Autobiografien / Biografien

Buch des Jahres 2009
Bibliothek der Freien, Berlin

Errico Malatesta (Hg.)

Ungeschriebene Autobiografie


Deutsche Erstausgabe
Broschur, 224 Seiten,
mit 9 S-W-Abbildungen
€ (D) 16,90
€ (A) 17,40

ISBN 978-3-89401-594-7

Erschienen Februar 2009
Ungeschriebene Autobiografie
Inhalt

Malatesta (1853-1932) hat sich immer geweigert, seine Autobiografie zu schreiben. Er hielt sie angesichts der krisengeschüttelten Weltlage für unerheblich. Trotzdem liest sich sein Leben wie ein Abenteuerroman: Auf der Flucht vor der Polizei quer durch die Länder der Welt lernte er die bedeutendsten Zeitgenossen der internationalen Aufstände kennen. Obwohl aus wohlhabender Familie, engagierte er sich schon sehr früh politsch und wurde als Vierzehnjähriger zum ersten Mal verhaftet. 1871 warf man Malatesta wegen Teilnahme an einer Demons­tration von der Universität. Er trat der italienischen Sektion der Internationale bei, traf 1872 Michail Bakunin in der Schweiz. 1877 war Malatesta an einem bewaffneten Aufstand in Kampanien beteiligt. Sie verübten einen Brandanschlag auf das Finanzamt und erklärten das Ende der Monarchie. Der Aufstand wurde durch das Militär schnell niedergeschlagen. Malatesta war gezwungen, das Land zu verlassen. Im Laufe der folgenden Jahre lebte und agitierte er in Ägypten, in der Schweiz, in Rumänien, London, Argentinien, Belgien, Malta, den USA und immer wieder auch in Italien, wo er mehrfach verhaftet wurde. Malatesta gründete mehrere anarchistische Zeitschriften, organisierte Streiks und Demonstrationen. Unter der faschistischen Diktatur Mussolinis arbeitete er als Elektriker in Rom, wo er 1932 fast 80-jährig starb.

Die anarchistische Bibliothek der Freien in Berlin hat Errico Malatestas Autobiografie zum »Buch des Jahres« gewählt.

»Ich habe durch die großen philosophischen Gedanken von einem Mann wie Malatesta, die pazifistisch waren, die überzeugen wollten, erkannt, wie wichtig es ist, sich einer Autorität des Staates zu verweigern, um eigene Wege zu gehen.«
Peter Lilienthal über seinen Film »Malatesta«

Zum Autor
Errico Malatesta
Errico Malatesta, geboren 1853 in Capua, gestorben 1932 in Rom, war der wohl berühmteste italienische Anarchist, Bakunin-Anhänger und einer der international bekanntesten Aktivisten der anarchistischen Bewegung im 19. und 20. Jahrhundert. Von der Polizei fast ganz Europas gesucht, überwacht, festgenommen und ausgewiesen, war er schon zu Lebzeiten legendär.
Pressestimmen

»... ein sehr empfehlenswerter Beitrag zur Erforschung der anarchistischen Geschichte.«
Maurice Schuhmann, Cultureglobe

»... ein lebendiges Porträt des legendären politischen Nonkonformisten.«
Rudolf Walther, die tageszeitung

Textauszug

Aus der Einleitung

»Malatesta spricht nie über sich selbst.«

Max Nettlau, ein junger Mann aus Wien, der Sprachstudien halber nach London gekommen war und später einmal zum Geschichtsschreiber des Anarchismus werden sollte, ist Malatesta dort zum ersten Mal gegen Ende des Jahres 1889 begegnet. Als er in das »kleine, fast leere Haus« kam, worin sich Malatesta mit anderen Genossen niedergelassen hatte, wollte er zunächst nur den Mann kennenlernen, der in seinen Augen »eine der größten Seltenheiten« in der anarchistischen Bewegung darstellte. Zu seiner Überraschung entdeckte er dabei auch noch einen wirklich großen Schatz, eine Kiste mit älteren Drucksachen und Papieren. Dieser Besuch und der dabei gemachte Fund bestätigten Nettlau in seiner Meinung, daß Malatesta schon längst seine Erinnerungen hätte zusammenfassen müssen. Damals war Malatesta aber erst fünfunddreißig Jahre alt, und Nettlau zählte gerade einmal vierundzwanzig Jahre.

