Abbas Khider
Der falsche Inder
RomanOriginalveröffentlichung
Gebunden mit Schutzumschlag,
160 Seiten
€ (D) 16,–
€ (A) 16,50 / sFr 26,90
ISBN 978-3-89401-576-3
Erschienen Ende August 2008

Ein geheimnisvolles arabisches Manuskript im ICE Berlin-München, das niemandem zu gehören scheint und worin acht Mal auf verschiedene Weise die Lebensgeschichte desjenigen erzählt wird, der es zufällig findet und liest.
Dieses Romandebüt handelt von der Flucht eines jungen Irakers, der unter Saddam Hussein im Gefängnis saß und vor Krieg und Unterdrückung flieht, sich in mehreren Ländern als Hauslehrer, Gelegenheitsarbeiter, Kellner durchschlägt; der vom Unglück verfolgt scheint und doch immer wieder auf wundersame Weise gerettet wird. Auf seiner Reise durch Nordafrika und Europa trifft er viele andere Flüchtlinge aus aller Welt, die wie er auf der Suche nach einem Leben ohne Hunger und Krieg sind und dafür sehr viel opfern. Ihre Stimmen und Schicksale verbinden sich in Khiders Roman zu einem modernen realistischen Märchen.
Abbas Khider verbindet das Tragische mit dem Komischen, das Groteske mit dem Alltäglichen, die Exotik des Orients mit den Lebenserfahrungen eines Flüchtlings. Er beeindruckt durch seinen ungeschönten Blick und die Beiläufigkeit, mit der er vom Elend wie von Wundern erzählt.
Abbas Khider wurde 1973 in Bagdad geboren. 1996 floh er nach einer Verurteilung aufgrund »politischer Gründe« und nach einer zweijährigen Gefängnisstrafe aus dem Irak. Von 1996 bis 1999 hielt er sich als illegaler Flüchtling verschiedenen Ländern auf, seit 2000 lebt er in Deutschland. Studium der Philosophie und Literaturwissenschaft in München und Potsdam. Lyrik in verschiedenen Publikationen. Zurzeit lebt Abbas Khider in Berlin.
Mit seinem vielbeachteten Debütroman Der falsche Inder (Herbst 2008), den er in deutscher Sprache verfasste, war er auf vielen Literaturveranstaltungen zu Gast, so auf dem Erlanger Poetenfestival 2008, der LitCologne 2009, den 6. Coburger Literaturtagen 2009, dem Internationales Literaturfestival Berlin 2009. Von der Heinrich-Böll-Stiftung erhielt er eine Einladung zu einem Festival in Beirut (April 2009), vom Goethe-Institut zu Lesungen in Jordanien und Syrien (Mai 2009).
2009 erhielt er das Alfred-Döblin-Stipendium der Akademie der Künste Berlin, vom Deutschen Literaturfonds bekam er außerdem ein Arbeitsstipendium der Autorenförderung (2009-2010). Ein neuer Roman ist bei Edition Nautilus in Vorbereitung und wird 2011 erscheinen.
Im März 2010 wurde Abbas Khider mit dem Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis geehrt. Die Laudatio (© Robert-Bosch-Stiftung) bei der Preisverleihung hielt Hubert Spiegel.
»Abbas Khiders tragikomischer, oft sogar burlesker Roman ist ein wirklichkeitsnahes, modernes Flüchtlingsmärchen über ein ernstes und bewegendes, seit Jahren aktuelles politisches Thema«, so die Jury über ihre Wahl. Mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis ehrt die Robert-Bosch-Stiftung seit 1985 herausragende literarische Leistungen in deutscher Sprache, verfasst von Autorinnen und Autoren, deren Muttersprache oder kulturelle Herkunft nicht die deutsche ist.
Die irakische Gesellschaft für Kulturförderung (I.C.S.A.), die 2005 von einigen irakischen Künstlern und Politikern gegründet worden ist und mit dem irakischen Kultusministerium kooperiert, verlieh ihm 2010 die Ehrenurkunde für Literatur.
