Belletristik / Krimi / Unterhaltung

Gail Jones

Perdita

Roman

Aus dem Englischen übersetzt von Conny Lösch

Deutsche Erstausgabe
Gebunden mit Schutzumschlag, 256 Seiten
€ (D) 19,90
€ (A) 20,50

ISBN 978-3-89401-599-2

Erschienen August 2009
Perdita
Inhalt

Die zwölfjährige Perdita lebt mit ihrer wahnsinnigen Mutter und ihrem verbitterten Vater in der australischen Wildnis heran, in einer Hütte voller Zeitungsausschnitte über den Zweiten Weltkrieg und vermodernder Bücher, in denen Schlangen hausen. Die Shakespeare-Zitate der Mutter sind die Grundlage von Perditas spärlicher Bildung. Verwildert und frei, sucht sie Liebe bei dem taubstummen Sohn der Nachbarn und in dem Aborigine-Hausmädchen Mary. Perdita scheint zufrieden mit ihrem Leben in diesem gottverlassenen Winkel der Erde – bis zu dem Tag, an dem ihr Vater erstochen aufgefunden wird. Mary bekennt sich schuldig und wird verhaftet, Perdita verliert das Gedächtnis und kann fortan nur noch flüstern und stottern. Erst als sie die wahren Umstände des Mordes zu erinnern gezwungen ist, findet sie auch ihre Sprache wieder ...

Gail Jones verwebt gekonnt die Biografien ihrer Figuren über Generationen und Kontinente hinweg.

Zur Autorin
Gail Jones

Gail Jones, geb. 1955 in Westaustralien, unterrichtete bis vor kurzem Englisch, Kommunikation und Kulturwissenschaft an der University of Western Australia, heute lebt und arbeitet sie in Sydney. Ihre Bücher sind im englischsprachigen Original mehrfach ausgezeichnet.
Ihr erster Roman, Black Mirror, wurde mit dem ›Nita B. Kibble Award‹ ausgezeichnet. Er war in der engeren Auswahl für den ›IMPAC Award 2004‹ und nominiert für den ›Age Book of the Year Award‹ und den ›Brisbane Courier Mail Book of the Year Award‹. Ihr zweiter Roman Sixty Lights erschien 2004 und war für den ›Booker Prize‹ nominiert. 
Perdita, im Original unter dem Titel ›Sorry‹ erschienen, stand 2008 auf der Shortlist des Miles Franklin Award und auf der Longlist des Orange Prize. Die französische Übersetzung wurde für den Prix fémina étrangère nominiert.

Weitere Titel in der Edition Nautilus:
Der Traum vom Sprechen
Sechzig Lichter

Pressestimmen

»Jones` poetisch-sphärischer Stil ist bisweilen von beeindruckender Anschaulichkeit. Wie schon in ihrem herausragenden Episodenroman ›Sechzig Lichter‹, der 2007 auch auf Deutsch erschien, liegt die Stärke dieser Autorin einmal mehr in einzelnen Szenen und Bildern.«
Margret Fetzer, Frankfurter Allgemeine Zeitung

»So ernst das Buch ist: die mehrfach ausgezeichnete Autorin findet eine schöne, leichte, manchmal lyrische Sprache. Und ›Perdita‹ tröstet den Leser damit, dass Literatur manche Wunden heilen kann.«
Martina Sulner, Hannoversche Allgemeine Zeitung

»Einen unbedacht hingeschriebenen Satz, die konventionelle Beschreibung des scheinbar Immergleichen wird man in einem Buch von Gail Jones – jedenfalls in Conny Löschs Übersetzungen – nicht finden. Die 1955 geborene Australierin ist Wort um Wendung auf Genauigkeit bedacht, auf Präzision, die das Besondere erfasst, aber auch das Ungewisse und Unfassbare von Situationen, Verhältnissen und Stimmungen toleriert. Empfindsamkeit und Kühle verbinden sich, als baue jemand aus sorgfältig ausgesuchten Scherben edlen Glases ein organisches Wesen nach, das dann tatsächlich zu atmen beginnt.«
Thomas Klingenmaier, Stuttgarter Zeitung

