Belletristik / Krimi

Stewart Home

Purer Wahnsinn

Roman

Neuauflage
Broschur, 224 Seiten
€ (D) 12,80
€ (A) 13,20

ISBN 978-3-89401-343-1

Purer Wahnsinn
Inhalt

Alienation ist die maßgebliche Band des neuen Jugendkults »Déjà Vu«. Die Musik ist von den Punks geklaut, die Klamotten von der Arbeiterklasse, die Ideologie eine marode Kombination aus Ultravegetarismus und Ökoterrorismus. Paul und Tracy haben eine komplizierte Zweierkiste zwischen Sojasprossensalat und Sex, sie veranstalten »Haareschneiden für den Frieden« und überfallen Cafés, die Kaffee und Tee ausschenken und somit die 3. Welt ausbeuten.

Zum Autor
Stewart Home

Stewart Home, geb. 1962 in London. Versuchte sich zunächst als Fabrikarbeiter, Musiker und Aktionskünstler. Organisator des International Festival of Plagiarism, des Kunststreiks 1990-1993, Gründungsmitglied der Neoist Alliance. Inzwischen Autor zahlreicher Romane und Essaybände, lebt in London und Schottland.

Weitere Titel in der Edition Nautilus:
Blow Job
Stellungskrieg

Pressestimmen

»Wer nachlesen will, wie junge Musiker die Welt wirklich verändern wollen, der erinnere sich an Paul Johnson aus London, der mit seiner Band Alienation Ende der Achtziger Riots zur Befreiung der Proletarier Britanniens anstiftete. Feuer lodert in ,Purer Wahnsinn' von Stuart Home, einem Roman, der so kantig und derb geschrieben ist, wie es unter Punks und Skinheads eben zugeht. (...) Punk war nie derart langweilig wie das Geniegehabe Floyd Timmens. Punk war vulgär und ehrlich. Deshalb ist es ein Grund zur Freude, dass Stuart Homes ,Purer Wahnsinn' neu aufgelegt worden ist. Fight!«
Falter, Stadtzeitung Wien

»Wie kommt man auf die Idee, ein Café in die Luft zu jagen? Nur weil dort Kaffee aus Südamerika ausgeschenkt wird? In ,Purer Wahnsinn' blasen Veganer zum Angriff aufs Establishment. Die Neuauflage des 80er Kultromans ist ein Fest für Gourmets.«
Blond

»Moral und Gewissensbisse haben in Purer Wahnsinn nichts zu suchen. Homes Buch ist ein schonungsloser Blick auf den Kapitalismus britischer Prägung und eine Enzyklopädie der Popkultur der vergangenen Jahre.«
Neues Nebelhorn, Konstanz

»Ist es Kunst? Oder Trash? Oder schlicht ein superlustiger, superdreister und superunterhaltsamer Anschlag auf den langweiligen Geschmack?«
Prinz

»Homes Kunstverständnis ist roh, anarchisch und ziemlich schlecht gelaunt. Folgerichtig besteht sein Buch im wesentlichen aus Effekten, Parolen und Klischees. (...) Homes Debüt aus dem Jahr 1989 ist ein großer mediokrer Spaß. Oder, um es bildlich zu sagen: Purer Wahnsinn tritt mit Doc-Martens-Stiefeln die Tür der Literatur ein ...«
Die Woche

»Dieses Buch ist böse, vulgär, pornographisch, gewalttätig, völlig abgekupfert und absolut brillant.«
New Musical Express

