Belletristik / Krimi / Unterhaltung

Abdourahman A. Waberi

In den Vereinigten Staaten von Afrika

Roman

Aus dem Französischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Katja Meintel

Deutsche Erstausgabe
Gebunden mit Schutzumschlag, 160 Seiten
€ (D) 16,–
€ (A) 16,50 / sFr 29,–

ISBN 978-3-89401-563-3

Erschienen Februar 2008
In den Vereinigten Staaten von Afrika
Inhalt

In den Vereinigten Staaten von Afrika herrscht der Fortschritt. Afrikanische Finanzmärkte geben den Takt vor, bezahlt wird weltweit mit der AfriCard. Afrikanische Universitäten bilden die Elite der Wissenschaft aus. Die Einzigen, die vielleicht nicht gleichgültig gegenüber den Millionen von Elendsflüchtlingen aus dem Norden sind, die verzweifelt an ihrer Grenze auflaufen oder halbtot an den Stränden von Djerba und Algier aufgegriffen werden, sind die Künstler.
Auch die junge Malerin Maya hat sich der Parole »Eine andere Welt ist möglich« verschrieben. In der Normandie geboren und von einem gutmeinenden Paar in Asmara adoptiert, begibt sie sich nach dem Tod ihrer Adoptivmutter auf die Suche nach ihren eigenen Wurzeln ... Doch leider ist ihre leibliche Mutter so alt, verarmt und zahnlos, das Maya ihr zwar eine lebenslange Rente aussetzt, dann aber schnell nach Eritrea zurückkehrt, um dort die Eindrücke ihrer Reise künstlerisch umzusetzen ...
Hinter Waberis märchenhaftem Ton und den amüsanten Verkehrungen lauern scharfe Beobachtungen und bitterböse Anklagen. In der französischen Öffentlichkeit hat der Roman seit seinem Erscheinen große Aufmerksamkeit erregt.

Zum Autor
Abdourahman A. Waberi

Abdourahman A. Waberi wurde 1965 in Dschibuti geboren. Nach seinem Studium der englischen Literatur lehrt er heute als Professor am Wellesley-College nahe Boston; von 2006-07 war er Gast des Deutschen Akademischen Austauschdienstes in Berlin. Waberi gilt als Nationalschriftsteller Dschibutis. Sein Roman Cahier nomade wurde mit dem »Grand prix littéraire d'Afrique Noire« ausgezeichnet. Auf Deutsch erschienen von Waberi bisher Die Legende von der Nomadensonne und Die Schädelernte. Waberis Werke wurden in mehr als acht Länder verkauft und die Zeitschrift Lire zählt ihn zu den 50 wichtigsten und einflussreichsten zeitgenössischen Autoren.
Mehr Informationen zum Autor: www.abdourahmanwaberi.com

Pressestimmen

»Der neue, schmale Roman persifliert bitterböse die westliche Sicht auf die globale Schieflage, es strotzt nur so vor hintersinnigen Wortspielen und ironischen Seitenhieben, wobei auch der Süden nicht ganz ungeschoren davon kommt. (...) Waberi ist ein kluger Satiriker und eleganter Erzähler.«
Sabine Berking, Frankfurter Allgemeine

»Das ist wohl die stärkste Erfahrung bei der Lektüre von Waberis Roman: Er hält uns – und auch den Afrikanern – den Spiegel vor. Betroffen sind wir ganz besonders dann, wenn wir hören, wie afrikanische Kreise über und mit Emigranten reden. Es sind unsere Worte. Doch das ist nur die eine Seite: Waberi erzählt auch humorvoll, witzig spielt er mit der Sprache.«
Heinz Hug, Neue Zürcher Zeitung

»Abdourahman A. Waberi hat ein aufwühlendes, amüsantes und zugleich radikales Buch geschrieben. Der Leser wird aus allen gewohnten Betrachtungsweisen fortgerissen, er verliert zeitweise den Boden unter den Füßen im Strudel von Waberis wilder Fantasie. (...) Immer triumphiert die Sprachmacht des Autors, sein gewaltiger Strom von Worten, seine Kaskaden von Aufzählungen.«
Werner Bloch, NDR Kultur

»Waberi belässt es nicht bei der schlichten Umkehrung der Verhältnisse. Er ruft afrikanische Persönlichkeiten – Politiker genauso wie Literaten – in Erinnerung und verweist so ganz zwanglos auf die glanzvolle Tradition und die einst wichtige Stellung der afrikanischen Wissenschaft. Eine Satire, die auf amüsante Weise unsere Wahrnehmung der Weltordnung in Frage stellt.«
Manfred Schiefer, Buchkultur (Wien)

»Waberi erzählt seine Sozialutopie im Märchenstil. Seine überaus blumige, bunte und mit zahlreichen Bildern und Gleichnissen gespickte Sprache wirkt einerseits wie eine Hommage an die mündliche Erzähltradition der afrikanischen Literatur, birgt jedoch andererseits eine großzügige Portion Ironie und tiefschwarzen, scharfzüngigen Humor.«
Maike van Schwamen, WOZ Die Wochenzeitung

»Waberi hat mit seinem Roman ein leidenschaftliches, mit allen literarischen Wassern gewaschenes Plädoyer für das gegenseitige Zuhören geschrieben. Ein Plädoyer für den gleichberechtigten Austausch von Geschichten. Das utopische ›wir‹, das bei ihm sozusagen zwischen den Zeilen herauslacht, muss sich nicht starr von einem ›ihr‹ abgrenzen, es ist biegsam, beweglich, für Unterschiede offen, kurz, es ist weitherzig.«
Sabine Peters, SWR2 Forum Buch

