Belletristik / Krimi

Barbara Boy

Traumschuster

Roman

Originalveröffentlichung
Gebunden mit Schutzumschlag, 276 Seiten
€ (D) 18,80
€ (A) 19,40

ISBN 978-3-89401-374-5

Traumschuster
Inhalt

Beim Blinzeln in die Sonne entdeckt die kleine Gemma ihre hellseherischen Gaben. »Traumschustern« nennt sie den Blick in das Flimmern, aus dem sie versucht, Erklärungen und Ratschläge für die großen und kleinen Probleme ihres Alltags zu finden.
Barbara Boys Debütroman läßt die Erinnerungen an Krieg und Nachkrieg wieder lebendig werden: die Kriegsgeschichten der Erwachsenen, das dorfgemeinschaftliche Sauerkrautstampfen, der erste schaumweiche West-Petticoat, das erste, verschluckte, West-Kaugummi, der Mauerbau, der auch die Familienbande kappt, die halblegale Beatmusik im Kulturhaus unter Aufsicht der FDJ, die aufregenden Feierlichkeiten zur Jugendweihe, die nicht ganz freiwillige Schülerarbeit in der gärtnerischen Produktionsgenossenschaft, die Ferien am Rande des Sperrgebiets und immer wiederkehrende Fluchtgedanken, die sich von heimlichen Träumereien zu ausgetüftelten Plänen auswachsen. Bis dann einer auf abenteuerliche Weise in die Tat umgesetzt wird. Barbara Boy bleibt frei von Larmoyanz oder Selbstmitleid. Der bunte Reichtum ihrer Geschichten läßt einen heiteren Grundton entstehen. Das dramatische Ende ruft gleich nach dem Lesen die Frage nach der Fortsetzung hervor.

Dieser autobiographische Roman erzählt das Alltagsleben in der ostdeutschen Provinz aus der Perspektive eines heranwachsenden Mädchens: Nachkriegszeit, Umbau zur DDR, Veränderungen im Dorf, Ausflüge in die Großstadt Berlin, nach Westdeutschland, zu Verwandten nach Österreich. Eine lebendige Familiengeschichte, ein Erwachsenwerden mit all den lebenswichtigen Fragen nach Freiheit, Wahrheit und Selbstbestimmung.

Zur Autorin
Barbara Boy

Barbara Boy, geboren 1948 in Obhausen, Sachsen-Anhalt, studierte Germanistik und Kunstgeschichte in Erfurt, Sonderpädagogik in Berlin und Würzburg. Sie lebt seit 1991 in der Rhön.

Textauszug

Oma Hilla hatte es klar erkannt: Wenn du etwas verändern willst, mußt du es selbst tun!

Besonders den Nathan liebte ich. Welch wundervolle Erkenntnis ließ Lessing ihn aussprechen. »Wir haben beide unser Volk nicht auserlesen. Sind wir unser Volk? Was heißt denn Volk? Sind Christ und Jude eher Christ und Jude als Mensch?«
Wie konnten die Kommunisten jemanden wegen seines Glaubens bestrafen? Gab es in einer Diktatur überhaupt die Freiheit des Geistes und des Denkens? Diktatur blieb Diktatur. Auch eine des Proletariats. Warum wurden Havemann und Biermann verboten? Sollten sie denn wieder zur Fabel greifen? Wie vor zweihundert Jahren? Diktaturen hielten sich nur mit Druck. Ihr Instrument war die Gewalt. Soviel hatten wir in Geschichte begriffen. Natürlich sahen wir die Parallelen zu unserer Situation und sprachen sie auch aus. Wir diskutierten heiß im Literaturunterricht. Unsere Lehrerin war selbst so begeistert, daß sie die Klassentür von innen verschloß.
All das ging mir auf der Fahrt durch den Kopf. Es gab noch nicht einmal einen Bahnhof. Nur einen Haltepunkt. Ich war der einzige Fahrgast, der hier ausstieg. Direkt neben den Schienen lehnte ein Mann an seinem Motorrad. Ich stöckelte mit meinen Pfennigabsätzen und dem engen Rock über den Kies.
»Können Sie mir sagen, wie ich schnellstens zur Kirche komme?« fragte ich ihn.
Er nickte. Aufreizend langsam. Dabei musterte er mich von oben bis unten und wieder zurück. Er hatte die Arme über der Brust verschränkt. Die Ärmel seines weißen Nylonhemdes waren hochgekrempelt. Ich spürte eine leichte Gänsehaut meinen Nacken hochwandern. Wieso brachten mich ein paar kräftige, braune Unterarme so aus der Fassung? Er guckte immer noch. Sein Gesicht war nicht schön im eigentlichen Sinne. Es hatte etwas Wildes und Anziehendes zugleich. Jetzt rutsche das Kribbeln von meinem Nacken in Richtung Bauch. Das wurde ja immer schöner!
»Na, was ist?« fauchte ich ihn an.
»Das Blau des Kleides paßt direktemang zu Ihren Augen«, sagte er langsam. Seine Stimme war etwas rauh und sehr dunkel.

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