Belletristik / Krimi

Annett Gröschner / Peter Jung

Ein Koffer aus Eselshaut

Berlin – Budapest – New York

Originalveröffentlichung
Gebunden mit Schutzumschlag, 288 Seiten, mit 50 S/W-Fotos
€ (D) 22,–
€ (A) 22,70

ISBN 978-3-89401-432-2

Erschienen Februar 2004
Ein Koffer aus Eselshaut
Inhalt

Der legendäre Vater war nicht nur Kommunist, Schiffsentführer, Literat und Börsenfachmann, er war unstet in seinen Liebesbeziehungen wie in seinen Wohnorten und Beschäftigungen. Franz Jung war ein schwieriger Mann: zerstörerisch, entwurzelt, streng gegen sich und die anderen. Annett Gröschner versetzt uns in die Kindheit seines Sohnes Peter im Berlin der 30er Jahre. Sie beschreibt die Stationen der Flucht vor den Nazis, die die Familie nach Genf, Wien und Budapest verschlägt, und schließlich in das New York der 50er Jahre, wohin Peter seinem Vater als 16jähriger folgte. Hatte Franz Jung seine Autobiographie Der Weg nach unten genannt, so ist der Werdegang Peter Jungs ein Weg nach oben. In New York löst er sich von der schwierigen Vaterfigur und beginnt sein eigenes Leben. Als Manager in der Ölbranche wird er ein Weltenbummler bleiben.
Annett Gröschner gelingt es, auch die bizarre Komik der menschlichen Gegensätze und der wechselnden Beziehungsgeflechte zu schildern, in denen Peter Jung gelebt hat – die unterschiedlichen Frauen seines Vaters, die Emigrantenkreise ... Mit Diskretion und ihrem eigenen Blickwinkel beschreibt sie das Leben eines der vielen Menschen, die mit einem kleinen Koffer loszogen, um ihr Glück in der Fremde zu suchen.

Zu den Autoren
Anett Gröschner

Annett Gröschner, 1964 in Magdeburg geboren, 1983-91 Studium der Germanistik in Ost-Berlin und Paris, 1992-96 Historikerin im Prenzlauer Berg Museum, seit 1994 Beteiligung an verschiedenen Ausstellungs- und Buchprojekten, seit 1997 freie Autorin und Journalistin in Berlin. Mit dem Roman Moskauer Eis (Berlin 2000) erlangte sie größere öffentliche Bekanntheit. Sie wurde u.a. ausgezeichnet mit dem Anna-Seghers-Stipendium der Akademie der Künste Berlin und dem Erwin-Strittmatter-Preis des Landes Brandenburg. Bei der Edition Nautilus erschien u.a. Parzelle Paradies (seit 2014 vergriffen).
Mehr zur Autorin unter www.annettgroeschner.de

»Wenn es denn eine literarische Geschichtsschreibung von unten in den letzten Jahren gegeben hat, dann wird man sie in den Texten und Bildern von Annett Gröschner finden können.« 
Peter Böthig,
Laudatio anlässlich der Verleihung des Erwin-Strittmatter-Preises

 

Peter Jung

Peter Jung, 1932 in Berlin geboren; in den 30er und 40er Jahren Flucht nach Wien, Genf, Budapest und Bad Nauheim. 1949 Emigration in die USA zu seinem Vater Franz Jung; 1953 Besatzungssoldat der US-Armee in Deutschland. 1955 Rückkehr in die USA, bald darauf erste Anstellung bei Esso als Analyst – der Beginn einer steilen Karriere in der Ölwirtschaft. Peter Jung verstarb kurz nach der Veröffentlichung  dieses Buches 2004.

 

Pressestimmen

»... ein gelungenes Lesebuch, das zwei radikal verschiedene Lebenswege einander gegenüberstellt.«
Konkret

Textauszug

»Es ist schon etwas ungewöhnlich, wenn es für jede Fertigkeit, die ein Mensch erlernt, einen anderen Ort auf der Welt gibt. Laufen habe ich in Berlin gelernt, Schreiben in Genf, Schwimmen am Balaton, Fahrradfahren in Budapest, Geschäftemachen in Budapest und Bad Nauheim, Autofahren in New York.«

Ich kann nicht unterscheiden zwischen dem, was mir erzählt wurde und dem, was ich selbst erlebt habe, bevor wir 1938 in die Schweiz kamen. Es gibt das Fotoalbum. Man denkt, daß man sich erinnert, aber eigentlich ist es nur ein verschwommenes Foto, auf dem man selbst am Meer ist, in Zoppot bei Danzig. Eine Straße in Berlin, meine Hände so klein wie die Pflastersteine auf dem Gehweg, auf dem ich mit meiner Mutter stehe. Oder Binz auf Rügen, 1936, der letzte Sommer in Deutschland. Meine ganze Kindheit hangelt sich an diesen Fotos entlang, und ich weiß nicht, was habe ich wirklich bewußt erlebt und was nicht. Das wird vielen so gehen, aber es gibt nur wenige Menschen, die eine Kindheit gehabt haben, von der Literaturhistoriker mehr zu wissen glauben als man selbst. [...]
Meine Mutter hörte ein letztes Mal auf meinen Vater, und wir packten. Ich bekam einen Kinderkoffer aus Eselshaut. In den durfte ich soviel Spielzeug packen, wie hineinpaßte. Es war nicht viel. Ich erinnere mich nur noch an den Pinguin. Ich ließ die Märklin-Eisenbahn, die dreißig Karl-MayBände, die Münzsammlung, die Zinnsoldaten und Bleischiffe, das nagelneue Fahrrad, das mir Vater besorgt hatte, bevor er verschwand, und mein Zimmer mit den Möbeln zurück. Den Frosch habe ich freigelassen. Vorher hatte ich noch einmal mein Zimmer aufgeräumt. Ich schätzte die Ordnung. Ich war mir sicher, daß wir wieder zurückkehren würden. Es gab mal wieder eine kleine Reise, diesmal nach Wien, schön. Die offizielle Linie war, es ist nur vorübergehend. Der Hausmeister paßt solange auf unsere Wohnung auf. Ich drehte mich, bevor ich das Zimmer verließ, noch einmal um. Da standen all die schönen Dinge ordentlich aufgereiht im Regal.

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