»... Waberi hat sich auf rund 150 Seiten eine Satire auf die derzeitige weltpolitische Situation ausgedacht, die mit allen Klischees und Vorurteilen, die der Westen gegenüber Afrika hegt, bissig und amüsant spielt. Indem er den reichen Industriestaaten den Spiegel vorhält, die allzu bekannten Argumente gegenüber Afrikas Flüchtlingen vor Bürgerkrieg und Hungerkatastrophen damit ihren Urhebern quasi seitenverkehrt widerspiegelt, erscheinen sie in neuem Licht, enthüllen ihren makaberen und inhumanen Kern. (...) Waberis Parabel liest sich wie ein Gedicht: Die Sprache ist hochpoetisch, die Bilder und Metaphern von verblüffender Farbigkeit, die Ideen von leuchtender Klarheit. Die Anspielungen schlagen sich geradezu, sind amüsant und von erfrischender Bissigkeit. (...) Man sollte den Roman genießen, wie einen guten Wein, sich die Worte Waberis auf der Zunge zergehen lassen, dann entfalten sie ihre volle Wirkung.«
Johannes Kaiser, Deutschlandradio Kultur

»Abdourahman Waberi begnügt sich nicht mit der bloßen Umkehrung des Nord-Südverhältnisses, um gängige Afrika-Klischees, starre Identitätskonzepte zu demontieren. Er verzichtet auf direkte Kritik und Anklage und konfrontiert die Kontinente in einem raffiniert geknüpften Netzwerk von Bezügen. (...) Waberi regt ein neues Miteinander der Kontinente an, wenn er scheinbar beiläufig, doch sehr klug und kenntnisreich, Schriftsteller aus Afrika und der Karibik zitiert, variiert und parodiert und mit beißendem Spott Frankreichs Eurozentrismus geißelt. Er gehört neben Alain Mabanckou, Patrice Nganang zu jener selbstbewussten Generation afrikanischer Schriftsteller, die an nordamerikanische Universitäten lehren und sich mit Witz und Esprit in das Zeitgeschehen einmischen.«
Diwan, Büchermagazin, Bayerischer Rundfunk

»Die satirische Nord-Süd-Beziehung leuchtet ein – ein globaler König Karneval hat die Verhältnisse auf den Kopf gestellt. (...) Waberi ist ein kritischer und subtiler Kenner vor allem des frankophonen Afrika.«
Martin Zähringer, Frankfurter Rundschau

»So ist das Buch ›In den Vereinigten Staaten von Afrika‹ mehr als ein Appell an internationale Solidarität, mehr als politische Kritik. Es ist ein humanistisch entworfenes Mahnmal für mehr Menschlichkeit. Den Lesegenuss garantiert übrigens nicht nur die souveräne Übersetzung von Katja Meintel, sondern auch deren kundiges Nachwort, aus dem hervorgeht, aus welchem kulturellen Reichtum Afrikas Waberi seine Vielzahl von Anspielungen und Querverweisen schöpft – ohne dass die Prosa des Professors Waberi jemals oberlehrerhaft daherkäme.«
Manfred Loimeier, Stuttgarter Zeitung

Leseprobe

Da sitzt er, ausgelaugt. Schweigend. Eine flackernde Kerze wirft spärliches Licht auf die Kammer des Zimmermanns im Gastarbeiterheim. Der Weißhäutige aus der Ethnie der Schweizer spricht einen deutschen Dialekt und behauptet steif und fest, im Zeitalter von Jet und Web vor Gewalt und Hunger geflohen zu sein. Er hat sich jedoch jene Aura bewahrt, die schon unsere Krankenschwestern und Entwicklungshelfer faszinierte. Nennen wir ihn Yacouba, erstens, um seine Identität zu schützen, und zweitens, weil er einen Familiennamen hat, bei dem man sich die Zunge aushaken würde. Er wurde in einer verseuchten Favela der Region Zürich geboren, wo Kindersterblichkeit und Aids – eine Geißel, die erstmals vor bald zwei Jahrzehnten in den von Prostitution, Rauschgift und Laster verderbten Milieus Griechenlands auftrat und sich zu einer weltweiten Epidemie entwickelte, wie dies von der Versammlung der Hohenpriester der globalen Wissenschaft in Maskat im wackeren Königreich Oman festgestellt wurde – Rekordwerte erreichen; so jedenfalls lauten die Studien der Weltgesundheitsorganisation WHO, die ihren Sitz bekanntlich in unserer schönen und friedlichen Stadt Banjul hat.

Hier sind auch immer wieder die Spitzen der internationalen Diplomatie zu Gast, um über das Schicksal von Millionen Flüchtlingen verschiedenster Ethnien zu entscheiden (Österreicher, Kanadier, Amerikaner, Norweger, Belgier, Bulgaren, Briten, Isländer, Portugiesen, Ungarn, Schweden…), ganz zu schweigen von den halb verhungerten Boat People auf dem nördlichen Mittelmeer, die verzweifelt den Mörsern und Granaten zu entkommen versuchen, die ihre dunklen Schatten über die leidgeprüften Landstriche Euramerikas werfen. Einige schaffen es an Land, irren umher, verlieren den Mut, werfen mir nichts, dir nichts die Flinte ins Korn und warten darauf, vom Nichts dahingemäht zu werden.

Prostituierte allerlei Geschlechts, monegassische, vatikanische und andere, stranden an den Stränden Djerbas und der kobaltblauen Bucht von Algier. Diese armen Teufel sind auf der verzweifelten Suche nach Brot, Milch, Reis oder Mehl, die von den afghanischen, haitischen, laotischen oder sahelischen Wohltätigkeitsorganisationen verteilt werden.

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