Belletristik / Krimi

Kerim Pamuk

Sprich langsam, Türke


Originalveröffentlichung
Gebunden, 120 Seiten
€ (D) 8,–  Sonderpreis
€ (A) 8,30

ISBN 978-3-89401-410-0

Sprich langsam, Türke
Inhalt

Für eine Handvoll Knoblauch...

Kerim Pamuk, in der Türkei geboren und in Hamburg aufgewachsen, erzählt in Sprich langsam, Türke mit treffsicherer Komik vom türkisch-deutschen Zusammenleben. Ob er über die sprachlichen Eigentümlichkeiten der dritten Generation sinniert, das anarchische Chaos einer türkischen Hochzeit schildert oder das neue Ethno-Marketing der Deutschen Telekom erläutert – Kerim Pamuk gewährt verblüffende Einblicke in die Geheimnisse türkischer Lebenskunst in der teutonischen Diaspora.
In Sprich langsam, Türke gibt er letztgültige Antworten auf so wichtige Fragen seiner türkischen Landsleute wie die, warum die Deutschen die besten Autos bauen, aber trotzdem dieselbe Straße dreimal im Jahr aufreißen, wieso sie so oft »Ich zeig dich an« zu ihren Nachbarn sagen oder mit Ausländern gebrochenes Deutsch sprechen. Gerechterweise erklärt er den Deutschen aber auch den Kinderreichtum der Türken, die Ursachen für die lustige und derzeit viel imitierte Sprechweise türkischer Jugendlicher oder die Technikbegeisterung der Anatolen.
»Wir wollen die über dreißigjährige Ignoranz auf beiden Seiten, die immer noch vorhandenen Vorurteile und Stereotypen hegen, pflegen und würdigen«, so das erklärte Ziel des Autors und Kabarettisten. In seinem Buch hat er die bahnbrechenden Erkenntnisse seiner jahrelangen Feldforschung zusammengetragen: Deutsche erfahren endlich, warum ein klassischer türkischer »Diskürs« so manches Mal auf der Polizeiwache endet. Türken können nachlesen, warum es für Deutsche kein schöneres Symbol für pochende Leidenschaft gibt als einen 10x15-Abzug vom Sonnenuntergang am Kleopatra Beach. Pamuk schreibt witzig, melancholisch, manchmal sarkastisch.

Zum Autor
Kerim Pamuk

Kerim Pamuk, 1970 an der türkischen Schwarzmeerküste geboren, lebt in Hamburg. Mit den beiden Kabarettprogrammen »Mann & Mäuschen«, »Máximo Lúder« und Lesungen aus seinen Büchern tourt er durch die Republik. In der Hansestadt präsentiert er monatlich die Catbird Comedy Show.

Weitere Titel in der Edition Nautilus:
Alles Rodger, Hodscha?

Aktuelle Lesungen und Veranstaltungen mit Kerim Pamuk sind immer zu erfahren unter www.kerimpamuk.de

Pressestimmen

»Kerim Pamuks Figuren sind zwar manchmal auch krass, doch dabei immer intelligent und hintersinnig – auch in seinem neuen Programm, wo es um die manische Suche des Menschen nach Authentizität und die Beliebigkeiten im menschlichen Zusammenleben geht. All das verpackt in kleine Geschichten, die Kerim Pamuk mit gekonntem Wortwitz erzählt.«
Roswitha Buchner, Bayerischer Rundfunk

»Das Büchlein ist ein Schlüsselloch, durch das wir Leben und Gewohnheiten der Türken beobachten können. (...) Kerim Pamuk hat die neue Sprache mit neun Jahren zum ersten Mal gehört und wetzt sie unter anderem auf der Kabarettbühne. Auf deutsch schreiben kann er. Ehrenwort der italienischen Rezensentin. Man spürt es. Er schreibt türkisch schnell auf deutsch.«
Antonella Romeo, Die Zeit

Textauszug

Kültürverein Istanbul

Da geht man als harmloser Passant die Straße entlang und hört aus dem türkischen »Kültürverein Istanbul« wilde Schreie, sieht durch die dunkelweiße Gardine viele Hände wild in der Luft herumfuchteln. Jeder Norddeutsche mit entsprechendem Walroß-Gemüt würde sofort zum Telefon greifen und die Polizei rufen, denn schließlich wird man gerade Zeuge einer wüsten Schlägerei. Hauen die Türken sich die Köpfe ein? Geht es schon wieder um Stolz und Ehre?
Weit gefehlt, die männlichen türkischen Gastbürger gehen ihrem einzigen Hobby nach. Sie spielen. Karten und Backgammon. Stundenlang, ausdauernd, mit einer Leidenschaft, als ob es um Leben und Tod ginge. Und das unter Extrembedingungen, denn jede ranzige Spelunke an der Ecke ist der reinste Luftkurort verglichen mit einem türkischen Teehaus. Der Begriff »Belüftung« existiert nicht im Wortschatz des Kültürverein-Betreibers. Aber dafür ist er ein exquisiter Innenarchitekt: Gemütliche Neonröhren, Plastiktische mit Tischwäsche aus grünem Filz und filigranen Wackelbeinen, Designersitzmöbel im Inquisitionslook, Original-Tapeten aus den fünfziger Jahren und ein dezenter, mittig aufgehängter 75-Zoll-Fernseher mit Fußballübertragungen in Echtlautstärke. Ein besonderes Vergnügen ist der Gang zur Toilette. Fließend Wasser an allen vier Wänden, ein farblich auf die Pissoirs abgestimmtes Polyesterhandtuch (mit 15% Baumwolle-Anteil) neben dem Waschbecken, das immerhin alle zwei Wochen ausgewechselt wird und zum Abrunden des Gesamtbildes der olfaktorische Höhepunkt: Duft nach Kuhfladen mit Heimaterinnerungsgarantie. Im Untertagebau kann man sich nicht wohler fühlen.
An diesem so gastlichen Ort qualmt neben dem Tabak bald auch der zentralasiatische Flachschädel. Unter der tiefen Decke mischen sich die Rauchschwaden mit allen Flüchen, die die türkische Sprache hergibt. Türkmann haut sich am rauen Filz den Handrücken wund und schlürft literweise das Nationalgetränk seiner Heimat hinunter. Schwarzen Tee. Bitter, abgestanden und mit Carbonat verstärkt. Er brüllt, jault und zetert unentwegt, raucht schachtelweise Marlboro. Auf die Karten fixiert wie ein Stier auf das rote Tuch des Toreros, springt er auf und nieder, damit sich seine plattgesessenen Hämorrhoiden in ganzer Pracht entfalten können. Seine zweite Schicht am Spieltisch dauert genauso lange wie die erste auf der Arbeit, nur ohne Mittagspause. Hochleistungssportler werden erahnen, welche Kondition dazu notwendig ist. Kültürverein-Gladiatoren sind asketische Kämpfer, sie brauchen Tee und Spiele, das genügt.

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