Belletristik / Krimi / Unterhaltung
Rheingau Literatur Preis 2010

Jochen Schimmang

Das Beste, was wir hatten

Roman

Originalveröffentlichung
Gebunden mit Schutzumschlag, 320 Seiten
€ (D) 19,90
€ (A) 20,50 / sFr 35,90

ISBN 978-3-89401-598-5

Erschienen Juni 2009
Das Beste, was wir hatten
Inhalt

Was geschieht, wenn man in der Mitte des Lebens von den politischen Ereignissen überholt wird und alles, was man bis dahin für selbstverständlich angesehen hat, ins Strudeln gerät?
Jochen Schimmang erzählt die Geschichte von Leo Münks, Verfassungsschützer, und Gregor Korff, Ministerberater. Ihre Köln-Bonner BRD-Welt gerät mit der Wende ins Wanken:
Gregor erfährt, dass seine große Liebe, die ihn Mitte der Achtzigerjahre plötzlich verlassen hat, ein Stasi-Spitzel war; und Leo Münks wird ein Freund aus Berliner Studententagen, der ein Germania-Denkmal in die Luft sprengen will, beinahe zum Verhängnis. Schimmang, der Archivar der verschwindenden Dinge, hat einen klugen und sehr spannenden Roman über die letzten Jahrzehnte der Bonner Republik geschrieben.

Zum Autor
Jochen Schimmang

Jochen Schimmang, geboren 1948, studierte Politische Wissenschaften und Philosophie an der FU Berlin und lehrte an Universitäten und in der Erwachsenenbildung. Von 1978 bis 1998 lebte er in Köln, seit 1993 als freier Schriftsteller und Übersetzer. Jochen Schimmang ist heute in Oldenburg ansässig. Seine schriftstellerische Arbeit wurde mit zahlreichen Preisen und Stipendien gefördert.

2010 erhielt Jochen Schimmang für seinen Roman »Das Beste, was wir hatten« den Rheingau Literatur Preis 2010. In der Begründung der Jury heißt es: »Die Jury würdigt die minutiöse Bildbeschreibung, mit der die alte Bundesrepublik wiederbelebt wird – durch dichte Milieuschilderung über mehrere Jahrzehnte hinweg und die Erzählung über Figuren, die allmählich den Boden unter den Füßen verlieren. Jochen Schimmang hält den zahlreichen Büchern, die der DDR ihre Erinnerung und ihre Kritik nachtragen, einen Roman entgegen, der den Untergang auch der Bonner Republik zur erzählerischen Gewissheit macht. Eingeschlossen ist die Trauer über die Vergänglichkeit der Aufbrüche, das Verschwinden von Hoffnungen und das Verblassen von Träumen in ungemein blickgewisser Genauigkeit.«

Wer mehr über den Autor erfahren möchte:
www.jochen-schimmang.de

Pressestimmen

»Der Roman ›Das Beste, was wir hatten‹ ist ein großartiges Buch, eine unaufdringliche Liebeserklärung an die alte Bundesrepublik, die Korff ebenso schätzt wie Isabelle von Borgward, Baujahr 1960, die ihren Geist erst aufgibt, als die Berliner Republik schon etabliert ist. (...)›Das Beste was wir hatten‹: nichts weniger als ein Epochenroman. Und ein Lesevergnügen.«
Volker Hage, Der Spiegel, 1. Februar 2010

»Und doch hat es der Roman weder auf den Marsch durch die Institutionen abgesehen noch auf linke Jugendideale, die ausprobiert und abgelegt werden. Es geht vielmehr um ein bundesrepublikanisches Stimmungspanorama, um einen atmosphärischen Abgesang auf das Provisorium, das mit seinem Bescheidenheitsgestus so rheinisch gewitzt daherkommt und dann doch von der preußischen Pompmaschine überrollt wird. (...)›Das Beste, was wir hatten‹ ist auch ein Wenderoman aus Westperspektive, der nach all den Ost-Untergangsgeschichten zeigt, wie der alte Westen implodiert. (...)›Das Beste, was wir hatten‹ bringt eine ästhetische Haltung ebenso selbstironisch wie clever auf den Punkt.«
Jutta Person, Süddeutsche Zeitung, 26. Januar 2010