»Eine hochgradig lyrische Gestalt. Eine märchenhafte Begabung.«
Abd A-Latif A-Raschid, A-Ssaah-Journal, Bagdad 2003
»Einer der wichtigsten zeitgenössischen Lyriker in der jüngsten Generation der irakischen Dichtung.«
Alwah Magazin, Madrid 2005
Berlin | Donnerstag, 9. September, 20 Uhr | Froschkönig – Literatur- und Pianobar, Weisestraße 17 | Eintritt: € 3,- |
»Dass er ›Der falsche Inder‹ auf Deutsch verfasste, so hat der Schriftsteller einmal gesagt, habe ihm auch manches erleichtert: ›Wenn ich auf Arabisch schreibe, handelt alles vom Leid. Das Deutsche hält mich auf Distanz.‹
So, mit der hilfreichen Distanz, die eine neue Sprache vermittelt, mit seinem facettenreichen Humor als Überlebensmittel und dem Formbewusstsein des Lyrikers ist Abbas Khider ein außergewöhnlicher Roman gelungen, der seinen autobiographischen Gehalt in einem raffinierten Wechselspiel von Enthüllen und Verbergen entfaltet.«
Hubert Spiegel, Laudatio bei der Preisverleihung des Adalbert-von-Chamisso-Förderpreises
Laudatio Adelbert von Chamisso Foerderpreis, copyright Robert-Bosch-Stiftung
»Der Roman ›Der falsche Inder‹ liest sich auch als ein ergreifendes Plädoyer für Mitmenschlichkeit, Verständnis und Achtung der Menschenwürde. Ein literarisches Kunstwerk.«
Maria Panzer, Lesart
»Abbas Khider ist angekommen. In einem Land, dessen Sprache er heute beherrscht. So gut, dass er ein Buch geschrieben hat über den langen steinigen Zufallsweg, der ihn letzten Endes nach Berlin führte. (...) Khider erzählt seine Lebensgeschichte im stilistischen Slalom zwischen existenzieller Misere und greller Komik.«
Jens Mühling, Tagesspiegel
»›Der falsche Inder‹ von Abbas Khider ist ein radikal unsentimentaler Fluchtreport. Er beschreibt die schmerzhaften und sich über viele Jahre hinziehenden Versuche eines Irakers, nach Europa zu gelangen. (...) Khider ist ein politischer Autor, sein Roman autobiografisch eingefärbt. Zwar hält er sich nicht damit auf, die Verhältnisse im Irak oder in den durchreisten Ländern en detail zu beschreiben, er wirft nur Schlaglichter, aber die sind präzise. Vor allem aber macht er die Perspektive der Flüchtenden plastisch.«
Ines Kappert, die tageszeitung
» Khider schlägt stets einen frischen, naiven Ton an. Von Elend und Todesangst auf der jahrelangen Flucht spricht er nur in Andeutungen und nicht, ohne das Tragische mit dem Grotesken zu kreuzen. (...) Dass auf Arabisch verfasste Manuskript, das achtmal die Schrecken eines Flüchtlingslebens zu fassen versucht, dem Deutsch schreibenden Erzähler zugleich vertraut und fremd erscheint, beweist eindrucksvoll Abbas Khiders' Formbewusstsein.«
Jörg Plath, Deutschlandradio Kultur
»Was für ein tieftrauriges Buch, bei dem man über jede Seite glücklich ist. Das Traurige ist die Realität, von der es berichtet und glücklich ist man über den, der diese Realität bis jetzt überlebt hat und ein künstlerisches Kleinod schuf. (...)
Das Lapidare, mit dem Khider Brutalisierung und Verwahrlosung beschreibt, ohne selbst verloren zu gehen, brutal oder zynisch zu sein, ist geradezu beschämend für jeden westlichen Leser, vermutet man in dieser Stärke doch neben aller individuellen Besonderheit auch etwas, das sich aus der Kultur speist, die hierzulande als zurückgeblieben beurteilt wird.
Dankbar muss man außerdem für diesen Zutritt in eine zarte und verletzte aber unzerstörte Dichterseele sein.«
Reneé Zucker, rbb
»Mit leichtem Ton und feiner Ironie erzählt der in Berlin lebende Exil-Iraker Abbas Khider, 35, diese dramatische Reise immer wieder unter einem neuen Aspekt: Sex, Wunder, Unglücke. Die Konstruktion ist gewöhnungsbedürftig, aber egal, denn gelungen ist umso mehr, wie Khider aus diesem aktuellen Thema unterhaltsamen und überhaupt nicht moralinsauren Lesestoff gemacht hat.«
Marianne Wellershoff, KulturSPIEGEL
»Erzählerisch gekonnt wird die Odyssee zerlegt: Jedes Kapitel beginnt wieder in Bagdad, die Fluchtbewegung wird unter verschiedenen Gesichtspunkten immer neu vollzogen und leicht, fast übermütig erzählt. Frauen. Schreiben. Papierklauen.
