Belletristik / Krimi

Astrid Schmeda

Quasi una fantasia

Eine Reise mit Fanny Mendelssohn

Originalveröffentlichung
Gebunden mit Schutzumschlag, 160 Seiten
€ (D) 7,90  Sonderpreis
€ (A) 8,20

ISBN 978-3-89401-395-0

Quasi una fantasia
Inhalt

Astrid Schmedas biographischer Roman Quasi una fantasia hat zwei Heldinnen: Fanny, die verkannte Schwester Felix Mendelssohns, und Selma, die Klavierlehrerin – und Erzählerin. Angelehnt an Fannys Klavierzyklus »Das Jahr« werden in zwölf Kapiteln die Erlebnisse der Italienreise Fanny Mendelssohns nachgezeichnet. Ein spannender und stimmungsvoller Roman über zwei Künstlerinnen im 19. und 20. Jahrhundert.

»Die Musik wird für Deinen Bruder Felix vielleicht zum Beruf, während sie für Dich stets nur Zierde, niemals Grundbass Deines Seins und Thuns werden kann und soll ...«, schrieb Abraham Mendelssohn 1820 an seine vierzehnjährige Tochter Fanny. Diese Beschneidung der Talente ist ein Schicksal, das die Schwester des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy mit vielen Künstlerinnen des 18. und 19. Jahrhunderts teilt. Erst eine Reise nach Italien und Rom 1839, die sie der Kontrolle ihrer Familie entzog, ließ ihre Ambitionen wieder aufleben: In Rom umgab sie sich mit Künstlern, die ihr zeigten, was künstlerische Freiheit bedeuten konnte, und sie erreichte ihre schöpferische Blüte.

Das Tagebuch dieser Italienreise und die dort entstandene Klavierstückesammlung »Das Jahr« entdeckt die zweite Heldin aus Quasi una fantasia für sich: Die Klavierlehrerin Selma übt die »12 Charakterstücke für das Fortepiano« ein und erinnert sich dabei an ihren eigenen künstlerischen Weg, den sie, wie Fanny, gegen den Willen ihres Vaters, gefunden hat.

Zur Autorin
Astrid Schmeda

Astrid Schmeda, geboren 1950 in Aurich / Ostfriesland, studierte Pädagogik, Soziologie und Psychologie und gründete in Hamburg die erste Frauenberatungsstelle. Seit 1982 veröffentlicht sie Romane und Erzählungen. Heute lebt Astrid Schmeda in Südfrankreich.

Weitere Titel in der Edition Nautilus:
Ein leidenschaftliches Interesse am wirklichen Leben

Textauszug

»O du mein schönes Italien! Wie reich bin ich innerlich durch dich geworden!«
Fanny Mendelssohn

Dezember – Allegro molto
Alles beginnt in Rom.
In den ersten Tagen des Dezembers gehst Du in die Sixtinische Kapelle, um den Papst zu sehen, und rümpfst die Nase über den »sehr unreinen und mittelmäßigen Gesang«, den Du nur von Weitem, mit den anderen Frauen hinter ein Gitter verbannt, anhören darfst, aber Du bekommst nichts von der Zeremonie mit, denn Du bist kurzsichtig.
Vorsichtig äußerst Du Dich über erste Eindrücke von Rom. Alles ist ja hinlänglich bekannt, und so gefällt Dir nicht das, was alle Welt als grandios empfindet und sich jedem Besucher aufdrängt, sondern das Unbeabsichtigte. Das Campo Vaccino mehr als der Petersplatz.
Gleich in der ersten Woche seid Ihr bei Ingres eingeladen, dem Direktor der französischen Kunst-Akademie in der Villa Medici.
Du bist schon eingeführt durch Deine Brüder, Felix genießt große Verehrung und auch Dein jüngster Bruder Paul war hier und hinterließ Eindruck mit seinem Kontrabass-Spiel. Nun bist Du dran. Du bist aufmerksam und neugierig bei der ersten Begegnung mit den jungen französischen »Bärten«, die sich nach dem Abendessen einfinden, um der Musik zu lauschen: Akademie-Stipendiaten, Musiker, Komponisten, Maler. Du schreibst Deinen Neid offen nach Berlin.
Was muss einer glücklich sein, in diesem Hause leben, schaffen, lernen zu dürfen. Und erst der Posten des Direktors, mit allen Mitteln ausgestattet! Wissen diese jungen Männer, wie gut sie es haben? Von Ingres Malerei hältst Du nicht viel, Du wirst es später Deinem Mann erzählen, und es nach Berlin berichten. Ein Landschafts- und Historienmaler. Aber solch eine wundervolle Stätte! Und diese jungen Flegel! Du weißt sofort, dies ist Dein Ort. Sonntags wird musiziert. Du bist dabei und hast das reizvollste Publikum.

An diesem Morgen fahrt Ihr nicht den Papst selbst, aber seine Wohnung besichtigen. Der 75-jährige hat sich gerade sein Zimmer neu einrichten lassen, in rotem Damast und grünen Gardinen, als gedächte er noch ein Vierteljahrhundert darin zu verbringen. Ihr bewundert den Luxus seiner Wohnung, die elfenbeinernen Kruzifixe, die Ausblicke bis zum Albanergebirge.
Danach geht es zum Lateran-Museum. Du bist gespannt auf das Original von Raffaels »Transfiguration«. Die Kopie kennst Du, sie hängt im Raffael-Saal des Schlosses Sanssouci und wurde von Wilhelm angefertigt. Dafür bekam er damals ein Stipendium vom König von Preußen, das ihm erlaubte, sich fünf Jahre in Italien zu bilden. Am Eingang zum Museum schaut der Mann, der die Karten abreißt, Wilhelm aufmerksam an, dann umarmt er ihn herzlich. Alle Galeriediener eilen herbei. Es ist eine große Freude. Rinaldi, der ihm damals zur Seite stand, ist stolz und herzlich. Es ist 13 Jahre her. Alle wollen sie Dir berichten, wo er damals saß, wie eifrig er arbeitete, wie erstaunt sie jeden Tag über das Ergebnis waren, wie sie ihm geholfen haben. Du nennst die Kopie »merkwürdig vortrefflich«. Erinnert Dich die Geschichte an Deine Jahre des Wartens?
Dann interessieren Dich nur noch die Gärten. Päpstliche Orangen erhaltet Ihr als Geschenk. Sie müssen noch reifen.

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