»(...) eindrucksvolle Sprachbilder. (...) Es ist die Atmosphäre einsamer Existenzen in einer unsicheren Welt und die Perdita umgebende Aura, die das Buch tragen.«
Ellen Pomikalko, Buchmarkt

»Gail Jones hat als Thema die unwürdige, unmenschliche Behandlung der Aborigines aufgegriffen. Auf behutsame, poetische Weise nähert sich die Sprachjongleurin den Geschehnissen, schildert sensibel psychologische Zusammenhänge und wartet schließlich mit einem überraschenden Verlauf der Geschichte auf.«
Nürnberger Zeitung

»Der Roman der mehrfach ausgezeichneten Schriftstellerin ist (...) wieder ein sprachliches Meisterwerk mit tiefen Einblicken in die menschliche Psyche. (...) Deshalb ist dieser nachdenklich stimmende Roman nicht nur eindrucksvoll, sondern hochgradig spannend bis zur letzten Seite.«
Maria Panzer, Lesart

»Leise Töne sind es, die Gail Jones in ihrem dritten und bislang reifsten Roman trifft. Mit ihnen findet sie zwischen allen Grausamkeiten die Harmonie, um Bilder unter die Haut gehen zu lassen. (...) Die subtil geschilderte Reise durch eine Landschaft verschiedener Einsamkeiten wird zum Seelenkrimi.«
Andreas Kremla, Buchkultur (Wien)

»Gail Jones’ einfühlsame Sprache erkundet souverän die psychologischen Abgründe ihrer Protagonisten als auch die sozialen und kulturellen Verwerfungen im Australien der dreißiger/vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts.«
www.kulturprodukt.com

»Im Originaltitel heißt dieser beeindruckende Roman ›Sorry‹.  Der Begriff ist nicht nur mit ›Entschuldigung‹ zu übersetzen, sondern beinhaltet vor allem Schuld. (...)›Sorry‹ in aller Vielschichtigkeit ist das Thema dieser spannenden Erzählung, die das Leben einer englischen Einwandererfamilie nachzeichnet. Gail Jones entwickelt voller Spannung und Mitgefühl das Leben der sonderbaren Familie. Vorurteile und gesellschaftliche Hierarchien, Außenseitertum, Liebe und Liebesmangel sind handlungstreibende Faktoren, die ein bewegendes Bild der australischen Gesellschaft Mitte des 20. Jahrhundert zeichnen.«
Kunst & Bücher

»Gail Jones ist eine der wichtigsten australischen Autorinnen. Ihr Roman ist auch ein Beitrag zur Debatte um die Wiedergutmachung der unmenschlichen Behandlung der australischen Ureinwohner.«
Wolfgang Bortlik, 20 min (Zürich)

»Jones' Schreiben ist mit Splittern von Poesie besetzt wie mit Diamanten.«
Independent

»Kraftvoll und ergreifend ...«
The Guardian

Leseprobe

Manches Wissen über das Land und den Körper, der sich nun allmählich dem Erwachsensein näherte, lernte Perdita von ihrer Schwester Mary. Oft gingen sie einfach nur spazieren – Mary meinte, zu lange drinnen zu sitzen sei wie eine Art Schlaf –, und auf ihren Wanderungen, manchmal mit Billy Trevor im Schlepptau, der in seiner eigenen stummen Welt vor sich hin summte, manchmal mit Horatio, der vor ihnen hertrottete und herumschnüffelte, erzählten sie einander Geschichten und sonst wohlgehütete Geheimnisse.