(...) Erst im Kapitel ›Die Wunder‹ verändert sich der Ton, die dunkle Unterströmung tritt stärker hervor. ›Gesichter‹ suchen ihn heim: Mitgefangene, Fluchtkameraden, Familienmitglieder, die nicht schafften, was ihm gelang: Überleben. Asyl finden. Lachen.«
Sibylle Mulot, Spiegel Special zur Frankfurter Buchmesse 2008
»An manchen Stellen wirkt das Buch ›Der falsche Inder‹ wie eine Reportage, weil Khider einen nüchternen Tonfall anschlägt. Meist jedoch klingt Khiders Ich-Erzählung fast märchenhaft – poetisch und voller wunderbarer Ereignisse. An Märchen erinnert auch die Großzügigkeit, mit der der Autor Zeit und Raum durchquert (...). Khider malt die Schrecken der Flucht nicht sonderlich aus und erzählt sogar von witzigen und aberwitzigen Begegnungen, doch den Ernst und die Härte des Überlebenskampfes spürt der Leser auch so.«
Martina Sulner, Hannoversche Allgemeine Zeitung
»Abbas Khider ist Meister einer grotesken Komik, mit der er sich gekonnt zwischen Lachen und Weinen bewegt.«
Evi Chatzi, SWR International
»Kompliziert und noch dazu sehr real, ein Roman aus unserer brutalen Zeit und ein Autor mit bewundernswerter Kraft und dem Mut zu einem neuen Anfang mit dem Handwerkszeug einer fremden Sprache.«
Mona Naggar, BR Diwan Büchermagazin
»Der Roman ›Der falsche Inder‹ ist ein fantasievolles Spiel mit Erzählstil und Perspektiven. Eine literarische Brücke zwischen Orient und Okzident, auf der sich Traum und Wirklichkeit zu einem Märchen zusammenfügen. Eine Geschichte voller Lebenslust, gewidmet all denjenigen, die eine Sekunde vor dem Tod noch von zwei Flügeln träumen.«
Birgit Eckelt, BR Kulturmagazin Puzzle
»Bemerkenswert ist die Struktur des Textes. Khider berichtet nicht chronologisch, er erzählt die Geschichte seiner Flucht mehrmals und unter verschiedenen Aspekten, achtmal von Bagdad nach München, vom Tempel bis zu Saras Koffer. Auf diese Weise glückt ihm das Kunststück, die Geschichte lakonisch und doch mit orientalischer Farbigkeit zu Papier zu bringen, gelingt es, ein schweres Thema mit der Leichtigkeit der Distanz darzustellen. Für uns, die wir hinterm warmen Kachelofen sitzen, ist die Geschichte eine unterhaltsame und mit Gewinn zu lesende Lektüre, eine Beunruhigung allerdings.«
Thomas Bruhn, Neues Deutschland
»Khider beherrscht die deutsche Sprache auf eine besondere Weise. Der poetische Klang seiner Sätze erinnert an die frühen Werke von Emine Sevgi Özdamar. Wie die deutschtürkische Autorin schafft er es, seine Sätze doppelt zu verfremden, arabische Sprichwörter und Redewendungen wortwörtlich ins Deutsche zu übertragen und nicht sinngemäß, so dass unerhörte neue Metaphern entstehen.«
Timo Berger, Junge Welt
»Mal lyrisch, mal lakonisch beschrieben, werden aus den Zufällen Wunder, astrologische Vorherbestimmungen, Anekdoten oder die Schrecken der Erinnerung an die Toten. Auf 160 Seiten entsteht ein anspruchsvoll-dichtes Panorama eines Fluchtschicksals, selten von schrägem Machismus und Wiederholungen getrübt.«
Ingo Anhenn, Interkultur Stuttgart
»Abbas Khider verarbeitet in seinem Roman viele autobiographischen Elemente, wenn er die Geschichte von Rasul Hamid erzählt, der er sein kann, manchmal auch ist – die Geschichte eines Emigranten, eines Flüchtigen, vergleichbar mit den Erzählungen anderer Emigranten, die ähnliche Erfahrungen machen mussten, aber doch wieder eigen und sehr persönlich. Er ist ein schmales Buch, das durch seinen klaren Blick auf die Ereignisse beeindruckt. Manches ist grotesk, manches banal, manches verblüfft.«
