Autobiografien / Biografien

Charles Mingus

Beneath the Underdog

Autobiographie

Aus dem Englischen übersetzt von Günter Pfeiffer
Mit einer Diskographie und einer Chronologie zu Leben und Werk

3. Auflage
Broschur, 320 Seiten
€ (D) 19,90
€ (A) 20,50

ISBN 978-3-89401-416-2

Erschienen Mai 2012
Beneath the Underdog
Inhalt

»Mit dieser Autobiographie meldete Mingus als farbiger Amerikaner seinen Protest gegen das Gesellschaftssystem der intoleranten weißen Mehrheitsgesellschaft der USA an, und schreibt sich in einem großen expressionistisch realistischen Ausstoß frei von den Problemen seiner Selbstverwirklichung und Zwangsneurosen. Hätte er nicht gelebt, Musik kreiert und dieses Buch geschrieben, der zeitgenössische Jazz und zumindest die schwarz-amerikanische Literatur wären unendlich viel ärmer.«
die tageszeitung, zur Erstausgabe 1981

Komponist, Bandleader, Bassist, Autor, Kritiker, Lehrer, Talent-Scout – es gab viele Seiten in Mingus' Schaffen. Seine Autobiographie ist – wie seine Musik – ein Schrei nach Respekt, Brüderlichkeit, Liebe und Freiheit. Mit »kreativer Wut« und Sarkasmus kämpfte er gegen Ausgrenzung und rassistische Diskriminierung. »Kunst ist Leben« – besessen von einer unersättlichen Neugier schuf Mingus seinen eigenen Mythos. Die Autobiographie erinnert in ihrer Ungebührlichkeit an Henry Miller, Charles Bukowski oder James Baldwin. Großmäulig, hemmungslos und dionysisch gibt Mingus Einblick in den inneren und äußeren Kosmos seines Lebens.

Zum Autor
Charles Mingus

Charles Mingus wurde 1922 an der mexikanischen Grenze in Arizona, USA, geboren, und wuchs  im Schwarzenviertel Watts von Los Angeles auf. Die Familie hatte chinesische, britische, schwedische und afrikanische Wurzeln, Charles' Stiefmutter, die ihn aufzog, hatte indianische Vorfahren. Duke Ellington war Mingus' erster Jazz-Lehrmeister, als er noch Cello im klassischen Jugendorchester spielte. In den 30er und 40er Jahren begann Mingus' Karriere als Bassist in Clubs und Konzerten mit lokalen Bands. 1945 machte er erste Plattenaufnahmen. 1951 kam er nach New York und spielte u.a. mit Charlie Parker und Miles Davis. Durch Gründung einer eigenen Plattengesellschaft erlangte er eine bis dahin einmalige Unabhängigkeit für seine Musik. Nach einer Krise in den 60er Jahren hatte er ab 1970 sein Comeback. Mingus gilt bis heute als einer der wichtigsten Komponisten des Jazz, erhielt Preise, Lehraufträge und Stipendien. Er starb am 5. Januar 1979 in Mexiko am Lou-Gehrigs-Syndrom.

Pressestimmen

»Charles Mingus, der Wegbereiter des Free Jazz hat sein wildes Leben wie ein Seismograph aufgezeichnet und dabei keinen Ausschlag der Nadel ausgelassen: die schwierige Kindheit im Armenviertel von LA; die Gangs, die ihn als Halbwüchsigen verprügelten; sein japanischer Mitschüler, der ihn Judo und damit sich wehren lehrte. Er entdeckte seine Liebe zur Musik, zum Jazz, arbeitete mit Art Tatum, Duke Ellington, Charlie Parker und Dizzy Gillespie. Wenn er Bass spielte, schwebte er zwischen cooler Gelassenheit und ekstatischer Wollust, immer mit dem Mut zum Schroffen. Wie in der Musik, so wir auch im Buch Farbe bekannt. Und das im wahrsten Sinne des Wortes: Farbiger zu sein, das bedeutete für den Jazzer zeitlebens gegen Vorurteile zu kämpfen. Beneath the Underdog – ist die Chronik einer langen Schlacht für die schwarze Musik.«
Buchjournal

