Belletristik / Krimi

Holger Biedermann

Von Ratten und Menschen

Roman

Originalveröffentlichung
Broschur, 192 Seiten
€ (D) 12,90
€ (A) 13,30

ISBN 978-3-89401-396-7

Erschienen 2002
Von Ratten und Menschen
Inhalt

Ganz wie bei John Steinbeck sind die beiden Jugendlichen Lennie und George für die Gesellschaft untragbar: George ist gerissen, Lennie gewalttätig und grenz-debil. Sie gelten als »schwere Fälle« und landen in einer erlebnistherapeutischen Maßnahme, der »Kleinen Flatter« auf Mallorca. Von dort hauen sie ab, um den Leiter des Projekts, einen frustrierten Sozialarbeiter, der Geld veruntreut hat, zu erpressen. Als sie ihn in Hamburg aufsuchen, gibt es den ersten Toten.
Es ist der 11. September 2001. Gegen Mittag dieses wunderschönen Spätsommertages findet Kommissar Pieter Lund die Leiche. Wenige Stunden später sieht er im Präsidium die Bilder von den Flugzeugen, die ins World Trade Center fliegen. Der Tote, den der Kommissar gefunden hat, scheint zunächst nichts mit den Anschlägen zu tun zu haben. Er ist kein Araber, er ist kein Terrorist. Trotzdem hat Pieter Lund gute Gründe, in der Hamburger Moslem-Szene mit seinen Ermittlungen zu beginnen. Was er aber schließlich findet, ist eine ganz andere Geschichte. Eine alte Geschichte. Sie hat nichts mit dem 11. September zu tun. Oder doch?

 

Zum Autor
Holger Biedermann

Holger Biedermann wurde 1952 in Hamburg geboren. Nach der Schulzeit Reisen und wechselnde Jobs, u.a. als Bademeister, Hilfsarbeiter, Musiker. Studium der Musik- und Theaterwissenschaften, künstlerische Ausbildung als Konzertgitarrist. Lebt als Gitarrist, Komponist von Film- und Kammermusik, Journalist und Autor in Wohltorf bei Hamburg.

Textauszug

»... George saß unbeweglich am Ufer und schaute auf seine rechte Hand, welche die Pistole weggeworfen hatte.« John Steinbeck
George sah den feuchten Nacken direkt vor sich. Zwei Fleischfalten kräuselten sich oberhalb des offenen Hemdkragens, worauf der wuchtige Kopf mit den grauen, stoppeligen Haaren befestigt schien. Ganz oben schimmerte die schweißnasse Tonsur, über die jetzt eine Hand wischte, mit Fingern daran wie ein Büschel Bananen.
»Ganz schön heiß heute, was?«
Der dicke Mann fuhr herum.
»Ja, ganz schön heiß...«
»Wissen Sie, wo wir hier sind?«
George rutschte mit dem ausgestreckten linken Arm an einem Laternenpfahl hoch, wodurch sich sein wohlgeformter, jugendlicher Körper dehnte.
»Ja« sagte der Mann leise und senkte den Blick.
»Kommen Sie.«
George bückte sich, als ob er sich die Schuhe zubinden müsste und streckte dabei seinen jungmädchenhaften Hintern heraus.
»Haben Sie ein Hotelzimmer?«
Der Mann faltete die Hände und nickte langsam. Als er das gerötete Gesicht hob, konnte Georg in seinen zusammengekniffenen Augen schon die kaum noch versteckte Geilheit schimmern sehen.

Übergangslos kam die Dunkelheit. Lennie stemmte sich hoch. Er wollte wenigstens heraus aus dem Zwielicht, dem tanzenden Neon der Bars, Restaurants und Hotels entgegengehen. Er würde schon rechtzeitig wieder zurück am Treffpunkt sein. Er wischte sich die verschwitzten, großen Hände unbeholfen an der schmutzigen Arbeitshose trocken und trottete auf die Bar mit der grellsten Lightshow zu.
Novitzki, dachte er, der wird Augen machen, wenn er hört, dass wir weg sind aus der Casa del sol. Fast hätte er George nicht nachgegeben, als der vorschlug abzuhauen. Diese Frau, Lina Wertheim, sie war so sanft mit ihm gewesen. Sie hatte ihm weiche Sachen gekocht, die er ohne Schmerzen essen konnte. Sie hatte ein Mittel gegen das nervende Jucken an seinem linken Fuß besorgt und ihm die Furunkel am Hals verarztet. Auch seine verfilzten Haare hatte sie geschnitten. Aber Lina hatte nicht mehr allzu lange, bis Novitzki aus dem Urlaub zurück war. Dann wäre der Frust wieder losgegangen. Lennie fröstelte, er zog die Schultern hoch und hielt die Lippen geschürzt wie ein schmollendes Kind.
In den Augenwinkeln sah er vorne rechts aus dem Hoteleingang einen jungen Typ herausrennen. Dicht hinter ihm folgte ein sportlicher, großer blonder Mann in mittleren Jahren. Ganz in Gedanken versunken hatte er sich fast schon abgewendet, da riss er in jähem Schrecken die Augen weit auf:
»George!«

George blieb mehrere Meter hinter dem Mann, als dieser die Stufen des Vier-Sterne-Hotels hochstieg. Im Zimmer 112 ließ der dicke Mann sich schnaufend auf das Bett fallen, öffnete die Knopfleiste über seinem Bauch und spreizte die Beine.
»Komm.«
Er winkte mit den Händen. George ging auf ihn zu, nahm seine rechte Hand und drückte sie sich zwischen die Beine. Der Mann stöhnte. George beugte sich über seinen beschäftigten Freier, nahm eine Vase vom Nachtschrank und schlug sie ihm über die glänzende Tonsur. Nicht zu fest, aber auch nicht zu schlapp. George hatte Übung. Dann filzte er rasch die Jacken an der Garderobe, den Kleiderschrank, die zwei Koffer und die Kleidung des Bewusstlosen. Wenige Minuten später war er im Besitz von achthundert DM, knapp tausend Peseten, sowie zweier Kreditkarten. Zufrieden stopfte George sich die Beute in die Hosentaschen. Jetzt konnten sie die Fähre bezahlen. Er fühlte routinemäßig den Puls seines Opfers, wandte sich dann ab, öffnete die Tür, und blickte genau in das verdutzte Gesicht eines großen, muskulösen Mittdreißigers.

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