»Die Vergangenheit ist zwar kein Ort, den man aufsuchen könnte, aber sie wird auch in Schimmangs jüngstem Buch noch einmal beschworen, unaufdringlich und gelassen. Der Autor gilt längst als ein Archivar des Verschwundenen, und seine Figuren finden sich damit ab, dass sie nicht das Ziel ›der‹ Geschichte sind. (...) Das Leben von Schimmangs Helden ist in einem philosophischen Sinn immer schon verfehlt. Sie sind, wie man so sagt, nicht ganz von dieser Welt. In diesem Schweben besteht für die Leser das Glück.«
Sabine Peters, Frankfurter Rundschau, 26. Januar 2010

»Schimmang beherrscht die Kunst des Andeutens und langsamen Enthüllens.«
Saarbrücker Zeitung

»Schimmang beschreibt Gregors trotzigen ›rheinischen Separatismus‹ und seine Wut auf die opportunistischen Schwadroneure und Karrieristen der Berliner Republik mit grimmiger Sympathie, ohne dabei den roten Faden und die erzählerische Souveränität zu verlieren. Kunstvoll und unaufgeregt verknüpft er reale mit erfundenen Figuren, politische Typen und Haltungen mit individuellen Schicksalen, die offizielle Geschichte der Bundesrepublik zwischen 1963 und 1996, von Boris Becker mit Berti Vogts, mit privaten Geschichten. Schimmangs Blick zurück ist voller Zorn, Wehmut und Trauer, aber frei von Larmoyanz und altklugem Zynismus: keine Hymne auf das selbstzufriedene Glück im rotgrünen Winkel der neuen Bürgerlichkeit, sondern ein literarischer Farbbeutelwurf vom Rhein nach Berlin. ›Das Beste, was wir hatten‹ gehört mit zum Besten, was wir auf dem weiten Feld des politischen Zeit- und Gesellschaftsromans haben.«
Martin Halter, Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Ein nostalgisch angehauchter, aber niemals sentimentaler Rückblick und ein Gegenwartsroman zugleich.«
Christoph Schröder, Die Zeit online

»In der letzten Zeit ist oft die Forderung nach einem definitiven Roman über ›1989‹ erhoben worden, das Datum, das sich heuer jährt. Warum könnte sich die deutsche Literaturkritik zur Erfüllung dieser Forderung nicht vorläufig auf Schimmangs ›Das Beste, was wir hatten‹ einigen? Es ist ein spannender und gut geschriebener Roman, das Buch hat ein relevantes zeithistorisches Thema und handelt es aus einem originellen Blickwinkel ab, und es ist ein Roman, in dem die Meinung des Autors seinen künstlerischen Intentionen in interessanter und diskussionswürdiger Weise in die Quere kommt. Haben wir in diesem Genre etwas Interessanteres, etwas Besseres?«
Stephan Wackwitz, die tageszeitung

»Der präsenten Agilität der Generation Berlin setzt Schimmang noch einmal die abgeklärte Klugheit einer müde gewordenen Alterskohorte von Individualisten gegenüber. Mögen sie auch gelegentlich komisch wirken, sie leben ihr Leben im Zentrum der Abgeschiedenheit, in der Provinz, aber noch ihr resignativer Habitus steckt voller Fantasien. Auch Jochen  Schimmangs neues Werk ist also (...) ein Gedächtnisbuch geworden, eine beachtliche Generationsstudie zur 68er Revolte und ihren Nachwirkungen.«
Harro Zimmermann, Deutschlandfunk, Büchermarkt

»... der geborene Erzähler Jochen Schimmang …«
Volker Hage, Der Spiegel

»Jochen Schimmang hat hier sein Opus Magnumm vorgelegt – einen intelligenten und überaus lesbaren Gesellschaftsroman der alten Bundesrepublik, der von den Lebensniederlagen einer rebellischen Generation erzählt und von der Verwandlung des gemäßigten ›rheinischen Kapitalismus‹ in die arrogante Berliner Republik. [...] Es ist zugleich ein Bildungsroman der müde gewodenen linken Intelligenz, der aber nicht in Larmoyanz ausläuft. Die Schönheit der Dissidenz – bei Jochen Schimmang lässt sie sich wiederentdecken.«
Michael Braun, Tagesspiegel

»Der Roman ist auch eine Fortschreibung von Schimmangs Chronik der großen Gefühle und der kleinen Fluchten. Wie die unbehausten Glückssucher seiner Bücher in der Liebe, im Leben und an der Politik scheitern – das ist bei dem Erzähler Jochen Schimmang immer auch eine Geschichte unserer Mentalitäten, Sehnsüchte und Irrtümer. (...) Jochen Schimmang betreibt Vergangenheitsbewältigung ohne Häme oder Resignation – und mit einer historischen Genauigkeit, die das Vergangene vor den Furien des Verschwindens bewahrt. (...) Eine ebenso turbulente wie nachdenklich machende Geschichte. Ein wunderbar schwereloser Empfindsamkeitston und ein bewegender Rückblick auf die alte Bundesrepublik.«
Holger Schlodder, NDR Kultur