Textauszug

[...] Paul wußte, daß Tracy der einzige Mensch war, den er wirklich liebte – aber es mit einem Mann zu machen, war so anders, so aufregend. Vielleicht war er bisexuell. Er hatte gehört, daß das nichts Ungewöhnliches war. Aber irgendwie paßte es nicht zu dem Bild, das er von sich selber hatte. Er mußte sich selbst davon überzeugen, daß er hetero war. Er fühlte sich nicht so, als ob er sich verändert hatte. Und dennoch, diese neue Erfahrung – daß er es mit einem Mann getan und genossen hatte – müßte ihn doch anders empfinden lassen.
„Nein, du bist nicht andersrum", versicherte ihm Case, „wir waren beide betrunken. Leute machen oft die komischsten Sachen, wenn sie betrunken sind. Du weißt ja."
Pauls Reaktion ließ Case an seine eigene Jugend denken. Er hatte längst Jungs aus seiner Pfadfindergruppe gevögelt, bis er zum ersten Mal etwas mit einer Frau hatte. Er vermutete, daß Pauls Reaktion auf ihr gemeinsames Erlebnis dieselbe war wie seine damals, als er es mit einer Frau gemacht hatte. Case hatte sich noch nie in weiblicher Gesellschaft wohlgefühlt. Sein erstes Mal – er war achtzehn – war ein Schock gewesen. Mit drei anderen Zeitungsvolontären war er auf Campingferien gewesen. Er hatte die Frau in dem Augenblick bemerkt, als sie die Bar betrat. Sie bemerkte sein Starren, lächelte und kam auf ihn zu. Case spendierte ihr einen Drink. Dann ließen sie seine Kumpels in der Kneipe zurück und gingen in sein Zelt.
Case mußte ihr nicht erzählen, daß er es noch nie mit einer Frau getan hatte. Sie führte ihn in alles ein, was er zu tun hatte. Danach erzählte sie ihm, daß sie sechsunddreißig und mit einem erfolgreichen, aber schrecklich prätentiösen Künstler verheiratet sei. Sie blieb unter der Bedingung bei ihrem Mann, daß sie einmal im Jahr zwei Wochen wegfahren und tun konnte, was sie wollte – ohne Fragen von ihm, wenn sie wieder nach Hause kam. Der Künstler vermutete wohl, daß sie hinter jüngeren Männern her war. Auf jungfräuliche Typen war sie besonders scharf. Auch ihr Mann war noch Jungfrau gewesen, als sie sich trafen. Case erfuhr nie ihren Namen und sah sie nach dieser Nacht auch nie wieder.
„Naja, ich glaube, daß ich hetero bin. Aber wie kann ich sicher sein?" flehte Paul.
„Schau mich an", Case gestikulierte wild, „sehe ich aus wie eine Schwuchtel? Ich war zwölf Jahre verheiratet und bin erst seit kurzem geschieden. Und du, du hast eine Freundin, oder?"
„Naja." Paul war nicht allzu überzeugt, daß ihm dies den Status des Heterosexuellen zubilligte.
„Na also, wir sind beide überzeugte Heterosexuelle!" bestätigte Case.
Paul schlug die Augen nieder und starrte auf den Teppich. Es war etwas an diesem Mann. Wenn er ihn zu lange ansah, befürchtete er, einen Steifen zu kriegen. Paul war immer noch erschreckt von dem, was er erlebt hatte. Nicht so sehr vom Akt an sich, sondern davon, daß eine Wiederholung jederzeit möglich war. Paul war Tracy noch nie untreu gewesen. Aber vielleicht war diese Affäre gar nicht so schlimm, weil er es ja mit einem Mann gemacht hatte.
„Was ist denn los?" bohrte Case weiter.
„Meine Freundin."
„Probleme mit ihr?"
„Naja. Ich glaube, sie merkt gar nicht, wie sehr ich sie liebe. Deswegen hab ich dich auch treffen wollen. Ich dachte, du könntest mir ein paar Tricks beibringen, wie ich ihr zeigen kann, was sie mir bedeutet."
„Ich seh nicht wie."
