Belletristik / Krimi

Inge Viett

Morengas Erben

Eine Reise durch Namibia

Originalveröffentlichung
Broschur, 128 Seiten
€ (D) 10,90
€ (A) 11,30

ISBN 978-3-89401-447-6

Morengas Erben
Inhalt

Reisen ist für Inge Viett der offene Blick, das Hineinbegeben in eine fremde Welt, die Spannung, die den ganzen Körper erfasst, die Neugier, das Wagnis. Mit einer Freundin und einem sehr alten VW-Bus durchstreift die Autorin Namibia. Sie begegnet ganz verschiedenen Menschen und einer überwältigenden Natur. Sie besucht deutsche Emigranten, engagierte Pfarrer, politische Aktivistinnen und Aktivisten, Dropouts und eine grüne Politikerin. Die verheerenden Auswirkungen von Kolonialismus und Rassismus sind immer noch präsent.

Die Autorin verfolgt die Spuren der deutschen Kolonisation, die 1904 im Völkermord an den Hereros und Nama einen erschütternden Höhepunkt fand. Die Reise ist aber auch voller Überraschungen und Abenteuer. Die Leser bekommen einen vielschichtigen Einblick in dieses Land im Aufbruch, in seine Faszination und Problematik.

Zur Autorin
Inge Viett

Inge Viett, geb. 1944, in Schleswig-Holstein aufgewachsen, zog 1969 nach Westberlin, wurde Mitglied der »Bewegung 2. Juni«; 1972 und 1975 verhaftet, brach beide Male aus dem Gefängnis aus. Kurze Mitgliedschaft in der RAF, 1982 Übersiedlung in die DDR. 1990 in Magdeburg verhaftet und 1992 zu 13 Jahren Haft verurteilt, 1997 entlassen.

Weitere Titel in der Edition Nautilus:
Einsprüche
Nie war ich furchtloser

Pressestimmen
»... Detailreich und interessant ... ein schönes und kluges Buch und hochaktuell.«
Gerhard Desombre, Neues Deutschland

»… ein politischer Reisebericht ….«
Gerd Bedszent, Junge Welt

»… ein lesenswertes Buch, sowohl für Namibia-Kenner, als auch für Neulinge.«
Zeitzeichen, Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft
Textauszug

Zehntausend Meter unter uns breitet sich die Kalahari aus. In meiner Vorstellung habe ich sie als nackte Sandwüste gesehen, aber sie ist eine wasserlose Steppe. Durch die winzigen Flugzeugfenster erfasse ich nur ihre Ausdehnung in die nördliche Richtung. Gleich einem Meer schließt sie sich am Horizont mit dem Himmel zusammen. Durch die klare Luft erkenne ich aus dieser Höhe Einzelheiten am Boden, den weitläufigen kargen Bewuchs niedriger Bäume und Büsche, niedergehalten von der brennenden Sonne. Ihre Erde hat die Farbe verblichener Knochen.
Wie ein ausgebreitetes Leopardenfell liegt die Kalahari-Wüste unter mir. Die großen dunklen Flecken auf der Erde verwirren mich. Sie erscheinen mir wie Wasserlöcher, aber ich weiß, dass es da unten kein Wasser gibt. Es sind die Wolken. Die Schatten der zwischen Erde und Himmel unmerklich dahinschwebenden kleinen weißen Wölkchen, das Spiegelbild ihrer duftigen, vielfältigen Formen.
Unmöglich über die Kalahari zu fliegen und nicht an die Geschichte der namibischen Völker, an die Geschichte der Herero erinnert zu werden. Ich habe Uwe Timms großartiges Buch Morenga gelesen, viel Sozologisches, Ethnologisches, Touristisches, unsägliche Deutsch-Südwest Literatur, und die ersten Autobiographien von schwarzen Kämpferinnen und Kämpfern im Unabhängigkeitskrieg gegen das südafrikanische Apartheidsystem. Mein Kopf ist voll von gutem und schlechtem Buchwissen über das Land, in dessen Himmel ich mich gerade befinde. Bilder und Bruchstücke von Geschichten ziehen durch meine Gedanken, während ich fasziniert auf die Kalahari unter mir schaue. In diesem Brennofen da unten haben die kaiserlich deutschen Truppen ihren ersten Völkermord praktiziert. Da unten haben zigtausend Menschen und Tiere erfolglos gegen den Dursttod gekämpft. Kein Wunder, dass die Erde die Farbe verblichener Knochen hat. Das Sterben war lang, so lang wie der Kampf ums Überleben. In verzweifelter Hoffnung auf Wasser hatten die Menschen bis zu zehn Meter tiefe Brunnen gegraben, um am Ende entkräftet hineinzufallen und zu sterben.
Wieder bin ich unterwegs in einer Gegenwart, die sich müht mit den Traumata hundertjähriger Verstümmelung fertig zu werden: Ich bin unterwegs in einem Land so tausendschön, so schüchtern trotz seiner Extreme, so freundlich trotz seiner Rauheit, so hartnäckig und zäh im Überleben.

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