»Jochen Schimmang wirft in seinem neuen Roman ›Das Beste, was wir hatten‹ einen melancholischen Blick auf das Westdeutschland vor der Wende. (...) Es ist dennoch kein Schlüsselroman, sondern der Versuch, 20 Jahre nach dem Fall der Mauer eine fiktionale Mentalitätsgeschichte des alten Westdeutschlands vorzulegen. Schimmang beschreibt die ›scheue Liebe‹ seines Protagonisten zu seinem Land mit zarten und zugleich präzisen Sätzen, so dass man als Leser selbst den verlorenen Jahren vor 1989 nachzutrauern beginnt. Doch natürlich ist das alles viel zu schön, um wahr zu sein, und zuletzt zerspringt das vermeintliche Idyll in tausend Teile.«
Kolja Mensing, Deutschlandradio Kultur

»›Das Beste, was wir hatten‹ ist eine sehr lustige, dicke Hausnummer, stilistisch reich an Zuspitzungen und schönen Beobachtungen im Stil des klassischen Bildungsromans. Gleichsam komprimiert, breitet sich das Leben im Buch aus, reiht sich Schlüsselszene an Schlüsselszene. (...) Durch Schimmangs Erzählkunst schimmert der ganz alte Kerngedanke der Literatur und eine ihrer Grudnfunktionen: Wissen, gern auch überflüssiges – wer will das schon bewerten –, zu überliefertn. Das treibt wilde Blüten, und wer fände die nicht schön. Schön wie in ›Schöne Literatur‹.«
Jürgen Kionte, Jungle World

»Es kann kein Zufall sein, dass diesem Jahrzehnt Jochen Schimmangs Gunst gehört, weist dessen Literatur doch seit jeher ähnliche Attribute auf: Eleganz, Gelassenheit, Souveränität, die Schönheit einer klaren, wunderbar melodiösen Sprache. Seit nunmehr exakt dreißt Jahren gehört sie zum Besten, was wir haben.«
Thomas Schäfer, Titel-Magazin

»Dieses Buch ist eine herzergreifend schöne, zum Weinen tragikomische und zugleich hochintelligente Weißt-du-noch-Fibel, ein tränendrüsen- und lachmuskelstimulierendes Erinnerungsmonument für jeden, der in der BRD sozialisiert wurde. (...) Denn auch wenn Schimmangs Prosa auf den ersten Blick genauso anständig, solide und unauffällig gut gescheitelt daherkommt wie die BRD an sich – ganz beiläufig entfaltet diese Sprache ein leises, aber unerhört eindringliches Wehmuts-Vibrato, das fast schon heimtückisch wirkt, so unausweichlich schlägt es den Leser in Bann. Mit der verblüffend homogenen Verschmelzung von Sachlichkeit und Sentiment hat der Autor exakt den Ton getroffen, die Frequenz der alten Bundesrepublik, die hier klarer erkennbar scheint als je zuvor. (...) Schließlich ist Jochen Schimmangs Roman in seinem Genre das Beste, was wir haben.«
Alexander Altmann, Lesart

»Auch Bücher wie Schimmangs Das Beste, was wir hatten sind in gewisser Weise Anschläge auf den herrschenden Meinungskonsens, und au ich wenn sie in der Regel wenig verändern, sinnlos sind sie damit immer noch nicht. Erst recht nicht, wenn es ihnen so überzeugend gelingt, ihren oppositionellen Impetus, ihre deviante Perspektive auf die Gesellschaft in einer so eingängigen Form darzutun.«
Frank Schäfer, junge Welt

»...ein wunderbar taktvoller Roman.«
Lennart Laberenz, literaturkritik

»Kurzum: Die Lektüre ist ein Genuss.«
Marco Puschner, Nürnberger Zeitung

»Jochen Schimmang ist seit 30 Jahren mit seinen Erzählungen und Romanen ein genauer Beobachter der politischen wie auch der privaten Verhältnisse und Befindlichkeiten in der Bundesrepublik.«
Claus Lüpkes, SWR

»In großen epischen Bögen verschränkt Schimmang die Zeitgeschichte mit dem Privaten. (...) Die Fähigkeit, Figuren von unmittelbarer Nähe den ›Mantel der Geschichte‹ ergreifen zu lassen, ist Schimmangs Markenzeichen geworden. Sie durchzieht das gesamte Werk und macht ihn zum brillanten Erzähler.«
Bettina Hesse, Kölner Stadtrevue

