Belletristik / Krimi

Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis 2010

Abbas Khider erhält den
Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil 2013!

Abbas Khider erhält den Nelly Sachs Preis 2013!

Auch als epub oder pdf in
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Abbas Khider

Der falsche Inder

Roman

Originalveröffentlichung
Gebunden mit Schutzumschlag,
160 Seiten

€ (D) 16,–
€ (A) 16,50

ISBN 978-3-89401-576-3

Erschienen Ende August 2008
Der falsche Inder
Inhalt

Ein geheimnisvolles arabisches Manuskript im ICE Berlin-München, das niemandem zu gehören scheint und worin acht Mal auf verschiedene Weise die Lebensgeschichte desjenigen erzählt wird, der es zufällig findet und liest.
Dieses Romandebüt handelt von der Flucht eines jungen Irakers, der unter Saddam Hussein im Gefängnis saß und vor Krieg und Unterdrückung flieht, sich in mehreren Ländern als Hauslehrer, Gelegenheitsarbeiter, Kellner durchschlägt; der vom Unglück verfolgt scheint und doch immer wieder auf wundersame Weise gerettet wird. Auf seiner Reise durch Nordafrika und Europa trifft er viele andere Flüchtlinge aus aller Welt, die wie er auf der Suche nach einem Leben ohne Hunger und Krieg sind und dafür sehr viel opfern. Ihre Stimmen und Schicksale verbinden sich in Khiders Roman zu einem modernen realistischen Märchen.
Abbas Khider verbindet das Tragische mit dem Komischen, das Groteske mit dem Alltäglichen, die Exotik des Orients mit den Lebenserfahrungen eines Flüchtlings. Er beeindruckt durch seinen ungeschönten Blick und die Beiläufigkeit, mit der er vom Elend wie von Wundern erzählt.

Zum Autor
Abbas Khider
© Jacob Steden

Abbas Khider wurde 1973 in Bagdad geboren. 1996 floh er nach einer Verurteilung aufgrund »politischer Gründe« und nach einer zweijährigen Gefängnisstrafe aus dem Irak. Von 1996 bis 1999 hielt er sich als illegaler Flüchtling in verschiedenen Ländern auf, seit 2000 lebt er in Deutschland. Studium der Philosophie und Literaturwissenschaft in München und Potsdam. Lyrik in verschiedenen Publikationen. Zurzeit lebt Abbas Khider in Berlin.

Im Herbst 2008 erschien sein Debütroman Der falsche Inder. 2009 erhielt er das Alfred-Döblin-Stipendium der Akademie der Künste Berlin, vom Deutschen Literaturfonds bekam er außerdem ein Arbeitsstipendium der Autorenförderung (2009-2010). Im März 2010 wurde Abbas Khider mit dem Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis ausgezeichnet.

Die Laudatio (© Robert-Bosch-Stiftung) bei der Preisverleihung hielt Hubert Spiegel. »Abbas Khiders tragikomischer, oft sogar burlesker Roman ist ein wirklichkeitsnahes, modernes Flüchtlingsmärchen über ein ernstes und bewegendes, seit Jahren aktuelles politisches Thema«, so die Jury über ihre Wahl. 

2011 erschien sein zweiter Roman Die Orangen des Präsidenten. Im selben Jahr erhielt er ein sechsmonatiges Arbeitsstipendium der Robert-Bosch-Stiftung sowie ein dreimonatiges Arbeitsstipendium der Villa Aurora in Los Angeles, USA.

Im Januar 2013 hielt er die Poetik-Dozentur der Universität Landau und residierte fünf Monate lang als Stipendiat im Künstlerhaus Edenkoben.

Vom Deutschen Literaturfonds erhielt er das London Stipendium (2013-2014) und von der Robert Bosch Stiftung das Grenzgänger-Stipendium 2013. 

Im September 2013 wurde er mit dem Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil ausgezeichnet. In der Begründung der Jury heißt es: »Wie schon in seinem autobiografisch inspirierten Gefängnis- und Taubenzüchter-Epos ›Die Orangen des Präsidenten‹ erweist sich Abbas Khider als ein ebenso lakonischer wie heiterer Chronist, als Meister der Situationskomik und geborener Erzähler.«

Auf der Frankfurter Buchmesse 2013 wurde der Edition Nautilus für den Roman Brief in die Auberginenrepublik der Melusine-Huss-Preis der Hotlist der unabhängigen Verlage verliehen. Dieser Preis wird aufgrund einer Abstimmung unter Buchhändlerinnen und Buchhändlern ermittelt. 

