Autobiografien / Biografien
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Vera Broido

Tochter der Revolution

Erinnerungen

Mit einem Vorwort von Burkhard Müller-Ulrich
Aus dem Englischen übersetzt von Jürgen Schneider

Deutsche Erstausgabe
Gebunden mit Schutzumschlag, 192 Seiten, mit 20 S-W-Fotos
€ (D) 19,90
€ (A) 20,50

ISBN 978-3-89401-443-8

Erschienen 2004
Tochter der Revolution
Inhalt

Ihre Eltern heirateten in einem Gefängnis auf dem Weg in die Verbannung nach Sibirien, mit zehn Gefangenen als Trauzeugen. Als aktive Revolutionäre brachten sie ihre vier Kinder bei Freunden und Genossen unter, wenn sie in Sachen Agitation und Propaganda unterwegs waren. Vera Broidos Erinnerungen an das Leben im Exil zur Zarenzeit sind Erinnerungen an ein Paradies vor dem Sündenfall: Als die Familie 1914 zum zweiten Mal in die Verbannung geschickt wird, reisen sie – Vera ist 7 Jahre alt – in der komfortablen Transsibirischen Eisenbahn in eine Idylle. Lebensmittelknappheit ist unbekannt, während die Mutter Keynes übersetzt, kochen die Kinder Marmelade.
1917 kehrt die Familie nach Sankt Petersburg zurück: Broido beschreibt den euphorischen Frühling der Revolution, voller Hoffnungen, und zehn Monate später das Schlangestehen vor geschlossenen Geschäften mit den Lebensmittelmarken in der Hand.
1920 fliehen die Broidos nach Berlin und leben dort in jüdischen Exilkreisen. 1925 geht Vera nach Paris an die Sorbonne. Wichtiger als das Studium sind jedoch andere Lektionen: sie lernt das Malen bei der Konstruktivistin Alexandra Exter, das Charlestontanzen bei Stanislawskis Sohn und beginnt, als sie nach Berlin zurückkehrt, eine siebenjährige Ménage-à-trois mit dem Dadaisten Raoul Hausmann und seiner Frau. Sie wird das Modell seiner berühmten Serie von Aktfotos.

Zur Autorin
Vera Broido

Vera Broido wurde 1907 als Tochter der politischen Aktivisten (Menschewisten) Mark und Eva Broido in Sankt Petersburg geboren. Sie verbrachte während der Zarenzeit zusammen mit ihrer Mutter drei Jahre im sibirischen Exil, erlebte Krieg und Revolution in Moskau und Sankt Petersburg.

Von 1920 an lebte sie in der russisch-jüdischen Gemeinde in Berlin und ging 1925 für einige Zeit nach Paris, studierte Malerei bei Alexandra Exter und kehrte dann nach Berlin zurück. Sie verkehrte in der Berliner Bohème und wurde Muse und Aktmodell für Raoul Hausmann. 1934 mußte sie wegen ihrer jüdischen Herkunft erneut fliehen und lebte fortan in England, wo sie im April 2004 verstarb.

Pressestimmen

»… ein außergewöhnlicher, faszinierender Bericht … höchst aktuell.«
Neues Deutschland, Wladislaw Hedeler

»Eine gelungene Mischung aus Lebenserinnerung, Reportage und Geschichte, ungeheuer spannend und lebendig erzählt.«
SWR

»… ein ebenso fesselnder wie anrührender Lesegenuss.«
Tagesspiegel

»… eine schwungvoll geschriebene Mischung aus Biografischem, Politischem und Zeitgeschichtlichem.«
analyse & kritik

Textauszug

»Es gab so viel zu sehen und zu tun. Ich kletterte über die schmalen, steilen Treppen von Deck zu Deck, bestaunte die Rettungsboote und die großen Rollen mit den dicken Tauen, linste durch das Bullauge und testete die Schlafkojen in unserer Kabine. Es tat mir kein bisschen Leid, dass wir nach Sibirien verbannt wurden!«
Es dauerte drei Wochen, bis wir in Krasnojarsk am Ende unserer Reise angekommen waren. Auf dem Bahnsteig warteten ein paar Frauen und Männer, die sofort als politische Verbannte zu erkennen waren, auf die Neuankömmlinge, die stets herzlich begrüßt wurden. Auf diesem Bahnsteig hatte fünfzehn Jahre zuvor der spätere Bolschewistenführer Lenin auf seinen engen Freund und Genossen Martow gewartet, den späteren Führer der Menschwiki. Wir wurden sofort umringt, und man half uns und begleitete uns zur Wohnung einer der Verbannten, wo wir (wie bereits beschlossen worden war) ebenfalls wohnen sollten. Die Verbannten in Sibirien waren immer gut informiert, sie wussten stets, wer wann als nächster ankommen und welche Zeitungen und Journale sowie Briefe von Freunden und Verwandten mitbringen würde. Jedes Mal herrschte eine freudige Stimmung.
In Krasnojarsk residierte der Gouverneur von Westsibirien, der den Verbannten ihren Wohnsitz in der Region zuwies. Nachdem wir ein paar Tage gewartet hatten, wurde Mutter mitgeteilt, dass sie nach Kuragino geschickt würde, ein Dorf im Kreis Minussinsk, nicht weit von der Ortschaft entfernt, in der Lenin vierzehn Jahre zuvor gelebt hatte. Wie Lenin konnten wir froh sein, in dieses Gebiet geschickt zu werden, ist das Klima dort doch ausgezeichnet. Hätte man uns gen Norden geschickt, wären wir womöglich, wie so viele Verbannte, in den schrecklichen Sümpfen von Turuchansk gelandet. Dieses Schicksal hatte Martow erlitten, was seine Gesundheit ruinierte.
Per Dampfer fuhren wir fünf Tage und Nächte den Fluss Jenissej hinauf, der so breit ist, dass wir das gegenüberliegende Ufer nicht sehen konnten, wenn wir auf der anderen Seite anlegten. Nach der Zugfahrt bot die Schifffahrt ein neues vergnügliches Abenteuer. Am ersten Tag schipperten wir durch die Schlucht von Krasnojarsk. Hier verengt sich der Fluss und wird auf beiden Seiten von hohen, roten Felsen flankiert. Die Schlucht ist berühmt, ich war allerdings zu sehr damit beschäftigt, unsere neue Unterkunft zu erkunden, um mich an deren Anblick zu erfreuen.

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