»Eine subtile Generationsstudie zur 68er-Revolte und ihren Nachwirkungen. (...) In den Tiefen der alltäglichen Ratlosigkeit seiner Figuren vibriert immer noch die Sehnsucht nach den lustvollen Momenten einer erfüllten Selbstgewissheit.«
Harro Zimmermann, Focus Literatur-Tipp

»Jochen Schimmang ist ein brillanter Erzähler. Er schaut auf die politischen Zusammenhänge, das Zeitgeschehen und verbindet es mit dem Privaten. In großen Bögen gelingt es ihm, eine Dramaturgie des Lebens herzustellen.«
Bettina Hesse, WDR 5, Bücher

»Der Autor richtet seine Aufmerksamkeit weit in den Westen und zoomt Randausschnitte heran, denen man bisher kaum Beachtung geschenkt hat. Und das tut er mit großer Energie und stilistischer Raffinesse. Das Politische wird hier privat: Eine wohltuende, berührende und dabei sehr unterhaltsame Erzählhaltung.«
Katrin Krämer, Nordwestradio (Radio Bremen), Literaturzeit

»Jochen Schimmang beleuchtet in seinem neuen Roman die Wendezeit um 1989 – allerdings aus der eher seltenen Perspektive westdeutscher Protagonisten. (...) Er entwirft ein detailreiches Panorama der deutschen Gesellschaft: von den ›windstillen frühen und mittleren 60er Jahren‹ über die 70er Jahre im linken Milieu Berlins und die 80er Jahre mit Lacoste-Shirts, pathetischen Sting-Songs und Tennis-Fieber bis hin zum Mauerfall und deutscher Einheit in den 90ern.«
Alexandra Klaus, Kölner Stadt-Anzeiger

»Elegant drapiert Jochen Schimmang seinen aktuellen Roman um das Jahr 1989 und nimmt sich damit eines Themas an, das in der Literatur wenig Beachtung findet: Gemeint ist der Untergang der alten Bundesrepublik. (...) Was bisher fast übersehen wurde: Mit der DDR verschwand auch die Bundesrepublik, verschoben sich die kulturellen Schwerpunkte. Um dies zu zeigen, entwirft Schimmang mikroskopisch genau ein facettenreiches Bild, ein Panoptikum der verlorenen Kultur. (...) Das Beste, was wir hatten ist ein literarisches Archiv der Bonner Republik – genau recherchiert und einfühlsam aufgearbeitet.«
Tobias Kolb, Nord-West Zeitung

»…ein souveräner Erzähler, der Sprach- und Denkklischees spielerisch persifliert…«
Angela Steitz, BuchJournal

»…ein Schmuckstück literarischer Unterhaltungskunst…«
Rolf Becker, Spiegel Spezial über Carmen 

»Jochen Schimmang ist mit dieser Moritat über das richtige Leben im falschen zugleich eine tour d’horizon quer durch die deutsche Mentalitätsgeschichte gelungen. Detailliert, zuweilen (selbst-)ironisch und stets unterhaltsam zu lesen. ›Das Beste, war wir hatten‹ ist auch ein kleiner, anarchischer Bildungsroman der alten Art, fast im Eichendorff’schen Sinne: ›Und Sie, wohin gehen Sie jetzt?‹, fragte das Mädchen. ‚Ich weiß noch nicht. Ziemlich weit, glaube ich.‹«
Beatstories. Magazin für Literatur & Rockmusik

Leseprobe

Kinder, dachte er, beinahe sind es noch Kinder. Jünger als Nott und ich damals. Der Junge war schlank, nicht besonders groß, wirkte aber sehr kräftig. Seine Haare waren das, was man strohblond nennt, die Augen irritierend blau. Das Mädchen erinnerte ihn ein bisschen an Reni Fuchs. Sie ballte auf eine Art die kleinen Hände zu Fäusten und presste dann die Fingerknöchel gegeneinander, wie es Reni auch oft getan hatte. Oder noch immer tat: Letztes Jahr in Maastricht, als sie Carl in Sicherheit gebracht hatten, hatte er das wieder an ihr beobachtet. Sie trug auch ihr dunkles Haar ähnlich wie Reni. Vielleicht kommt der Fransenpony wieder in Mode, dachte er.

»Seid ihr abgehauen?«, fragte er schließlich.

