Belletristik / Krimi

Italo-Svevo-Preis 2007

Gerd Fuchs

Zikaden

Sommergeschichten

Originalveröffentlichung
Gebunden, 96 Seiten
€ (D) 12,90
€ (A) 13,30

ISBN 978-3-89401-434-6

Erschienen 2004
Zikaden
Inhalt

Gerd Fuchs’ neuer Erzählungenband »Zikaden« liest sich, wie man ein vergessenes und wiedergefundenes Urlaubs-Fotoalbum betrachtet: kleine Tableaus und kurze Geschichten rufen Erinnerungen an gleißende Sommertage und schwüle Nächte wach, an Fremdes und Unheimliches ebenso wie an liebliche und heitere Begebenheiten.
So wie ein Duft, ein Parfum eine mit Worten nicht beschreibbare Fülle von Bildern auferstehen lassen können, so gelingt es Fuchs, den Leser in eine südliche Ferne zu ziehen, aus der man nach der Lektüre zurückkehrt wie nach einer Reise.
Ein befreiendes Gewitter nach Tagen beklemmender Schwüle; ein im deutschen Winter frierender, aus Mexiko mitgebrachter Schutzengel aus Blech; ein äffischer Sammeltrieb, ausgelöst durch den Anblick reifer Früchte, dem man mit einer Mischung aus Scham und Stolz nachgibt; die uralten Schichten von Geschichten und Mythen in griechischen Urlaubsorten – all dies ist Gerd Fuchs Anlaß zum Erzählen, zum Fabulieren und zum Abtauchen in andere Welten.

Zum Autor
Gerd Fuchs
© Detlef Grumbach

Gerd Fuchs (* 14. September 1932 in Nonnweiler (Saar), † 13. April 2016 in Hamburg). Ab 1964 war er journalistisch tätig, zunächst als Feuilleton-Redakteur bei der Welt, ab 1967 als Kultur-Redakteur beim Spiegel und später als freier Mitarbeiter bei der konkret. Seit 1968 arbeitete er als freiberuflicher Schriftsteller und Lektor. Er war Mitglied des deutschen PEN und veröffentlichte zahlreiche Romane. Gerd Fuchs wurde u.a. mit dem Förderpreis des Lessing-Preises, dem Kunstpreis der Stadt Saarbrücken und dem Italo-Svevo-Preis ausgezeichnet.

»Fuchs wählt für seine Prosa stets einen gesellschaftlichen Ausschnitt, in dem Menschen in Bewegung, in Verunsicherung, auf der Suche sind.« Uwe Naumann

Pressestimmen

»… ein lesenswertes Buch.«
Bildstörung – Zeitschrift für frische Worte und Bilder

 

Textauszug

»Fernher dort durch die Nacht das Tosen der Brandung gegen die Felsen der Bucht. Schneidend dann das Erwachen im Gellen der Zikaden. Später die Weinlaube vor der kleinen Taverne und der Blick auf die Hafenbucht und die Befriedigung, dies alles so vorgefunden zu haben wie erwartet.«

Man hört sie bewusst erst, wenn man die Koffer ins Haus getragen und die Fenster geöffnet hat. Aber das ist am späten Nachmittag, wenn das Dorf bereits gegen sie ankommt mit Radiogedudel, den Rufen des Melonenverkäufers, startenden und ankommenden Autos, mit Stimmen, die sich über Gärten hinweg suchen.
Hinter dem Haus steht angebunden an einen Olivenbaum mit hängendem Kopf ein Esel. Erst am nächsten Morgen entsteht eine Ahnung, womit man es zu tun hat. Man wacht auf wie hinter einem Vorhang aus endlos herabklirrenden grellbunt glitzernden Glassplittern.
Man kämpft gegen den Impuls, sich die Ohren zuzuhalten. Das Dorf ist ein Streifen weißer Steinkuben, folgend der Biegung der Bucht und aufsitzend auf ein wenig Schwemmland, das die Winterregen von den Bergen herunter gewaschen haben. Am Morgen ist der Himmel von tiefer, unerbittlicher Bläue. Am Mittag aber, wenn er milchig ist vor Hitze, kommt nichts mehr an gegen dieses sich immer noch steigernde Schrillen.
Es ist nicht erkennbar, ob der Esel hinter dem Haus gefüttert und getränkt wird. Unter seinem struppigen Fell zeichnen sich hart die Rippen ab. Er ist weiß um Augen und Maul. Die Köpfe der Badenden sind wie auf und ab wippende Korken vor der schmalen, in den Hafen hineinreichenden Mole und in der einlaufenden Dünung. Mit flachem Klatschen schlägt sie gegen die Kaimauern, außerhalb des Hafenrunds verliert sie sich schwach gischtend im Ufergeröll. Auf einem Tisch vor einer der beiden Tavernen zwei Bouzukis.
Der Weg zum nächsten Dorf, einst für Eselskarren angelegt, ist nur geringfügig erweitert worden. In den jähen Kurven ist es eine Sache des Glücks, dass einem kein Wagen entgegen kommt, und man muss sich ermahnen, daran zu glauben, dass er um die Felskante weiterführt und man nicht stracks geradeaus in die Luft über der tief unten liegenden Bucht getragen wird. Aber bald beginnt ja auch schon die asphaltierte Überlandstraße.
In endlosen Schwenks drehen sich Abstürze und Buchten im Viereck der Windschutzscheibe. Oben aber, in einem hochgelegenen Tal, verläuft die Straße endlich wenigstens ein paar Kilometer geradeaus. Aus einem in der Geröllhalde kaum unterscheidbaren Gehöft rennen barfüßige Kinder. Sie winken und schreien etwas, was im Wagen nicht zu verstehen ist. Man sieht nur die geöffneten Münder. Man winkt zurück.
Fahr nicht so schnell, sagt Margot, lauter als nötig. Sie greift zur Thermoskanne mit dem Eistee. Spät in der Nacht den Weg zurück zu finden erfordert Konzentration. Die Straße scheint immer wieder in der Schwärze der Nacht zu enden. Das hohe, tote Gras am Rand leuchtet kalkig im Scheinwerferlicht. Weit voraus die Lichter eines entgegenkommenden Wagens, erlöschend, wenn er in einer Kurve im Hang verschwindet, wieder aufleuchtend, wenn er daraus hervortaucht, ein mühsames Sichvoranarbeiten in der Schwärze der Nacht in der Flanke des Bergs hoch über dem mondlosen, schwarzen Meer. Die erleuchtete Terrasse liegt wie ein Rettungsfloß da.
Endlich Stille. Die Bouzukis auf dem Tisch vor der Taverne. Das tiefe, glänzende Braun, die volle Rundheit ihrer Körper. Grell leuchtet der Sternenhimmel über der eingestürzten Bergflanke hinter dem Haus. Mächtig tönt jetzt die Brandung aus der Bucht herüber, und plötzlich ein Akkord. Nur dieser eine Akkord, dem nichts mehr folgt.
In der Mittagshitze nimmt das Schrillen der Zikaden etwas Maschinenhaftes an.

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