Annett Gröschner
Parzelle Paradies
Berliner GeschichtenBroschur, 224 Seiten
€ (D) 16,–
€ (A) 16,50
ISBN 978-3-89401-575-6
Erschienen Ende August 2008

Annett Gröschner schreibt Geschichten über ihre Wahlheimat Berlin, Geschichten über Kneipen, die verloren gehen wie Handschuhe, über die Neue Mitte und die Neuen Mütter, aber auch über die Schorfheide, wo Göring sein monströses Carinhall bauen ließ. Sie schreibt die Geschichten Berliner Unternehmen oder Institutionen wie die Schultheiss-Brauerei, die Weddinger Schminkefabrik Kryolan oder die Rollende Roadschau bei Rotaprint. Ihre Reportagen berichten über groß angelegte Theaterprojekte in Kleingärten, bittere Bilanzen von Bauspekulationen und Zwangsumsetzungen zu Sanierungszwecken. Und immer wieder verwandelt sie mitgeschnittene Momentaufnahmen in literarische Miniaturen.
So ist ein kritisches und doch zärtliches Porträt einer Stadt entstanden, in dem Gröschner vor allem auch die zu Wort kommen lässt, die sonst keine Stimme haben. Damit entgeht sie der Berlin-Klischee-Falle, folgt weder dem blinden Hype noch dem blinden Hass, sondern zeigt Berlin in seiner ganzen provinziellen Größe.
Annett Gröschner, 1964 in Magdeburg geboren, 1983-91 Studium der Germanistik in Ost-Berlin und Paris, 1992-96 Historikerin im Prenzlauer Berg Museum, seit 1994 Beteiligung an verschiedenen Ausstellungs- und Buchprojekten, seit 1997 freie Autorin und Journalistin in Berlin. Mit dem Roman Moskauer Eis (Berlin 2000) erlangte sie größere öffentliche Bekanntheit. Sie wurde u.a. ausgezeichnet mit dem Anna-Seghers-Stipendium der Akademie der Künste Berlin und dem Erwin-Strittmatter-Preis des Landes Brandenburg.
Mehr zur Autorin unter www.annettgroeschner.de
»Wenn es denn eine literarische Geschichtsschreibung von unten in den letzten Jahren gegeben hat, dann wird man sie in den Texten und Bildern von Annett Gröschner finden können.«
Peter Böthig,
Laudatio anlässlich der Verleihung des Erwin-Strittmatter-Preises
Weitere Titel in der Edition Nautilus:
Ein Koffer aus Eselshaut
»Abhilfe schafft das Berlinbuch ›Parzelle Paradies‹ der Schriftstellerin und Journalistin Annett Gröschner: Ihre geschichtsversessenen Streifzüge durch die Hauptstadt sind immer darauf aus, irgend etwas Verlorenes zu bergen, und nebenbei fallen Kommentare ab, die zu den schönsten und spöttischsten im Genre Gentrifizierungs-Bashing gehören. (...) Diese Sucht nach dem Abhandengekommenen klingt nie sentimental, der Grundton ist vielmehr lakonisch und auf Distanz bedacht, gepaart mit Humor und manchmal auch Sarkasmus. Die Berliner-Geschichten springen abwechslungsreich zwischen Reportage, Reisebericht und Milieu-Momentaufnahme hin und her.«
Jutta Person, Süddeutsche Zeitung
»Ein facettenreiches und faszinierendes Prosaporträt einer überraschend provinziellen Großstadt hat Annett Gröschner geschrieben. Durch ihre bestrickenden ›Berliner Geschichten‹, die der Andacht zum Unbedeutenden und Randständigen verpflichtet sind, wehen Geist, Neugier und Beobachtungsgabe von großen Flaneuren wie Franz Hessel und Walter Benjamin. Die Germanistin Gröschner ist ein literarisches Multitalent, das die Form des literarischen Essays (...) ebenso souverän beherrscht wie jene des Romans. Ihre Metropolen-Miniaturen, die zwischen Westhafen und Ostbahnhof, zwischen Savigny- und Boxhagener-Platz, zwischen Eckkneipe und hochherrschaftlicher Villa spielen, sind gewitzt, weise – und stets höchst unterhaltsam. Annett Gröschner geizt nicht mit Empathie. Ihre besondere Solidarität gilt prekären Lebenswelten, denen sie sich mit offenen Augen und Ohren nähert.«