Mary interessierte sich für das unruhige und eigentümliche Leben der Tiere und sie bemerkte stets, wenn sich etwas auch nur im Geringsten bewegte, trockenes Gras sich bog, etwas raschelte oder sich irgendwo Spuren und Andeutungen anderen gegenwärtigen Lebens fanden. Ihr Totem war die Honigtopfameise:

Sie wusste, wo sie nistete. Mit ihrem Stock holte sie die Ameisen hervor und präsentierte Billy und Perdita wuselige schwarze und bernsteinfarbene Hände voll. Sie lutschten sie aus – schoben sich die süßen Leiber in die Mundhöhlen –, während Mary zufrieden zusah. Selbst aß sie die Honigtopfameisen nie; es war ihre Kreatur, ihre.

In der Wüste im Westen, sagte Mary, gab es immer noch Schwarze, die noch nie eine kartiya gesehen hatten, ihr Volk, das nur Haarschnüre und Federn trug und leicht über die Erde ging. Sie hatten Wasserschläuche aus rotem Känguruleder, Speere und Stöcke.

Sie wussten alles, sagte sie, alles über die Welt, alles, was groß und wichtig war, und jede kleinste Einzelheit.

Perdita dachte viel über diese Menschen nach und fragte sich, was sie wussten. Die großen Fragen. Die anderen Fragen. Einmal hatte sie einen Wüstenmann in Broome gesehen, der an einen Baum gelehnt saß und verloren und einsam wirkte. Auf seiner Brust waren wulstige Narben, und er trug einen glänzenden Schmuck aus Perlmutt, an einer Haarschnur aufgefädelt, um den Hals. Nicholas hatte sie auf ihn aufmerksam gemacht und gesagt, er sei ein wichtiger Mann des Gesetzes. Er wisse Dinge, hatte ihr Vater gesagt, die er beschreiben und aufdecken würde.

Manchmal saßen Mary, Billy und Perdita einander zugewandt im Dreieck, aus keinem anderen Grund, als den Wind auf ihren Gesichtern zu spüren und ganz still darauf zu warten, dass Vögel sie besuchten. Manchmal kamen grellbunte Wellensittiche und Gelbhaubenkakadus; manchmal auch ein Habicht, der träge Kreise zog, oder ein Wolkengeschwader von Buschtauben, die auf die Sonne zuflogen. Perdita lernte die Fliegen, die sich in ihren Augenwinkeln oder auf den hässlichen aufgekratzten Abschürfungen an ihren Ellbogen und Knien drängten, zu ignorieren.

Sie lernte von Mary, dass Steine bunt glänzen, wenn man an ihnen leckt – Achat, Chrysopras, Rosenquarz –, dass man meilenweit entfernte Schritte und Leben unter der Erde hören kann, wenn man das Ohr auf den Boden legt, dass es Wasserlöcher, jila, gibt, versteckt im Wüstenland, die die kartiya, die Weißen, niemals finden werden. Sie entdeckte ein ganzes Universum des Sichtbaren und des Unsichtbaren, des Unverborgenen und des Verborgenen, einen Schlüssel zu all dem Durcheinander, dem regellosen Leben, dieser schwindelerregenden Verwirrung. Zeichen, die Perdita nie zuvor aufgefallen waren, besaßen für Mary Autorität; flüchtige Eindrücke geringster Geräusche enthielten Erklärungen und Offenbarungen. Das umfassende, unauslöschliche Leben trat allerorts zutage; Anwuchs, Abnutzung, das ungehinderte Wachstum kleiner Dinge. Die Sterne waren immer da, sagte Mary, und streckte ihre Arme aus; wir konnten sie nur nicht immer sehen. Perdita schien dies eine erstaunliche Vorstellung. Sie dachte, dass die Sterne jede Nacht ihre leuchtenden Arrangements neu ordneten, sich dann zurückzogen, verschwanden und hinter dem Tag versteckten. Weshalb hatte sie solche Dinge vorher nie gewusst? Sie fragte sich, was Gott war, ob es ihn gab und man ihn brauchte.

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