Autobiografien / Biografien

Peter Overbeck

Santiago, 11. September

Erinnerungen an Chile

Originalveröffentlichung
Broschur, 256 Seiten
€ (D) 19,90
€ (A) 20,50

ISBN 978-3-89401-581-7

Erschienen Ende August 2008
Santiago, 11. September
Inhalt

Peter Overbeck kam 1971 voller Hoffnung aus dem Brasilien der Militärdiktatur nach Chile. Als Mitglied der chilenischen Bewegung der Revolutionären Linken (MIR) und Kameramann drehte er Dokumentarfilme über die Durchführung der Reformen Allendes und die Veränderungen in der chilenischen Gesellschaft. Als aufmerksamer Zeitzeuge und gewissenhafter Chronist erinnert er sich heute an diese kurze Zeit der Hoffnung. Drei Jahre lang betrieb Allende sein verfassungstreues Reformprogramm gegen den wachsenden Widerstand des in- und ausländischen Großkapitals und der USA – bis die reaktionären Kräfte schließlich, unterstützt von der CIA, am 11. September 1973 putschten und die Militärdiktatur unter Pinochet begann.
Overbeck wurde, wie viele andere Linke, selbst verfolgt und konnte im letzten Moment über die kolumbianische Botschaft nach Deutschland fliehen. Diese Erinnerungen an Chile sind ein beeindruckendes Zeugnis einer hoffnungsvollen Zeit, als Eine Andere Welt zum Greifen nahe schien.

Zum Autor
Peter Overbeck

Peter Overbeck (auf dem Foto mit seiner Frau Ruth), geboren 1927 in Mannheim, nach russischer Kriegsgefangenschaft Studium der Malerei. 1951 Auswanderung nach Brasilien, Arbeit als Kameramann und Regisseur von Werbe-, Dokumentar- und Spielfilmen. 1971 Übersiedlung nach Chile, Mitglied der Bewegung der Revolutionären Linken (MIR), 1973, nach dem Sturz Allendes, Leben im Untergrund. 1974 Flucht und Rückkehr nach Deutschland. 1977 erneuter Umzug nach Brasilien. 1994 Übersiedlung mit seiner Frau Ruth nach Israel in einen Kibbuz. Engagement in der Friedensbewegung.

Weitere Titel in der Edition Nautilus:
Gott ist Brasilianer

Pressestimmen

»Overbeck berichtet sachlich-nüchtern über den kurzen Aufbruch und das abrupte Ende des Versuchs einer legalen und gewaltfreien Revolution und bringt Ereignisse wieder in Erinnerung, die nicht vergessen werden sollen.«
Rudolf Walther, Süddeutsche Zeitung

»Overbeck erzählt szenisch, seine Sprache ist einfach und klar. Eindrücke und Erlebnisse verdichtet er zu farbigen Episoden, die mitunter fast literarische Qualität erreichen. Zuweilen ergänzt er prägnante politische Betrachtungen oder dokumentiert auszugsweise zeitgenössische Texte. Overbeck schildert diese Jahre nicht aus Sicht der politischen Strömungen, sondern beschreibt den sozialen Wandel aus einer stärkeren alltäglichen Perspektive. Salvador Allende ist einer der wenigen Politiker, die überhaupt mit Namen genannt werden. Ihm widmet Overbeck einige Passagen, ohne den politischen Prozess auf die Figur des Präsidenten zu reduzieren. (...) Peter Overbecks Buch lässt die Jahre der Unidad Popular lebendig vor Augen treten. Er lenkt die Aufmerksamkeit auf wirkliche demokratische Reformen, die och heute als Anregung dienen können, wenn über gesellschaftliche Alternativen diskutiert wird.«
Steffen Vogel, Freitag

»Einer, der am 11. September 1973 vor dem Amtssitz Allendes stand und die Bomben fallen sah, war der Deutsche Peter Overbeck. Er war kein unbeteiligter Zuschauer: Schon einige Jahre im Lande, gehörte der Kameramann und Dokumentarfilmer aus Mannheim, der zuvor in Brasilien gelebt hatte, zu den Anhängern Allendes und geriet mach dem Coup d'Etat der Generäle selber in Lebensgefahr. (...) Es sind – neben interessanten Einblicken in die Regierungsjahre von Allende – bedrückende Szenen, die das Buch, in sparsamer, schnörkelloser Prosa verfasst, zu einem Augenzeugenbericht machen, der unter die Haut geht.«
Norbert Rehrmann, DIE ZEIT

Leseprobe

Um 11 Uhr 40 begann der Luftangriff. Ich sah, wie sich, vom Gebirge herkommend, zuerst als Punkt nur sichtbar, bald aber deutlich zu erkennen, das erste Kampfflugzeug dem Stadtzentrum näherte, wie es sich dann, wie ein Raubvogel auf seine Beute, auf den Gebäudekomplex der Moneda stürzte, wie die Rakete sich vom Flugzeug löste, wie beide schon getrennt voneinander fliegend auf uns zukamen, wie erstere dann in einer perfekten Kurve nach unten abbog und einschlug. Ein helles Licht. Der Boden unter unseren Füßen erzitterte. Das Klirren vieler zersplitterter Fensterscheiben. Das Geräusch berstenden, zerbröckelnden, zusammenbrechenden Mauerwerks und unmittelbar danach das obszön grölende Aufjaulen des Flugzeugs, das über unsere Köpfe hinweg in einer steilen Kurve jäh in den Himmel stieß. Schwarzer Qualm schoss aus den Fenstern. Weißgrauer Staub und Rauch quollen aus dem Eingangstor. Nach dem zweiten Einschlag in einen der uns näher liegenden Flügel der Moneda wurden wir von zersplittertem Glas und zerborstenem Mauerwerk überrieselt. Wir flüchteten in den Hof der zwei Häuserblocks entfernten Universidad de Chile. Im Abstand von ein bis zwei Minuten folgte Detonation auf Detonation, und jedes Mal danach das ohrenbetäubende Kreischen der hochziehenden Kampfflugzeuge.
Es sollen vier Hawker Hunter Jagdbomber gewesen sein, die in mehrmals wiederholtem Anflug insgesamt 18 Raketen auf die Moneda abgeschossen hatten. Alle trafen ins Ziel.
Dann war der Luftangriff zu Ende. Es war ganz still geworden.

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