Autobiografien / Biografien

Erich Mühsam

Unpolitische Erinnerungen


Mit einem Nachwort von Hubert van den Berg

Neuausgabe
Gebunden mit Schutzumschlag, 240 Seiten
€ (D) 18,80
€ (A) 19,40

ISBN 978-3-89401-356-1

Unpolitische Erinnerungen
Inhalt

Erich Mühsams Unpolitische Erinnerungen, die als Feuilletonserie erstmalig 1927-1929 in der Berliner Vossischen Zeitung erschienen, sind ein Panorama des literarischen Lebens während der vorigen Jahrhundertwende. In Anspielung auf Thomas Manns Betrachtungen eines Unpolitischen handelt es sich hier um unpolitische Erinnerungen eines Politischen. Mühsam, selbst der »Prototyp des Caféhausliteraten«, zeichnet mit liebevoller Ironie und freundschaftlicher Zuneigung ein Bild der Boheme als »Brutstätte« kultureller Innovation.
In lockeren Bildern, Szenen und Rückblenden zeigt er, neben dem eigenen, den Lebensweg einer ganzen Generation von Literaten und Künstlern in ihrer gemeinsamen Suche nach neuen Ausdrucks- und Lebensformen. Mühsam führt den Leser in die Ballungszentren der Boheme nach Schwabing, Berlin, Wien, Paris und Ascona, in Kaffeehäuser und Kabaretts, in Kegelclubs und Ateliers; erzählt, wer mit wem verkehrte, wer zu welchem Kreis gehörte, wer an welchem Stammtisch saß, wer sich an welchen festlichen Veranstaltungen beteiligte und wer von wem vor die Tür gewiesen wurde oder diese erbost laut zuknallen ließ. Mühsam kannte sie alle: Franziska zu Reventlow, Peter Altenberg, Roda Roda, Ferdinand Hardekopf, Karl Kraus, Emmy Hennings, Otto Gross, Stefan George, Frank Wedekind, Egon Friedell, Wilhelm Bölsche, Peter Hille, Edvard Munch, Else Lasker-Schüler, Paul Scheerbart ...
Die Unpolitischen Erinnerungen sind ein lebendiges Zeugnis für »eine der interessantesten Epochen unserer Literatur«, sie sind ein Vademekum durch das kulturelle Leben um 1900.

Zum Autor
Erich Mühsam

Erich Mühsam, geb. 1878 als Sohn eines Apothekers in Berlin. Übersiedlung der Familie nach Lübeck, dort Apothekerlehre. 1898 erste literarische Veröffentlichung. Als kämpferischer Anarchist beteiligte er sich aktiv an der sozialen Bewegung. Wegen seiner Beteiligung an der bayerischen Räterepublik Verurteilung zu fünfzehn Jahren Festung und nach der Begnadigung 1924 Ausweisung aus Bayern. Mühsam wird nach dem Reichstagsbrand verhaftet und im Juli 1934 im KZ Oranienburg von der SS ermordet.

Leseprobe

»Sehr geehrter Herr Mühsam! Du bist mir noch über vierzig Mark schuldig ...«

»Künstlerkneipe« nannte sich im Untertitel das Weinlokal »Simplicissimus« des Fräulein Kathi Kobus in der Türkenstraße zu München. Vorn befand sich ein Wirtsraum, nicht viel unterschieden von anderen Wirtsräumen; hinten das Hauptlokal mit Theke, Klavier und Podium; dazwischen der beide Räume verbindende Kanal, ein langer, sehr schmaler Gang, dennoch mit Tischen und Stühlen so eng bestückt, daß das Passieren in den Abendstunden, wenn der Betrieb im Gang war, nur unter vielen Schlängelbewegungen möglich war und man die mit Flaschen und Tabletten jonglierenden Kellnerinnen für gelernte Akrobatinnen halten konnte. (...)
Ich bekam eine Zeitlang Mittag- und Abendessen, wofür ich den Nachtgästen Balladen, Schüttelreime und Ulkgedichte zu servieren hatte. Auch Damen waren engagiert: die Chansonette Annie Trautner, ferner eine Sopransängerin von echt Münchener Aussehen und Gehaben, die den poetischen Namen Mucki Bergé führte, und längere Zeit auch Emmy Hennings, die niedliche Pikanterien vortrug, von ihrer eigenen Berufung zur Dichterin aber wohl selbst noch keine Ahnung hatte. Als »Hausdichter« der Künstlerkneipe wurde der Sachse Hans Bötticher gewonnen, ein höchst witziger und begabter Mann damals schon, als keiner von uns vermutete, daß er einmal den Namen Joachim Ringelnatz berühmt machen werde. Er bedichtete Kathi selber, die kleinen Begebenheiten im »Simpl«, uns Kollegen und Kolleginnen, das unheimliche Gedränge des Publikums, das uns sehen und hören wollte, und die große Stunde, als einmal ein lebendiger Hohenzollernprinz – ich glaube, es war Wilhelms Ältester – mit etlichen Korpsstudenten, inkognito, aber sich durch heftiges Randalieren bemerkbar machend, in unserm Revier sein Amüsement suchte. Kathi erfuhr, wen sie zu bewirten hatte, hängte aber die Bajuwarin heraus und ermahnte die erlauchte Schar mit den Worten: »Saupreißn, stad san!« zur Ruhe. (Ich berichte hier nach Hörensagen; denn als man mich auf die Gäste aufmerksam machte, streikte ich und verließ für den Abend das Lokal.)
Die Energie, mit der die robuste Wirtin sich in ihren Räumen Respekt zu verschaffen wußte, war erstaunlich. Alkoholische Exzesse duldete sie nicht. Gab es Krach, dann ging sie ganz persönlich dazwischen und wies die Übeltäter hinaus, griff auch selber mit ihren kräftigen Armen zu, wenn jemand widerspenstig war. Ich sah mit eigenen Augen, wie sie gleichzeitig zwei spektakelnde Studenten hinausschmiß: mit jeder Faust im Hemdkragen eines der Sünder, stieß sie die beiden fortwährend gegeneinander und drängte sie dabei vorwärts, bis sie vor der Tür angelangt waren. Kathi Kobus duzte alle ihre Gäste, und ein Brief, der mir einmal auf einer meiner Fahrten nachgesandt wurde, begann: »Sehr geehrter Herr Mühsam! Du bist mir noch über vierzig Mark schuldig ...«
Am Schluß hieß es dann: »Mit herzlichen Grüßen hochachtungsvoll Deine Kathi Kobus«, und ein Postskriptum lautete: »Kommst du net bald wieder, Erich?« Als ich dann wiederkam und Kathi zur Rede stellte, was sie mir denn für unangenehme Mahnbriefe nachjage, meinte sie freundlich: »Scho recht. Daß d' grad wieder da bist«, holte das Hauptbuch vor und strich meine ganze Zechschuld durch. »Aber vortragen mußt halt!« sagte sie dann.

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