Doch Malatesta besaß bereits den Ruf eines alten Revolutionärs. Kurz zuvor war er, aus Südamerika kommend, in London eingetroffen. In frühester Jugend hatte er die Gründungskongresse des Anarchismus besucht und war dabei den ersten Internationalisten begegnet; in den Bergen des Matese hatte er sich einer Aufstandsbewegung angeschlossen, die im Rückblick der Geschichte mit der legendären Expedition von Carlo Pisacane verschmolzen ist; er hatte im Exil gelebt und war in Ägypten, in der Schweiz, in Frankreich, Belgien, Spanien, Rumänien, Südamerika und England unterwegs gewesen. Er war zu Haftstrafen verurteilt worden und hatte mit dem Gefängnis Bekanntschaft gemacht; in vielen Ländern hatte er Zeitungen gegründet und Arbeitervereine ins Leben gerufen; um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, hatte er vom Mechaniker und Elektriker bis zum Italienischlehrer sämtliche Berufe ausgeübt, in Patagonien war er sogar Goldsucher gewesen; er hatte Artikel und Propagandabroschüren veröffentlicht und mit Männern wie Carlo Cafiero, Andrea Costa, Amilcare Cipriani und Peter Kropotkin Debatten geführt.

Viele haben Malatesta darum gebeten, wenn schon nicht eine Autobiographie, dann wenigstens die Erinnerungen an seine »ersten Kampfjahre« aufzuschreiben, worauf auch Nettlau be­harrte, besonders nachdem ein Brand die besagte Kiste mit den Dokumenten vernichtet hatte. Luigi Fabbri, mit fünfundzwanzig Jahren viel jünger als Malatesta, war bei einer jener Zusammenkünfte zugegen, bei denen Nettlau »im Interesse der gegenwärtigen Geschichte« auf sein Anliegen zurückkam. Malatesta, der da bereits über fünfzig Jahre alt war, entgegnete, für so etwas »keine Zeit zu haben« und daß es »viel wichtiger« sei, »Propaganda zu betreiben und für die Revolution zu arbeiten«. Fabbri war mit Nettlau einer Meinung: mit seinen Erinnerungen hätte Malatesta sehr wohl einen Beitrag »zur Propaganda und zur Revolution« leisten können, »abgesehen von dem Dienst, den er damit der Geschichtspflege ganz allgemein erwiesen hätte, denn seine Memoiren hätten über die lehrreichsten Ereignisse aus der Geschichte eines halben Jahrhunderts Aufschluß gegeben«.

Einige Jahrzehnte später sollte Gaetano Salvemini gegenüber Armando Borghi ähnliche Argumente vorbringen. »Deinen Memoiren«, sagte er zu ihm, »kommt als Zeugnis der Geschichte eine ungewöhnliche Bedeutung zu.« Borghi antwortete so wie Malatesta: »Was schert mich die Geschichte? Auf die Zukunft muß man achten, nicht auf die Vergangenheit.« Salvemini erwiderte, daß die Zukunft der Sproß der Vergangenheit sei; wer die Vergangenheit nicht achte, müsse immer wieder von vorne anfangen. Borghi wehrte sich: »Jeder macht seine Sache, so gut er kann. Beschäftigt ihr euch doch mit der Geschichte.« Wenn aber die Akteure keine Auskunft erteilten, entgegnete Salvemini, würden die Historiker die Geschichte nicht schreiben können. Zuletzt griff er auf das – zumindest gegenüber Borghi – stichhaltigste Argument zurück: »Wenn sich die Anarchisten nicht darum kümmern, werden sich ihre Feinde ihrer Geschichte annehmen.«

Nicht nur die jüngeren Freunde wie Nettlau, Fabbri, Borghi und Berneri drängten Malatesta, seine Erinnerungen zu schreiben. Eine englische Zeitung bot ihm für den Abdruck seiner Memoiren sogar ein Honorar, das ihm, wie Fabbri näher ausführte, ein Leben auf großem Fuß ermöglicht hätte. Aber Malatesta schlug das Angebot aus. Fabbri brachte es schließlich betrübt auf den Punkt: »Malatesta spricht nie über sich selbst.«

 

 

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