„Naja, sie ist eine militante Vegetarierin, eine radikale Ökologin, sie macht bei allen Kampagnen gegen den Konsum von Tee, Kaffee und anderen Produkten aus der Dritten Welt mit. Du weißt sicher, daß die Schuldenrückzahlungen aus der Dritten Welt an die kapitalistischen Länder weitaus höher sind als deren Entwicklungshilfe. Nun, Tracy, meine Freundin, glaubt also, daß die Drittewelt-Länder besser für ihren eigenen Bedarf Nahrungsmittel anbauen sollten, als Exportgüter für den Westen. Deswegen macht sie Kampagnen gegen das Trinken von Tee und Kaffee, und ich dachte, wenn ich ihr ein bißchen Beachtung bei den Medien verschaffen würde, zeige ich ihr damit, wie sehr ich sie liebe."
„Aha, jetzt sehe ich meinen Part in dem Spiel." Case strahlte Paul an: „Ich glaube, daß ich dir helfen und zugleich eine gute Story kriegen kann."
Case überdachte die ganze Sache blitzschnell. Er vermutete, daß es ziemlich einfach war, diesen Jungen dazu zu bringen, etwas Illegales zu tun. Es brauchte vielleicht ein bißchen Kopfarbeit, um etwas wirklich Schwerwiegendes mit ihm zu veranstalten – dann ein Tip an die Bullen und die große Schlagzeile. Er lächelte, weil er an die Renegaten von Class Justice denken mußte, denen er fünf Jahre Knast besorgt hatte, indem er ihnen half, ihre Yuppies raus aus dem East End-Kampagne ein bißchen aufzupeppen. Und standen Gesetz und öffentliche Ordnung in Gefahr, waren das geradezu perfekte Bedingungen für das Anwachsen einer populären faschistischen Bewegung.
„Wärst du bereit, das Gesetz zu brechen?"
„Ich weiß nicht." Paul hatte wegen Tracys Kampagnen eine Menge illegaler Sachen gemacht, aber er wollte sichergehen, daß er Case trauen konnte, bevor er das zugab. Er wollte den Typ testen, bevor er sich ihm anvertraute.
Case erkannte, daß der Junge nicht so ein Gimpel war, wie er zuerst gedacht hatte. Trotzdem, da steckte etwas in der Sache, das es wert war, das man ihr nachging. Auch mit legalen Aktionen bekäme er ein paar gute Geschichten und könnte die Publicity ausnutzen, das Vertrauen des Jungen zu gewinnen. Hängt mal einer an der Nadel der Medien und hat sein Gesicht verkauft, braucht er eine immer stärkere Dosis Publicity. Und der Preis für diesen Schuß ist Korruption.
Case würde mit dem Jungen schlußendlich schon klarkommen. Immerhin war er schon in seinem Arsch gewesen und nun hatte er ihn am Kaffeetrinken – einem Tun, das die geliebte Freundin des Jungen mit der besinnungslosen Militanz einer echten Liberalen bekämpfte.
„Noch einen Kaffee?"
„Ach nein, keine Umstände", antwortete Paul.
„Nur keine Förmlichkeiten. Ich hab doch gesehen, wie dir der Kaffee geschmeckt hat. Außerdem tut er dir gut. Bringt den Alkohol aus deinem Blut. Wenn wir uns ernsthaft über eine Kampagne gegen den Genuß von Drittewelt-Produkten unterhalten wollen, brauchst du einen klaren Kopf. Also, nur noch eine Tasse."
Paul willigte ein. Er hoffte, daß eine Tasse mehr oder weniger keine Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben würde. Und er mußte sich gut mit Case stellen. Diesen Kaffee zu trinken würde demnach helfen, die Ausbeuterökonomie zu beseitigen. Es war sogar ein Opfer seinerseits. Eine kleine Gabe an den mächtigen Gott Öffentlichkeit.
„Irgendwelche Ideen?" fragte Case und schenkte Paul noch eine Tasse ein.
„Ideen?" wiederholte Paul.
„Du weißt schon: Ideen, wie du zu Publicity kommst", ermutigte ihn Case.
„Na ja, ich dachte, ich könnte ein Happening veranstalten, zum Beispiel Haareschneiden für den Frieden. Es betrifft zwar nicht direkt das Problem der Drittewelt-Produkte, aber es paßt zu Tracys weiterem ökologischen Bewußtsein. Ich schmeiße eine Party, zu der alle kommen und sich gegenseitig die Haare schneiden können. Dann sammle ich die Haare und verbrenne sie in der Downing Street als Protest gegen den Krieg. Verbranntes Haar riecht wie verbranntes Fleisch, es ist echt widerlich!"