»Nur schemenhaft wird die Los Angeles Jazz-Szene skizziert, in der Mingus in den 40er und 50er Jahren groß wurde. Stattdessen steckt sein Buch voll mit drastischen Schilderungen und Episoden, die einem Fiebertraum entsprungen sein könnten. Was Mingus beschreibt, ist eine ständige Balance zwischen Rebellion und Anpassung. Als hellhäutiger Schwarzer fühlte er sich nirgends zugehörig. Die Musik hilft ihm aus diesem Dilemma.«
Gerd Filtgen, SWR NOW JazzMagazin

Textauszug

Stop! Look! And Listen!

»Mit anderen Worten: ich bin drei. Der Eine steht immer in der Mitte, unbekümmert und unbeteiligt. Er beobachtet und wartet darauf, den anderen beiden sagen zu können, was er sieht. Der Zweite ist wie ein ängstliches Tier, das angreift aus Angst, selbst angegriffen zu werden. Und dann ist da noch ein liebevolles, sanftes Wesen, das jeden in die entlegenste und heiligste Kammer seines Innern läßt. Es wird beleidigt, unterschreibt vertrauensvoll Verträge, ohne sie zu lesen und läßt sich überreden, umsonst zu arbeiten. Wenn es jedoch merkt, was mit ihm gemacht wird, dann möchte es alles und jeden in seiner Umgebung umbringen, auch sich selbst, für seine Dummheit. Doch es kann nicht – es zieht sich wieder in sich selbst zurück.«
»Welcher von den dreien ist der Echte?«
»Sie sind alle echt.«
»Der Mann, der beobachtet und wartet, der Mann, der angreift, weil er Angst hat und der Mann, der vertrauen und lieben will, sich aber jedesmal zurückzieht, sobald er verraten wird. Mingus eins, zwei und drei. Welchen soll die Welt zu sehen bekommen?«
»Was geht mich an, was die Welt sehen will? Mir geht es nur darum, herauszufinden, wie ich selbst mich fühlen soll. Ich kann einfach nichts daran ändern, daß sie alle gegen mich sind, daß sie nicht wollen, daß ich Erfolg habe.«
»Wer will das nicht?«
»Agenten und Geschäftsleute mit großen Büros, die mir, einem Schwarzen, sagen, daß ich nicht ganz normal sei, nur weil ich meine, daß wir einen Teil von dem haben sollten, was uns zusteht. Schwarze Musiker werden genau so diskriminiert, wie irgendein schwarzer Scheißer auf der Straße, und die ... die ... ach was, sie wollen, daß es so bleibt.«
»lch weiß, wen Sie mit sie meinen, Charles, und das ist doch komisch, denn erinnern Sie sich, daß Sie zu mir kamen, weil ich nicht nur Psychologe sondern auch Jude bin, weil Sie glaubten, daß ich deshalb Ihre Probleme besser verstehen könnte?«
»Ha, ha! Sie sind lustig, Doktor.«
»Ah, jetzt weinst du wieder. Hier trockne dir die Augen ab und verarsch mich nicht, Mingus.«
»Na, jetzt fluchen Sie ja mal.«
»Sie haben nicht das Exklusivrecht aufs Fluchen. Verarschen Sie mich nicht. Sie sind schon in Ordnung, Charles, aber da ist noch viel Konstruiertes und Phantasiertes in Ihren Erzählungen. Zum Beispiel kann kein Mann so viel Geschlechtsver-kehr in einer Nacht haben, wie Sie es vorgeben.«
»Einen Scheiß kann er nicht. Vielleicht habe ich das eine oder andere etwas überzeichnet, wie das Gewichtheben zum Beispiel, aber das war nur, weil ich nicht weiß, was diese Hanteln wiegen, aber nur zwei andere Kerle konnten sie hochheben, und denen knickten sofort die Beine ein.«
»Sie wechseln das Thema, mein Freund.«

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