Hendrik Werner, Die Welt
»... neben halb-privaten Eindrücken, die einen Anflug von scheinbarem Unernst in den Band bringen, sind Texte gesetzt, die tief in der Geschichte schürfen und mit übergenauer Sachlichkeit beeindrucken. (...) Dass es in Berlin von verborgenen Geschichten und historischen Untiefen nur so wimmelt, wusste man zwar schon vorher. Doch mit der Gröschnerschen Textsammlung in der Hand beginnt man nicht nur hinter ›Betreten verboten‹-Schildern, sondern hinter jeder noch so unscheinbaren Haustür Geheimnisse zu wittern. Eine Autorin, die, wie es scheint, durch all diese Türen hindurchsehen kann, darf natürlich über Berlin schreiben.«
Katharina Granzin, Frankfurter Rundschau
»Immer wieder verbindet Annett Gröschner ›große‹ mit ›kleiner‹ Geschichte, menschliche Schicksale und Biografien mit politisch-historischen Veränderungen. Und eröffnet selbst Berlinbewohnern somit neue Perspektiven auf scheinbar Bekanntes. Sie regt zum Hinsehen und Staunen an – wie in einem exotischen Kostüm erscheint manch Vertrautes plötzlich komisch, anderes liebenswert oder hanebüchen. (...) Ihre Texte sind informative Reportagen, dicht am Puls der Zeit, doch immer mit Blick auf die wechselvolle Geschichte der Schauplätze, im Bewusstsein historischer Zusammenhänge. (...) Ein atmosphärisch dichtes Porträt der Stadt ergeben diese ›Berliner Geschichten‹ – unter weitem Himmel glitzert die Metropole, und es riecht nach Kohl und Kebab.«
Carsten Hueck, Deutschlandradio Kultur
»Annett Gröschners ›Parzelle Paradies‹ ist vielleicht eines der schönsten, der klügsten Berlin-Bücher der letzten Jahre, dem man viele Leser und sich selbst mehr solche Geschichten wünscht. So liebevoll und wunderbar wird einem schließlich die ganze provinzielle Größe der neuen alten Hauptstadt viel zu selten bewusst gemacht.«
Ania Mauruschat, Bayerischer Rundfunk, Diwan -Büchermagazin
»Von den ›Shoppingruinen‹ am Alex zu den ›Baby-Mandarin-Kursen‹ im Bötzowviertel. Ein gern auch garstiger Stadtrundgang, also sehr berlinerisch.«
Wieland Freund, Berliner Morgenpost
»Annett Gröschner nähert sich ihrer Stadt erzählend. Sie erkundet deren Topographie und Kultur hier und jetzt ebenso wie einst in den Zeiten von BRD und DDR oder noch viel früher immer in Geschichten. Darin steckt ihre Eigentümlichkeit, ja, achtet man nur auf die Kurz- und Kürzestgeschichten in diesem Band, ihr eigener Sound. (...) Ein rechtes Lesevergnügen bietet dieser Band – ein Vadecum, nicht nur, aber auch für Städtebewohner!«
Werner Jung, Neues Deutschland
»Mit der ihr eigenen Akribie berichtet Gröschner genau und gleichzeitig distanziert. Selten spricht ein ›Ich‹ in ihren Texten, die Akteure, die sie betrachtet, sind ihr wichtiger. Und dennoch ist immer eine Ironie in allen Zeilen zu spüren, eine Selbst-Vergewisserung des Zweifels. So angenehm zurückgenommen und doch treffsicher vermag kaum jemand seine direkte Umgebung einzufangen. Voller Mitgefühl und Schmunzeln. Mit Blick auf die Narben und Schrunden, verloren gegangene Kneipen und Trinker, Rauchverbot und ›Projektmütter‹. Annett Gröschner kann über alles schreiben, Fußball, Theaterblutfabriken, den Osthafen und den Westhafen. Sie kann eine Kamera sein oder spartanische Wegbeschreibung aus Zeichen liefern: ›Klingel. Haxen abkratzen. Fahrräder anstellen verboten. Keine Werbung. Rauchabzug. Immer die Tür geschlossen halten. Pasteuerstraße. Direkt im Wahlkreis 8...‹ (...) Wir wünschen uns noch viele Geschichten!«
