Belletristik / Krimi

Sean McGuffin

Last Orders

Neue Geschichten

Mit einem Vorwort von Bernadette Devlin
Aus dem Englischen übersetzt von Jürgen Schneider

Deutsche Erstausgabe
Broschur, 192 Seiten
€ (D) 14,50
€ (A) 15,–

ISBN 978-3-89401-377-6

Last Orders
Inhalt

Tempo, Witz und Bösartigkeit sowie einen siebten Sinn für Pointen hat McGuffin sich bewahrt. Aus dem Exil in San Francisco zurückgekehrt, wo er mehrere Jahre als Anwalt gearbeitet hat, steht er wieder am Tresen im haßgeliebten Derry seines haßgeliebten kleinen Mordirlands und unterhält die ganze Runde mit alkoholdurchtränkten verwegenen Geschichten. Wer sich schweren Kater und politische »Troubles« ersparen will, kann sie hier in relativer Ruhe nachlesen.

Ungeheuerliche Vorkommnisse lassen sich in diesen Pub-Phantasien nicht von faustdicken Lügen unterscheiden, den skurrilen und dickköpfigen Figuren aus dem nordirischen Panoptikum ist alles zuzutrauen. Rauh wie das Wetter sind die Sitten in Irland und die von McGuffin angeschlagenen schrillen Töne beschreiben den Alltagswahnsinn im besetzten Teil der Insel sowie den volkstümlichen Zorn gegen die Briten. So gehören Aberwitz und bitterer Sarkasmus zu den verbreiteten männlichen Eigenschaften, ob es die Helden nun nach Hongkong verschlägt oder in die Wüste oder ob die gewaltbereiten Sprücheklopfer ihre Insel nie verlassen haben. Eine undomestizierte Komik präsentiert uns McGuffin, die, wie der illegal gebrannte Schnaps, als politischer Widerstand per se gilt.

Zum Autor
Sean McGuffin

Sean McGuffin wurde 1942 in Belfast geboren. Er bezeichnete sich selbst als Republikaner, Anarchist, intellektueller Rowdy und Schriftsteller. Nach zeitweiliger Internierung durch die britische Armee emigrierte er Anfang der 80er Jahre nach Amerika und betrieb dort eine Anwaltskanzlei. In den 90ern in seine Heimat zurückgekehrt, starb er dort am 28. April 2002.

Weitere Titel in der Edition Nautilus:
Der fette Bastard
Der Hund
Nomad McGuinness

Pressestimmen

»Eigentlich also ist der durchschnittlich-überdurchschnittliche Belfaster IRA-Sympathisant und gut austrainierte Leistungstrinker der kollektive Held in McGuffins Geschichten ... Großer Durst gehört ebenso dazu wie die Bereitschaft, ihn möglichst bald zu löschen und sich rückhaltlos auf die Situation einzulassen, die dabei entsteht.«
Gießener Anzeiger

»Ausgesprochen gut fabulierte, mit Sinn für Witz und Komik präsentierte Stories ...«
EKZ-Informationsdienst

Textauszug

»Wo hast du gesteckt, du fetter Bastard? Du schuldest uns zwei Pints.«

Vor Jahren schrieb ich eine rührende Geschichte mit dem Titel »Norman« über den dümmsten Blödmanndeppen von einem Nachrichtenoffizier, der in dem hübschen Städtchen Derry jemals der republikanischen Bewegung gedient hat. Einige meiner wenigen unerschütterlich treuen Fans haben mich seither mit ausgesuchter Höflichkeit beschuldigt, ich hätte Norman erfunden. Zur Begründung führten sie an, kein Mensch könne derart bescheuert sein. Das hat mich zwar ziemlich geärgert, aber ich konnte wenig bis gar nichts dagegen unternehmen, bis ich schließlich von Sodom und Beigottja an der Bucht in den früheren Eichenhain umzog, der als Doire oder Derry bekannt ist. Dort ließ ich mich im vergangenen Monat mit meiner geschätzten Übersetzerin CK nieder, die sich in Sachen Norman ebenfalls als äußerst skeptisch erwies.
Für diejenigen unter Euch, die sich die Mühe gemacht und in den letzten zwei Jahren die Ereignisse in unserem kleinen Mordirland verfolgt haben, wird die Mitteilung kaum überraschend kommen, daß der Krieg zu Ende ist und die Guten verloren haben.
Alles wandelte sich gänzlich, eine schreckliche Häßlichkeit kam zur Welt – wie William Butler Yeats es vielleicht formuliert hätte, wäre er nicht in seine kleinen keltisch-faschistischen Träume versunken gewesen. Heute haben wir britische Supermärkte und ultrakrasse Nachtclubs, wummert, voll aufgedreht, aus jedem Laden, aus jeder Wohnung, aus jedem Walkman Techno und verblödet mit seiner repetitiven Kakophonie, mit seinem maliziösen, zombifizierenden Bumm, Bumm, Bumm die Leute. Das hat eine Tradition, die bis zu den Römern zurück reicht. Wenn du den Benachteiligten kein Brot geben kannst, biete ihnen Spiele. Zirkus. Ihre Zirkusse ähneln allerdings mehr einem Kasperletheater als Barnum und Bailey oder den Ringling Brothers. Aber ich schweife mal wieder ab.
Einige Dinge ändern sich jedoch nie, und eine knappe halbe Stunde nachdem wir die Jungfräuliche Stadt betreten hatten, waren wir in der Bogside. Die Jungfräuliche Stadt verdankt ihren Namen den tapferen Lehrbuben, die 1689 die Stadttore zuwarfen und damit verhinderten, daß wild gewordene Papisten ihr schönes Städtchen verwüsten. Dafür sind wir noch heute dankbar, verbrennen wir nicht jedes Jahr auf dem zentralen Platz den Papst in effigie?
Wie dem auch sei, kaum hatte ich mit meiner glaubwürdigen teutonischen Zeugin in der düsteren Dungloe-Bar Zuflucht gefunden, erkannte ich zwei der bislang nicht besungenen größten Helden Derrys, Thomas und Seamus, denen ich meine Geschichten über Norman verdankte. Sie waren älter, wenn auch gewiß keinen Deut weiser geworden. Sie hatten den gerechten Kampf für die Revolution geführt und verloren – wie wir alle. Vier Jahre waren vergangen, seit ich sie das letzte Mal gesehen hatte, aber es kam mir vor, als sei es erst gestern gewesen.
»Wo hast du gesteckt, du fetter Bastard? Du schuldest uns zwei Pints.« Es war gut, wieder zurück zu sein. Doch irgendetwas drückte auf die Stimmung dieser normalerweise fröhlichen und geselligen Saufkumpane.
»Was geht denn so ab?« gestattete ich mir zu fragen – von alten journalistischen Gewohnheiten kommt man nur schwer los.
»Soll das heißen, daß du es noch nicht weißt?« spöttelte Thomas. »Ich dachte, ihr Reporter wißt immer alles.« ...

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