Brankica Bečejac
Ich bin so wenig von hier wie von dort
Leben und WerkOriginalveröffentlichung
Gebunden mit Schutzumschlag, 256 Seiten,
mit 26 S-W-Fotos
€ (D) 19,90
€ (A) 20,50
ISBN 978-3-89401-492-6
Erschienen August 2006

Brankica Bečejac wurde mit 30 Jahren Opfer eines gewaltsamen Todes: Ihr Ehemann hat sie umgebracht, sich selbst hat er nach dem Mord auch getötet. Was vordergründig ein Eifersuchtsdrama ist, enthält viele Schattierungen einer gesellschaftlich vorhandenen Gewalt – einer Gewalt zwischen den Geschlechtern, der Nichtakzeptanz von Lebenskonzepten, gegen die Brankica Bečejac immer angeschrieben hat.
Als Tochter jugoslawischer »Gastarbeiter« waren ihre literarischen Themen Fremdheit, Ausgrenzung, die Aneignung einer fremden Sprache, die »Integration« in eine Gesellschaft.
In ihrer klaren und schonungslosen Sprache analysierte sie die vorgefundenen Zustände. Ihr eigenwilliger poetischer Ton ist weit entfernt von jeder Balkan-Folklore.
Sie war dabei, einen unkonventionellen Platz in der Gesellschaft zu finden, hatte erste Erfolge in der Förderung und Veröffentlichung ihrer Texte.
Jetzt haben sich alle, die ihr nahe standen, zusammen getan und einen Band zur Würdigung ihres Schreibens und Lebens zusammengestellt. Er umfasst die wichtigsten Teile ihres literarischen Werkes sowie eine Hommage an die Freundin aus unterschiedlichen Perspektiven.
Brankica Bečejac, geboren 1970 in Novi Sad (Jugoslawien), lebte seit 1977 in der BRD. Studierte Germanistik und Sozialpsychologie in Hannover, lebte dann als freie Autorin in Berlin. Publizierte in verschiedenen Zeitschriften literarische Prosa und Lyrik sowie Essays (Konkursbuch, Stint, Neue Sirene, Freitag). Buchveröffentlichung: Die Prüfung (2000)
»Für die Schreibenden ist es vielleicht das Wichtigste, dass ihr Heraustreten, d.h. die Weitergabe ihrer Schriften, bemerkt wird. Entsetzlich ist das Ausbleiben einer Antwort.« Brankica Bečejac
»Und so interessant die Prosa der Toten (...) auch ist, so entsteht das größte Faszinosum doch aus den Texten über sie. (...) Es sind ehrliche Texte entstanden – ehrlich bis an die Grenze der Zumutung. (...) Es gibt etwas zu lernen über die Grenzen von Verstehen und Intellekt. Und über den Verlust einer, nach allem, was man liest, erstaunlichen Frau.«
Andreas Platthaus, Frankfurter Allgemeine
»Du sprichst aber komisch!«,
rufen die lieben Kleinen und wittern die Künstlichkeit der Rede, die sich nicht
im freien Spiel der Kräfte, sondern in auszehrenden Lesenächten einstellt.
Die anderen sind schlechter dran. Sie haben das eine vergessen und das andere
nicht gelernt. Ich spreche alles! Auch ohne Edikt.
»Wie lange sind Sie schon in Deutschland? Wann gehen Sie wieder zurück? Sie
haben sicher Heimweh!« Sehr lange (zu lange); Nie mehr (das ist keine mögliche
Antwort); NEIN (wie kalt doch diese intellektuellen Frauen sind).
1979: Die Eltern suchen immer noch eine neue Wohnung. Das Kind erledigt die
Telefonate mit den Vermietern. Wenn die Vermieter dann den Vater des Kindes vor
sich haben, schlagen sie beiden (auch dem blonden Kind) die Tür in die
Kanackenfresse. Das Kind weint tagelang.
Bis 1982 hörte man es noch. Im Hochsommer des gleichen Jahres verschwand es für
immer. Danach: »Man hört Ihnen das fast gar nicht an, daß Sie woanders zu Hause
sind.«
1999: Die Behördenangestellte sieht über alle Schwarzhaarigen hinweg zu mir
hin. Sie lächelt, auch wenn ich keinen Termin habe: »Ihr Name?« Ihr Gesicht
hört auf. Es erlischt. Sie ist, obwohl eine erfahrene Kraft, einem Betrug
aufgesessen. Denn ich bin innerlich behaart.