Weltexpress
»Manchmal schreibt Annett Gröschner nur, was sie hört – aber so klug ausgewählt, dass Geschichten hinter den Dialogen deutlich werden. In ihrer Detailbesessenheit ist sie einem anderen Berlin-Flaneur, Heinz Knobloch, ähnlich. Sie weiß um die genauen Bezeichnungen und nennt sie auch.« Eulenspiegel
»Annett Gröschner macht sich ihren eigenen Reim auf Berlin. (...) Wie zwei ihrer Vorbilder, Franz Hessel und Walter Benjamin, ist sie eine passionierte Flaneurin. (...) Die Germanistin und Historikerin hat genau recherchiert, was sich hinter der Oberfläche verbirgt. Ihr Band ›Parzelle Paradies‹ ist im besten Sinne Geschichte von unten. (...) Gröschner sucht und findet das Besondere auch im Banalen, im Provinziellen, denn ›wenn schon Provinz, dann wenigstens die Hauptstadt‹. Bei aller Kritik hat Gröschners höchst unkonventioneller Berlinführer auch etwas von einer Liebeserklärung.«
Antje Weger, Märkische Allgemeine
»Nicht, dass Berlin nicht auch manchmal piefig, unerträglich und provinziell sein kann. Aber wenn schon Provinz, dann wenigstens die Hauptstadt.«
Ich verfalle auch nicht in künstliches Hüsteln, wenn jemand sich neben mir in der Kneipe eine Zigarette anzündet. Im Gegenteil, Kneipen und Bars sind ja unter anderem zum Zwecke des Rauchens und Trinkens erfunden worden. Wer keinen Spaß daran hat, kann ja in die Sauna gehen oder ins Kindercafé. Vorboten und Wirkungen des Rauchverbotes hatte man ja schon im letzten Jahr ausmachen können.
Erst hatten sie auf den Toiletten der ICEs diese lächerlichen Explosionssymbole angebracht und gelb umrandete Raucherghettos auf den Bahnsteigen eingerichtet. Noch besser aber waren die vorauseilenden Denunzianten, die gar nicht abwarten konnten zuzuschlagen.
Sicher ist Rauchen gesundheitsschädlich, genauso wie Kuchen oder Currywurst. Wenn die Leute nicht am Nikotin sterben, dann eben an Diabetes. Und wahrscheinlich ärgert mich vor allem, dass die Erziehungsdiktatur fröhliche Urständ feiert. Der Staat kriecht in jede Ritze, in unsere Telefone und Computer, in Taxis und Züge, und jetzt schnüffelt er auch in den Kneipen herum. Mein Reflex auf Diktatur ist seit jeher, genau das Gegenteil zu machen. Aber soll ich deshalb wieder anfangen zu rauchen? Ich denke nicht daran.
Trotzdem stehe ich aus Solidarität wieder in Raucherecken herum, boykottiere Kneipen, die in vorauseilendem Gehorsam jegliches Rauchen auch in abgeschlossenen Nebenräumen verbieten und verziehe mich nachts in Etablissements, wo die Aschenbecher nach wie vor auf den Tischen stehen. Aber schon ertappe ich mich dabei, den Mann, der draußen steht und verstohlen durch die Scheibe lugt, für einen Denunzianten zu halten, der nachts um drei das Petzformular einer Nichtraucherschutzorganisation mit Tatort, Tatzeit und Vergehen ausfüllt. Auf deren Website befindet sich der schöne Satz: »Die Gesetzesbrecher fügen dem Gedanken des Gesundheitsschutzes und ihrer anständigen Konkurrenz aus egoistischen Motiven heraus Schaden zu.« Ob Jugendkriminalität oder Jugendschutz: Anstand und gesundes Volksempfinden haben wieder Konjunktur.
Aus Solidarität mit den Rauchern hat am Sonntag der Gullydeckel in der Esmarchstraße zu qualmen angefangen. Leider nur einen Tag. Am Montag kam der Notdienst der Wasserwerke und hat dem Treiben ein Ende gemacht. Wie schade.
Berlin sah für einen kurzen Augenblick aus wie eine Weltstadt.