Der Junge schüttelte den Kopf.
»Wir wollen nur nicht, dass man unseren Schuppen entdeckt«, sagte er. »Wir gehen ganz normal zur Schule.«

Er zeigte auf die beiden Regale an der linken Wand. Gregor sah Bücher darin, Vorräte, einen Discman, auch ein paar Kleidungsstücke. An der rechten Wand stand eine kleine Liege. Gregor entdeckte in der Ecke zwei große Kanister.

»Wir haben das alles selbst gemacht hier«, sagte der Junge. »Wir wollen uns das nicht wegnehmen lassen. Sie sind der Erste, der hierher gekommen ist. Deshalb musste ich Sie durchsuchen.«

Gregor nickte; dann hörte er zum ersten Mal die Stimme des Mädchens. Es war eine volle, nachklingende Stimme, ein überraschend dunkler Glockenton, und doch klang sie so, als wolle sie ihr eigenes Volumen zurücknehmen, als spräche sie gleichsam unter Vorbehalt.

»Björn hat es nicht persönlich gemeint«, sagte sie. »Wir müssen uns schützen.« Nach einer Pause: »Wir sind Außenseiter, verstehen Sie.«

»Du bist also Björn«, sagte Gregor.

Der Junge nickte. »Kann nichts dafür, dass meine Eltern mich so genannt haben. Der Name war schwer in Mode, damals. Meine Freundin heißt Pia.«

»Björn ist doch ein schöner Name. Und Pia natürlich auch. Und warum seid ihr Außenseiter?«

»Wir sind nicht einverstanden«, sagte das Mädchen.

»Womit?«

»Mit allem. Wir sind am Rand der Gesellschaft. Und Sie?«

»Ich bin Gregor. Ich bin auch am Rand der Gesellschaft. Das heißt, bis vor Kurzem war ich mittendrin, ganz dick mittendrin, aber jetzt verliere ich vielleicht sogar meine Wohnung.«

»Obdachlos? Glaube ich nicht«, sagte Björn. »So, wie Sie aussehen. Sie können uns viel erzählen.«

»Mache ich«, sagte Gregor. »Gibt es etwas zu trinken?«

Es gab Kaffee aus einer Thermoskanne, der noch fast heiß war. Björn schenkte drei Tassen ein, und dann erzählte Gregor: wie er in Westberlin studiert hatte und bei einer der seltsamen kommunistischen Truppen gelandet war, von denen es damals so viele gab. Wie er durchs Fußballspielen Leo kennengelernt und seine Truppe verlassen hatte. Wie er sein Studium beendet und in Göttingen und später in Speyer gelehrt hatte, und wie er auf einer Tagung einen ranghohen Politiker kennengelernt hatte, der sein Chef werden sollte. Wie er von einer Frau, die er zu lieben glaubte, im Auftrag der Stasi bespitzelt wurde und wie das später herauskam. Wie er seinen besten Freund mit dessen Frau betrogen hatte und wie sie das schließlich beendet hatten. Wie sein Freund Carl in Schwierigkeiten geraten und verurteilt worden war. Wie sie, also Anita und er, seine Befreiung inszeniert hatten und wie man ihn nach Holland gebracht hatte. Wie er bei der Veranstaltung in Köln die Farbeier geworfen hatte.

Manchmal, während er erzählte, gab es ungläubige oder amüsierte oder zustimmende oder angewiderte Reaktionen von Björn. Als er von Carls missglücktem Anschlag berichtete, sahen die beiden sich bedeutungsvoll an. Als es um Carls Befreiung ging, mochten sie es kaum glauben. Der Junge schnaufte manchmal deutlich hörbar, und das Mädchen ballte immer wieder ihre Hände zu Fäusten und presste ihre Fingerknöchel gegeneinander. Gregor kam es vor, als habe ihm in seinem ganzen Leben noch nie jemand so aufmerksam zugehört wie diese beiden.

Er erzählte ihnen auch von seinem Borgward und seinem Haus hoch über Königswinter, von dem Abend bei Frau Mohr-Hagen und von Boris Beckers erster Sternstunde in Wimbledon. Ganz am Ende erzählte er ihnen, warum ihn der Schuppen so neugierig gemacht hatte, und dass er vor mehr als dreißig Jahren mit einem Freund zusammen ebenfalls einen solchen Schuppen entdeckt und eingerichtet und gehütet hatte vor neugierigen Blicken.

»Und das ist alles wahr?«, fragte Pia, als er geendet hatte. »Nichts an der Geschichte ist erfunden?«

»Ja, das ist alles wirklich passiert.«

Nach oben

© Edition Nautilus - Verlag Lutz Schulenburg - Gestaltung: Maja Bechert - CMS: VorSatz