Belletristik / Krimi / Unterhaltung

Krimi des Monats (Dez. 2005) MDR Figaro

Robert Brack

Haie zu Fischstäbchen

Ein Fall für Lenina Rabe

Originalveröffentlichung
Broschur, 192 Seiten
€ (D) 12,90
€ (A) 13,30

ISBN 978-3-89401-466-7

Erschienen 2005
Haie zu Fischstäbchen
Inhalt

Robert Bracks Heldin Lenina Rabe löst mit ebenso viel Temperament wie Kampfgeist ihren zweiten Fall.
Die rätselhafte Herumtreiberin Mary wurde auf dem Gelände der alten Seifenfabrik tot aufgefunden. Die Polizei hat den angeblichen Mörder schnell gefasst: Tom, gelegentlicher Mitarbeiter des Detektivbüros Lenina Rabe und hauptberuflich bei dem Sicherheitsdienst tätig, der das Gelände vor der Besetzung durch Bauwagen-Leute schützen soll. Denn der Tatort ist ein be- gehrtes Spekulationsobjekt, um den verschiedene Investoren und ein türkischer Kulturverein kämpfen. Gleichzeitig regt sich der Widerstand im Viertel gegen die Baupläne.
Hartnäckig sucht Lenina Rabe Beweise für Toms Unschuld. Doch niemand scheint sich für den Tod der »Obdachlosen« zu interessieren. Auch bei ihren Freunden stößt Lenina Rabe nur auf eine verstörende Teilnahmslosigkeit. Da geschieht ein zweiter Mord ...

Zum Autor
Robert Brack
© Charlotte Gutberlet

Robert Brack, Jahrgang 1959, lebt in Hamburg. Als Virginia Doyle ist er bekannt für seine historischen Kriminalromane. Er wurde mit dem »Marlowe« der Raymond-Chandler-Gesellschaft für Das Mädchen mit der Taschenlampe und mit dem »Deutschen Krimi-Preis« für Das Gangsterbüro ausgezeichnet (beide Edition Nautilus). Zuletzt erschien in der Edition Nautilus Und das Meer gab seine Toten wieder (2008).

Aktuelle Lesungen von Robert Brack sind immer zu erfahren unter www.gangsterbuero.de

Pressestimmen

»Brack erzählt schnell, schnippisch und schnörkellos von den Lebenslügen der Lebenslustigen.«
GQ Männermagazin

»Robert Brack wartet mit einer Fülle von gut gezeichneten Personen auf, zeichnet die unterschiedlichen Milieus sehr realistisch und hat mit Lenina Rabe eine junge, unorthodoxe Detektivin entwickelt, der man gerne bei ihren Ermittlungen folgt.«
Buchkultur

»Lenina: eine klischeefreie, naive und interessante, weil sperrige Heldin: Ihr spannend und atmosphärisch dicht beschriebener Kampf ist eine Bereicherung der Hamburg-Krimi-Szene.«
Hamburger Abendblatt

Leseprobe
Das erste Mal bemerkte ich Mary, als sie aus der Gaststätte Möller heraustaumelte und dicht an mir vorbeilief. Sie lächelte geistesabwesend und wäre beinahe vor ein Auto gelaufen, wenn ich sie nicht am Arm gepackt und zurückgezogen hätte.
Sie sagte nicht mal danke, sondern nahm Kurs auf eine Bank und legte sich drauf. Sie war etwa Mitte vierzig, trug zerschlissene schwarze Jeans und eine löchrige Lederjacke mit Fransen, dazu Cowboystiefel. Wenn man genau hinsah, erkannte man, dass sie einmal eine umwerfende Schönheit gewesen sein musste: geschwungener Mund, große dunkle Augen, üppiges schwarzes Haar, klassische Nase, hohe Wangenknochen. Sie rappelte sich auf und lächelte mich an. Es war ein Lächeln, in das man sich verlieben konnte. Melancholisch, einladend. Ich lächelte zurück, ging weiter und spürte, wie mir ein Schauer über den Rücken lief.
Die Kneipe, aus der sie gekommen war, war ein Refugium für alle Altonaer, deren Hoffnungen ergraut und verblichen waren. Dort gab es Bier und Kaffee zu Tiefstpreisen, dorthin kamen die Stammgäste zum Frühschoppen, wenn das Geld noch reichte. Danach setzten sich manche von ihnen vor eine Bankfiliale oder einen Modeladen und sammelten Almosen, bis es wieder für die nächste Flasche reichte. Ich war nie drin gewesen. Wie die meisten Passanten, vermied auch ich es, zu nah am Eingang des Ecklokals am Spritzenplatz vorbeizugehen. Der rauchgeschwängerte Bierdunst, der herausdrang, war nichts für sensible Nasen.
Nach ein paar Metern drehte ich mich noch einmal um. Mary hatte die gefalteten Hände unter den Kopf gelegt und die Augen geschlossen. Ein Windstoß wehte durch die Bäume und ein paar gelbe Blätter trudelten über sie hinweg. Ein seltsamer Anfall von Traurigkeit übermannte mich, und ich flüchtete auf die andere Straßenseite.
Im Schlüsselladen neben der Sparkasse holte ich das neue Büroschild ab. Als ich wieder herauskam, sah ich nicht nach drüben. Ich war sowieso spät dran. Philipp erwartete mich im Knuth und ich wusste, dass er pünktlich sein würde. Eine heftige Bö schob mich an der Eckkneipe vorbei in die Große Rainstraße.
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