aber ist sie ganz allgemein der Drang, die Grenzen des Bewusstseins und der Individualität zu sprengen und in der Überwindung der Restriktionen des überkommenen Subjekt-Objekt-Denkens tendenziell mit allen Dingen außerhalb seiner selbst zu verschmelzen. Schon für die Romantik, deren Ideen der Surrealismus in aktualisierter, radikaler Form aufnimmt und weiterentwickelt, ist dies der Sinn der Poesie, deren »großer Zweck der Zwecke«, wie Novalis erklärt hat, die »Erhebung des Menschen über sich selbst« ist. Zweck dieser Erhebung wiederum ist es, den Menschen der Ganzheit des Wirklichen, also eines Höchstmaßes an Sein – der »surréalité« – teilhaftig werden zu lassen. Romantik wie Surrealismus haben die enge Verwandtschaft von poetischem und erotischem Akt betont. Der Geist der Liebe, fordert Friedrich Schlegel, müsse in der romantischen Dichtung überall anwesend sein, und in einem Gedicht Bretons heißt es lakonisch: »Die Poesie wird im Bett gemacht wie die Liebe ...« Sie wird insofern im Bett gemacht, als die Imagination als Instrument des poetischen Denkens eine essentiell libidinöse Tätigkeit oder Fähigkeit ist: Sie »wendet sich instinktiv von allem ab, was nichts zu wünschen übrig lässt«, wie der belgische Surrealist Marcel Havrenne bemerkt hat. Insbesondere die surrealistische Imagination ist so sehr Begierde, dass sie alles zu erotisieren trachtet, was sie berührt. Ein Beispiel dafür ist Bretons Text »Pont-Neuf« (1950), in dem sogar eine Stadt (Paris) als verführerischer weiblicher Körper erscheint. Insofern sich das surrealistische Projekt im Grunde als Versuch einer poetischen Revolution darstellt, muss es auch als Bemühung verstanden werden, die »Allmacht der Begierde« (Breton) von einer latenten, verdrängten zu einer manifesten, allgemein akzeptierten und vor allem gesellschaftlich wirksamen Tatsache zu machen. Schon bei den Romantikern begegnet man, in anderer Formulierung, dem surrealistischen Postulat »Il faut repassioner la vie« (Das Leben muss wieder mit Leidenschaft erfüllt werden), und bereits Novalis und seine Freunde vertraten es mit solchem Nachdruck, dass sie die Liebe, diese sublimierteste Form der Erotik, in den Rang einer diesseitigen Religion erhoben. »Hört auf«, schrieb dann ein gutes Jahrhundert später auch der Surrealist Louis Aragon, »allem, was nicht einzig und allein die Liebe ist, einen absurden Kult zu widmen. Es ist Zeit, die Religion der Liebe einzuführen.«
Bei der Auswahl der Texte und vor allem der Bilder wurde darauf geachtet, nicht nur Werke des »klassischen« Surrealismus vorzustellen, sondern soweit als möglich auch die zweite und dritte Surrealisten-Generation zu repräsentieren. Ferner ging es darum, wenigstens andeutungsweise das reiche erotische Vokabular der surrealistischen Frauen zu

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