Abbas Khider erhält den Nelly Sachs Preis 2013. In der Begründung der Jury heißt es: »In seinen Romanen schildert Khider exemplarische Schicksale unserer zerrissenen Gegenwart. Die Flucht aus den Folterkellern Saddams, die Odyssee des illegalen Flüchtlings und die verzweifelten Versuche, die Verbindung zu Freunden und Verwandten in der Heimat aufrechtzuerhalten – das sind die Themen seiner bislang drei Romane. Lakonisch, humorvoll, erzählerisch versiert und literarisch avanciert, setzt sein Werk ein beeindruckendes Zeichen gegen Diktatur und Repression und für Humanität, Toleranz und Verständigung.«

Abbas Khider in facebook

Pressestimmen

»... ein außergewöhnlicher Roman.«
Hubert Spiegel, Frankfurter Allgemeine Zeitung 

»... ebenso präzise wie entlarvend.«
Dominik Schweighofer, Süddeutsche Zeitung

»... ein künstlerisches Kleinod.«
Renée Zucker, rbb  info radio 

»Abbas Khider ist Meister einer grotesken Komik.«
Evi Chatzi, SWR International

»Eine Geschichte voller Lebenslust.«
Birgit Eckelt, BR Kulturmagazin Puzzle

»Ein literarisches Kunstwerk.«
Maria Panzer, Lesart 

»... poetisch und voller wunderbarer Ereignisse.«
Martina Sulner, Hannoversche Allgemeine Zeitung

»... genial fabuliert.«
In München, Nr. 14

»Eine sehr lohnende Lektüre.«
Bettina Kraemer, Buch-/Medienprofile

Textauszug

Möglicherweise meines babylonischen Blutes wegen, begann ich früh, an die verschiedensten Wände zu schmieren. Nicht etwa, um die Sprache zu schützen, vielmehr um die älteren Menschen zu ärgern. Damals kannte ich noch nicht die Verse von Heinrich Heine: »Und schrieb und schrieb an weißer Wand, Buchstaben von Feuer und schrieb und schwand.« Und trotzdem schrieb und schwand ich.

Während meiner Mittelschulzeit verzierte ich die Wände der Schule mit provozierenden Unanständigkeiten in Kreide: »Der Schuldirektor ist ein Arschloch«. »Der Literaturlehrer vögelt die Putzfrau der Schule«. »Der Imam ist schwul«. Oder: »Der Präsident fickt alle«. Jedes Mal beobachtete ich genüsslich, wie Lehrer, Polizei und Regierungsbeamte tagelang und fieberhaft die Schule nach Verdächtigen absuchten.

Das war mein Spiel. Aber als ich es eine Zeit lang weitergespielt hatte, begann ein trauriges Kapitel. Die Regierung ließ eine ganze Menge junger Burschen aus unserem Viertel festnehmen, die sie als gefährlich oder verdächtig einstufte. Die Burschen tauchten nie wieder auf. Am Anfang dachte ich, die kämen schon wieder; aber dann ging das Gerücht, sie hätten unter der Folter zugegeben, die Urheber dieser Sprüche gewesen zu sein. Seitdem habe ich keinen einzigen Satz mehr an die Wand irgendeiner Schule geschrieben. Bis heute plagt mich das schlechte Gewissen, denn schließlich war ich der Grund, weshalb diese jungen Burschen ihr Dasein hinter Gittern fristen mussten.

Möglicherweise hatte das Schicksal dasselbe Spiel auch mit mir gespielt. Mit neunzehn Jahren wurde ich aus einem ähnlichen Grund ins Gefängnis gesteckt. Dort gab es unzählige Wände, die ich vollschreiben konnte. Eigentlich gab es nur Wände. Fenster war ein Fremdwort. Wie Sonne und Frauen. Man konnte nur erahnen, dass es irgendwo da draußen Sonne geben musste.

Auf dieser dunklen Seite der Erde habe ich den ersten Vers gelesen. Er stand in meiner ersten Zelle an der Wand: »Das Gefängnis ist für mich eine Ehre, die Fessel ein Fußband und der Galgen die Schaukel der Helden.«

Sein Verfasser musste jede Hoffnung schon verloren haben. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Damals hatte ich keineswegs die Absicht, als Held am Galgen zu enden. Nach einem Jahr schrieb ich denselben Vers in einer anderen Zelle und dachte mir nichts dabei. An den Wänden stand einfach alles geschrieben. Man konnte viel Zeit damit verbringen, die Weltanschauung einzelner Gefangener zu erkunden, ebenso ihre ethnische oder religiöse Zugehörigkeit.

»Arbeiter der Welt, vereinigt euch!« – Das war ein Kommunist. »Kurdistan soll frei sein!« – Ein Kurde. »Gott schütze die Gläubigen!« – Ein Religiöser. »Komm, Heiliger Al-Mahdi, rette die Erde!« – Ein Schiit. »Ich will zu meiner Mama.« – Einer wie ich, der keine Ahnung hatte, warum er da war. 

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