Autobiografien / Biografien
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Fritz Mierau

Mein russisches Jahrhundert

Autobiografie

Originalveröffentlichung
Gebunden mit Schutzumschlag, 320 Seiten,
illustriert mit Fotos und Faksimiles
€ (D) 19,90
€ (A) 20,50

ISBN 978-3-89401-386-8

Mein russisches Jahrhundert
Inhalt

Fritz Mierau ist ein Dolmetscher der russischen Moderne. Die märchenhaften geistigen Reichtümer des Ostens faszinierten ihn ebenso wie das Lächeln der Überlebenden des großen Terrors. Mit den Werken von Tretjakow, Majakowski, Mandelstam, Achmatowa, Blok, Babel u.v.a. brachte er eine lebendig gebliebene und provokative Literatur nach Deutschland. Seine Autobiographie ist eine politisch-ästhetische Reise durch ein knappes Jahrhundert Ost-West-Geschichte.

Seit er als Kind aus dem Lager der Roten Armee in Döbeln (Sachsen) Kohlen stahl, ist Fritz Mierau mit »dem Russischen« in Berührung. Seine abenteuerliche Reise führt ihn zu den Überlebenden der russischen Avantgarde, in die Lektoratsstuben der Verlage in Ost und West, in die Geheimarchive der Sicherheitsbehörden. Außerhalb der offiziellen Bahnen, ohne Parteibuch und Universitätskarriere, statt dessen mit Begeisterung und mit Unterstützung seiner Frau Sieglinde, begibt sich Fritz Mierau auf seine Expedition. Was er findet, ist eine unerschöpfliche poetische Kraft und eine große geistige Nähe zur russischen Literatur.

Zum Autor
Fritz Mierau

Fritz Mierau, geb. 1934 in Breslau, Literaturwissenschaftler, Übersetzer und Essayist, lebt in Berlin. Übersetzung und Herausgabe russischer Literatur und geistesgeschichtlicher Werke wie Russen in Berlin und Die Erweckung des Wortes. Zusammen mit Sieglinde Mierau Mitherausgeber der Franz Jung Werkausgabe.

Für seine Verdienste wurde Mierau 1988 mit dem Heinrich-Mann-Preis der Akademie der Künste der DDR, 1991 mit dem Literaturpreis zur deutsch-sowjetischen Verständigung, 1992 mit der Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung Weimar, 1996 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung und 1999 mit dem Karl-Otten-Preis des Deutschen Literaturarchivs Marbach ausgezeichnet.

Pressestimmen
»Der als ,Historiker der Wahrheit' apostrophierte Forscher ohne Lehrstuhl und Doktorhut hat sich zu keiner Zeit davon abbringen lassen, Verdecktes, Verborgenes, meist Unbequemes ... ans Licht zu bringen«.
Wulf Kirsten, Laudatio der Deutschen Schillerstiftung Weimar 1992
Textauszug

Der Wind vom Kaukasus ...

Das war wohl der außerordentlichste Tag, den man hier erleben konnte: der Besuch im Hause Maximilian Woloschins. Phantastisch wie der Dichter. Zweimal umsonst versucht und zweimal falsch angesetzt, weil ich den besten Verbindungsweg nicht kannte, glückte die Sache das dritte Mal: Ich hatte genügend lange gewartet. Das Warten wird gleich noch eine Rolle spielen. Es begann damit, daß ich mich um halb sechs wecken ließ. Wach war ich schon um viertel und als das Telefon klingelte, ging ich rasiert und aufgeladen, mit Fotoapparat, einem Weißbrotrest, meinem blauen Campingschlafanzug (für alle Fälle) in Richtung Hafen. Kurz vor sechs war ich dort. Eine lange Schlange schon und Gerüchte, daß die Karten nach Sudak, wohin ich mußte, schon ausverkauft seien. Große Aufregung. Man verweist auf ein Schiff um zehn Uhr. Aber man wartet weiter. Verkauft wird nichts. Tausend Vermutungen. Tausend Annahmen, tausend Widerrufe. Endlos die Diskussion. Plötzlich wird verkauft und es stellt sich heraus, daß das halbe Schiff leer bleibt. Die Sache geht los. Zwei Stunden Fahrt. Ganz schnell. So lange brauchte ich gestern für ein Drittel des Weges – nach Aluschta. Ich komme an. Sudak begrüßt einen mit seiner Festung, uraltes Bauwerk auf hohem Berg. Phantastisch anzusehen, aber einer Eingebung folgend stieg ich nicht da hinauf, obwohl es so schien, als sei viel Zeit. Dafür schloß ich mich einem Jungen an, der wie ein Wilder das Ufer hinanstürmte und immerfort rief: »Das schaffe ich, das schaffe ich!« Ich fragte spontan: »Wohin?« »Nach Koktebel!« Ich also mit. [...]
Es war nicht weit bis zum Haus. Es steht direkt am Meer. Rundherum ein großer Park, den die Mutter von Woloschin angelegt hat und von wo das Grün in Koktebel ausging, das jetzt überall zu treffen ist. Ich komme in den Park. Irgendwo Klavierspiel. Auf einer Bank sitzt (wiedermal) ein junges Mädchen, auch Pionierin! Ich frage sie, wie die Dinge stehen. Ja, Maria Stepanowna ruht bis halb elf, dann frühstückt sie und empfängt. [...]
Wir stiegen dann ins nördlich gelegene Sommerzimmer Woloschins. Überall Bücher: eine Spezialbibliothek für Religionsgeschichte, eine ganze Bibliothek zur Poesie und Prosa Frankreichs um die Jahrhundertwende. Ganz oben ein Plateau, wo sich die Leute nachts versammelten und, die Sterne beobachtend – Woloschin war auch ein Sternkundiger, Astronom, seriöser gesagt – Gedichte vortrugen. In diesem Haus, das viele Zimmer hat, ich war in fünf, aber es gibt noch weitere fünf, wohnten bis zu sechzig Besucher – Gäste Woloschins. Maria Stepanowna war völlig gerührt, daß einer aus dem fernen Deutschland kam und sie und Woloschins Haus kannte und aufgesucht hat. Sie fragte mich unbarmherzig aus, nach Deutschland und nach meinen russischen Eindrücken, nach meinen russischen Freunden. Fragte, ob man mich je beleidigt habe in Rußland. Von den Russen sagte sie: Sie sind gütiger als die Deutschen. Aber grausamer. Dostojewski. Den ich übrigens nicht nur hier und nicht nur so ausdrücklich bestätigt fand. Zum Schluß gab es Tee. Ich trank drei Tassen – herrlichen Tee. Dann ging es los ...

[aus einem Brief vom 25. Juli 1965]

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