Buchkultur (Wien)
»Der namenlose Unbekannte aus dem ICE hat, als er in München aus dem Zug steigt, das Manuskript durchgelesen. Es war seine eigene Geschichte, ›geschrieben von einem Fremden namens Rasul Hamid‹. Wundersamerweise gleicht auch die Schrift ›meiner bis aufs letzte Pünktchen‹. Am Ende von Abbas Khiders Roman steht alles wieder auf Anfang. Dazwischen ist eine lesenswerte Geschichte zu entdecken, die ohne mitleiderheischendes Betroffenheitspathos auskommt, weil ihr Autor weiß, dass die Zumutungen, die unsere Zeit für einen großen Teil der Menschheit bereit hält, keiner wertenden Kommentierung bedürfen um betroffen zu machen.«
Andreas Pflitsch, Lisan. Zeitschrift für arabische Literatur
Möglicherweise meines babylonischen Blutes wegen, begann ich früh, an die verschiedensten Wände zu schmieren. Nicht etwa, um die Sprache zu schützen, vielmehr um die älteren Menschen zu ärgern. Damals kannte ich noch nicht die Verse von Heinrich Heine: »Und schrieb und schrieb an weißer Wand, Buchstaben von Feuer und schrieb und schwand.« Und trotzdem schrieb und schwand ich.
Während meiner Mittelschulzeit verzierte ich die Wände der Schule mit provozierenden Unanständigkeiten in Kreide: »Der Schuldirektor ist ein Arschloch«. »Der Literaturlehrer vögelt die Putzfrau der Schule«. »Der Imam ist schwul«. Oder: »Der Präsident fickt alle«. Jedes Mal beobachtete ich genüsslich, wie Lehrer, Polizei und Regierungsbeamte tagelang und fieberhaft die Schule nach Verdächtigen absuchten.
Das war mein Spiel. Aber als ich es eine Zeit lang weitergespielt hatte, begann ein trauriges Kapitel. Die Regierung ließ eine ganze Menge junger Burschen aus unserem Viertel festnehmen, die sie als gefährlich oder verdächtig einstufte. Die Burschen tauchten nie wieder auf. Am Anfang dachte ich, die kämen schon wieder; aber dann ging das Gerücht, sie hätten unter der Folter zugegeben, die Urheber dieser Sprüche gewesen zu sein. Seitdem habe ich keinen einzigen Satz mehr an die Wand irgendeiner Schule geschrieben. Bis heute plagt mich das schlechte Gewissen, denn schließlich war ich der Grund, weshalb diese jungen Burschen ihr Dasein hinter Gittern fristen mussten.
Möglicherweise hatte das Schicksal dasselbe Spiel auch mit mir gespielt. Mit neunzehn Jahren wurde ich aus einem ähnlichen Grund ins Gefängnis gesteckt. Dort gab es unzählige Wände, die ich vollschreiben konnte. Eigentlich gab es nur Wände. Fenster war ein Fremdwort. Wie Sonne und Frauen. Man konnte nur erahnen, dass es irgendwo da draußen Sonne geben musste.
Auf dieser dunklen Seite der Erde habe ich den ersten Vers gelesen. Er stand in meiner ersten Zelle an der Wand: »Das Gefängnis ist für mich eine Ehre, die Fessel ein Fußband und der Galgen die Schaukel der Helden.«
Sein Verfasser musste jede Hoffnung schon verloren haben. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Damals hatte ich keineswegs die Absicht, als Held am Galgen zu enden. Nach einem Jahr schrieb ich denselben Vers in einer anderen Zelle und dachte mir nichts dabei. An den Wänden stand einfach alles geschrieben. Man konnte viel Zeit damit verbringen, die Weltanschauung einzelner Gefangener zu erkunden, ebenso ihre ethnische oder religiöse Zugehörigkeit.
»Arbeiter der Welt, vereinigt euch!« – Das war ein Kommunist. »Kurdistan soll frei sein!« – Ein Kurde. »Gott schütze die Gläubigen!« – Ein Religiöser. »Komm, Heiliger Al-Mahdi, rette die Erde!« – Ein Schiit. »Ich will zu meiner Mama.« – Einer wie ich, der keine Ahnung hatte, warum er da war.