„Nicht übel." Case tippte mit dem Zeigefinger an seine Nase. „Hast du dabei auch an Schamhaare gedacht? Das würde die Medienschaffenden besonders interessieren."
Beim Wort Schamhaare mußte Paul an Tracy denken. Er hatte sie erst ein paar Wochen gekannt, als sie bereits kritische Kommentare darüber abgab, daß er ihre Möse zu sehr mochte. Sie machten es oft französisch, Paul immer unten, Tracys Muschi mitten im Gesicht, ihre Klitoris leckend. Tracy konnte ganz ordentlich einen blasen, aber Deep Throat war sie nicht. Sie kaute und saugte, schluckte aber nie. In ihren Mund zu kommen, war auf keinen Fall drin. Paul hatte es nur ein einziges Mal gemacht, und obwohl Tracy nichts sagte, sah er, daß es ihr sehr mißfallen hatte. Sie wollte ihn dann wochenlang nicht mehr in ihrem Mund. Zum Glück gefiel es ihr weiterhin, ihre Beine um seinen Nacken zu kreuzen und sich von ihm lecken zu lassen.
„Schamhaare sind toll", antwortete Paul, „vielleicht sollten wir auch noch Nägelschneiden dazunehmen."
„Und wo soll die ganze Sache vor sich gehen?"
„Ich dachte da an ein leerstehendes Haus in der Nähe der U-Bahn-Station Vauxhall."
„Gut. Weißt du, wie man Öffentlichkeit organisiert?"
„Nein, nicht unbedingt!"
Case gab Paul ein Buch mit dem Titel Wie benutze ich die Medien?
„Das kannst du haben. Da steht drin, wie man Pressekommuniqués schreibt und all das Zeug, das du wissen mußt. Du brauchst dich nicht zu sehr anzustrengen, weil ich dir ja helfe. Das garantiert einen Artikel im Globe – und außerdem müßte ich es mit diesem Thema auch ins Fernsehen schaffen."
„Es wundert mich, daß du so hilfsbereit bist, wo ich nun weiß, daß du ein Nazi bist. Ökologie und Frieden sind doch wahrscheinlich das Gegenteil deiner politischen Anschauung."
„Ganz und gar nicht", erwiderte Case schnell. „Faschisten sind auch für Ökologie. Die weiße Rasse braucht ein reines, sauberes Heimatland."
Case hatte normalerweise keinerlei Sympathien für ökologische Belange. Er glaubte vor allem an die Macht. Und Vegetarier wie Hitler war er nur aus Verehrung für den Schöpfer des Nationalsozialismus. Case hatte keine Gewissensbisse, einen Menschen oder ein Tier niederzumachen, wenn es sich ihm in den Weg stellte. Aber er merkte, daß Paul ihn testen wollte, und gab die Antworten, die dem Jungen gefielen.
Es gab da natürlich gewisse Strasserianer-Sekten, die sich um ökologische Belange kümmerten. Aber Case hatte kein Gehör für ihren fanatischen Antiindustrialismus. Wenn die Zeit gekommen war, würde er sie und ihresgleichen aus der Nationalsozialistischen Bewegung ausmerzen. Hitler hatte genau gewußt, wo die Sympathien dieser Leute lagen. Er hatte den Nagel auf den Kopf getroffen, als er sagte: „Kratz an einem Braunhemd und darunter kommt ein rotes zum Vorschein." Und Adolf wußte, wie man mit diesem Abschaum umging. Er liquidierte sie in der glorreichen Nacht der langen Messer.
„Dann glaubst du also, daß wir zusammenarbeiten können?" fragte Paul vorsichtig.
„Da bin ich mir ganz sicher", strahlte Case.
Ein Lächeln lag auf dem Gesicht des Journalisten. In ein paar Minuten würde er ein Taxi rufen, solange wollte er noch die Anwesenheit des Jungen genießen. Die Korrumpierung hatte begonnen. Case war entschlossen, auch Tracy zu treffen und sie zu verführen. Es gab immer zwei in einer Beziehung, und Case war klar, daß es bei Paul und Tracy im Moment nicht besonders gut lief. So wie der Junge sich aufführte, war das Mädchen ziemlich im Streß. Case freute sich darauf, diese Bastarde zur Hölle oder ins Gefängnis zu schicken. Seine Scheidung hatte ihn deprimiert, und dieses kleine Projekt war genau das richtige, seine Lebensgeister wieder zu wecken ...

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