Belletristik / Krimi
Renate-Chotjewitz-Häfner-Förderpreis für Autorinnen

Anna Rheinsberg

Schau mich an

Roman

Originalveröffentlichung
Gebunden mit Schutzumschlag, 192 Seiten
€ (D) 20,80

ISBN 978-3-89401-354-7

Schau mich an
Inhalt

Wer Virginia Woolf liebt, sollte Anna Rheinsberg unbedingt kennenlernen!

Eine eigenwillige Liebesgeschichte zwischen fünf Personen und einer Katze. Ein Roman über das Suchen, Finden und Verlieren, in dem nichts so funktioniert, wie es zu erwarten wäre. Trotz der Vergeblichkeit und Disharmonie der Sehnsüchte entwickelt sich eine starke körperliche Präsenz der Figuren, die die Leser in den Bann zieht.

Paul liebt Lila, die er verläßt; Lila liebt Luis, den sie verstößt; Rose liebt Lila, die sich nicht einläßt, Tim liebt Rose oder jeden anderen Menschen, der ihn mag. Nur Prue, die Katze, weiß ganz genau, was sie will... Anna Rheinsberg gehört zu den rebellischen Erbinnen von Virginia Woolf. In ihrem Roman geht es nicht um simulierte Wirklichkeit oder um einen coolen, ausgeglühten Zeitgeist. Im Stakkato oder Tangotakt schreibt sie von sinnlicher Realität, vom bizarren Alltag unangepaßter Figuren in einer apokalyptisch anmutenden Umgebung. In leichtem Tonfall treiben die Bilder dahin, zärtlich, grausam, zuweilen komisch, immer eigenwillig. Anna Rheinsberg ist scharfzüngig und aufrührerisch, ihre Figuren sind spontan, ernst bis zur Absurdität und immer in Bewegung. Anna Rheinsbergs Sprache selbst liegt auf dem Sprung.

Laudatio von Maria Regina Kaiser zur Verleihung des Renate-Chotjewitz-Häfner-Förderpreis 2011

Zur Autorin
Anna Rheinsberg

Anna Rheinsberg, geboren 1956 in Hermsdorf im Norden Berlins. Lyrikerin, Prosaautorin, Essayistin und Herausgeberin u.a. von Texten von Autorinnen der zwanziger Jahre. Stipendiatin des Deutschen Literaturfonds und langjährige Mitarbeit beim HR Frauenfunk, Veröffentlichung mehrerer Prosabände in den 1980er Jahren, Journalistin für Frauenzeitschriften, Tageszeitungen, Radio und Fernsehen. Rheinsberg widmete sich intensiv dem Leben und Werk vergessener Autorinnen der 20er Jahre. Ihr erster Roman war Schau mich an (2000 bei Edition Nautilus). Zuletzt erschien 2004 der Liebesroman Basco.

Anna Rheinsberg ist die erste Autorin, die mit dem Renate-Chotjewitz-Häfner-Förderpreis für Autorinnen ausgezeichnet wurde.

Pressestimmen

»Man muß sich Zeit für Anna Rheinsbergs Sätze nehmen, dann bemerkt man ihre Genauigkeit und Schönheit«
Michael Schweizer

»Bei Anna Rheinsberg steht tatsächlich der Mensch im Mittelpunkt, nicht der eigene Bauchnabel, nicht irgendein Großes-Ganzes. Menschen leben und sind Geschichten.«
Pieke Biermann

»Ein leichter Tonfall, ein Dahintreiben der Bilder wie im Film«
Sabine Peters

Textauszug

Paul lief nach Süden, zum See. Die Frau mit dem blauen Auge, die sich gerade wütend eine Zigarette anzündete, sah ihn im Rückspiegel, als er sich zwischen der Stoßstange ihres Fiat und dem Kühler eines alten schwarzen Saab entlangschob, und sie lächelte. Das Lächeln war ein Strohhalm, so süß wie ein halbes Dutzend Zitronen, und sie rechnete auf der Stelle nach, wie lange es her war, daß irgendwer »danke« oder »ich liebe dich« zu ihr gesagt hatte. Die Frau bekam einen Schluckauf, ihre Haut fing an zu jucken, sie war müde und halbtot. Sie steckte seit einer Stunde im Stau, ihre Kehle war trocken, und ihr Haar hätte eine Tönung verdient. Und doch klopfte ihr Herz, und ihre Knie fühlten sich heiß an. Sie hätte gern alles dafür getan, daß der Mann, dessen Fingerspitzen gedankenlos über den Kotflügel eines Pontiac strichen, sich nach ihr umdrehte!
Oh, bitte, dachte die Frau. Sie beobachtete ihn. Paul neigte den Kopf wie jemand, der sehr erschrocken und sehr glücklich war und der wußte, daß er nicht umkehren würde. Gleichgültig, von wo er kam und wer ihn ansah, seinen Namen flüsterte, der nicht sein eigener sein konnte. Die Frau biß auf ihrer Unterlippe herum, sog an der Zigarette und starrte ihm nach. Dreh dich um, sagte sie böse. Dreh dich um.
Paul lief, und niemand folgte ihm. Er war groß und mager. Zu groß, dachte die Frau. Sicher über eins neunzig. Und das war zuviel, denn sie maß eins sechzig, vielleicht weniger, und das paßte nicht. Beim Tanzen würde sie die Arme nicht um seinen Hals legen können, ohne lächerlich zu wirken. Er würde ihr nie einen Brief schreiben. Bestimmt rauchte er Gras und schlief mit Frauen, die keinen Gedanken daran verschwendeten, ihre Mütter im Altersheim zu besuchen, und die wußten, welche Feuchtigkeitscreme sie kaufen mußten, damit die Schatten unter ihren Lidern verschwanden. Kein guter Gedanke, dieser Mann, nein. Sie schloß die Augen.
Jämmerlich, dachte sie. Sie war hübsch. Warum blieb er nicht stehen?

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