Kunst / Kleine Bücherei

Etel Adnan

Reise zum Mount Tamalpais


Aus dem Englischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Klaudia Ruschkowski

Deutsche Erstausgabe
Gebunden mit Schutzumschlag, 96 Seiten, mit S/W-Illustrationen
€ (D) 20,–
€ (A) 20,50

ISBN 978-3-89401-572-5

Erschienen Februar 2008
Reise zum Mount Tamalpais
Inhalt

»Einmal wurde ich vor laufender Fernsehkamera gefragt: ›Wer ist die wichtigste Person, die Sie jemals getroffen haben?‹ und ich erinnere mich, wie ich antwortete: ›Ein Berg.‹ So entdeckte ich Tamalpais im Mittelpunkt meines Daseins.«
Was sie durch das Malen über den Berg und durch den Berg über Malerei erfuhr, notierte Etel Adnan über Jahre hinweg. Ihre Leidenschaft gilt dabei den Formen der Wahrnehmung. Sie erfasst die spirituelle Welt der Träume und Mythen, dringt in den Raum der Technik vor und beschreibt die Phänomene der Natur. Die pyramidale Form des Bergs, seine Sphären und Linien, seine ständig wechselnden Farben und seine lange indianische Geschichte prägten sich ihrem Leben ein. Sie wurden Teil ihrer Identität.
In diesem Künstlerbuch verschmilzt die Poesie des Nachsinnens mit den Zeichen der Malerei. In der Tradition der Auseinandersetzung eines Künstlers mit einem Berg steht sie neben Cézanne und Hokusai.

Zur Autorin
Etel Adnan
© Felix Grünschloß

Etel Adnan, Schriftstellerin und Malerin, wurde 1925 in Beirut, Libanon, geboren. Ihre Mutter war eine christliche Griechin aus Smyrna, ihr Vater ein muslimischer Syrer. Besuch französischer Schulen in Beirut, 1949 Studium der Philosophie in Paris, ab 1955 in den USA. Von 1958 bis 1972 unterrichtete sie Geisteswissenschaften und Philosophie in San Rafael, Kalifornien. 1972 Rückkehr nach Beirut, Feuilletonredakteurin der Zeitung Al-Safa. Zwei Jahre nach Ausbruch des Bürgerkriegs zog sie nach Paris, 1979 ging sie wieder nach Kalifornien. Heute lebt sie wieder in Paris, mit regelmäßigen Aufenthalten in Beirut, auf der griechischen Insel Skopelos, in der Bretagne. Für ihre Verdienste um die arabische Welt wurde Etel Adnan 2010 vom libanesischen Präsidenten Michel Slaiman mit dem Staatspreis ausgezeichnet.

Wir sind alle eine Synthese, ein Gewebe aus vielen Fäden, das unsere Persönlichkeit ausmacht. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass in jedem von uns mehrere Personen stecken. Für mich ist Identität nicht naturgegeben. Identität kann auch auf einer bewussten Entscheidung beruhen. Natürlich bin ich auch Araberin, neben vielen anderen Dingen. Ich fühle mich der arabischen Welt tief verbunden, gerade wegen all der Konflikte und der Schwierigkeiten, die die arabische Welt durchlebt hat und immer noch durchlebt. Selbst wenn man sie vergessen wollte: Es geht einfach nicht. Denn man wird jeden Tag an diesen Teil der Welt erinnert. In diesem Sinne fühle ich mich loyal und auch verantwortlich. Etel Adnan im Gespräch mit Martina Sabra, 2009

Das Al-Madina Theater im Herzen Beiruts hat die Dichterin, Schriftstellerin und Malerin Etel Adnan 2010 in einer großen Hommage gefeiert. Zum Abschluss riefen die Direktorin des Al-Madina Theaters, Nidal Al Achkar, und die Direktorin des Riksteatern Stockholm, Birgitta Englin, den „Etel Adnan Award for Female Playwrights in the Arab World“ ins Leben, dotiert mit 5000 Euro für das beste Stück, das dann sowohl in Beirut wie in Stockholm aufgeführt wird.Auf der dOCUMENTA (13) 2012 war sie eingeladen, ihre Bilder und Zeichnungen zu zeigen, Geheimtipp und Shooting Star zugleich.

 

Pressestimmen

»... Hüllt ihre Momentaufnahmen in eine bemerkenswert sinnliche Wortwahl.«
Die Welt

»Ein wunderschönes gebundenes Künstlerbuch für Liebhaber von Etel Adnan …!«
Sabine Selp, www.media-mania.de

Textauszug

Der Kondor stirbt. Er lebte auf dem Gipfel des Tamalpais. Seine quadratischen Flügel trugen ihn über das ganze Gebiet: Unter ihm trieben die Hügel hin, schweigend und stolz. Wie ein furchtbares Messer durchschnitt er die Wolken. Zu bestimmten Zeiten trug er den Mond zwischen den Fängen. Nun haben wir seine Aufgabe übernommen. Wir sind es, die zum Berg gehen.
An diesem Morgen nahm ich den Kartentisch und stellte ihn auf die Dachterrasse, unter die Pinien. Schatten fielen auf ein Blatt Papier. Ich versuchte, ihre Umrisse festzuhalten, aber sie zogen dahin, langsam, unablässig. Ich musste an Gehwege denken, auf denen Menschen eilen. Und der große Berg verströmte einen wilden Duft zerriebener Kräuter, ließ alles leicht unwirklich erscheinen.
Die warme Brise war auf ihrem langen Weg von Athen und Bagdad bis zur Bucht, quer über den Pazifik, ihre weiteste Reise, zum Chor geworden. Mit der Energie dieser Winde gelangte ich hierher, an diese Küste, besessen, verfolgt von meinen selbstgemachten Furien, Erinnyen und anderen mächtigen Geschöpfen. Und mich ergriff die Liebe zu den unermesslich blauen Augen des Pazifik: Ich betrachtete seine roten Algen, seine blutroten Klippen, seinen pulsierenden Atem. Der Ozean führte mich zum Berg.

Einmal wurde ich vor laufender Fernsehkamera gefragt: »Wer ist die wichtigste Person, die Sie je getroffen haben?«, und ich weiß noch, wie ich antwortete: »Ein Berg.« So entdeckte ich Mount Tamalpais im Mittelpunkt meines Daseins. Jahr für Jahr, ob ich die Grand Avenue in San Rafael herabkomme, ob von Monterey oder Carmel herauf oder von Norden und der Küste von Mendocino her, immer taucht der Tamalpais als fester Bezugspunkt auf, so wie der Wüstenfahrer eine Oase ansteuert, nicht allein wegen des Wassers, sondern als Inbegriff von Heimat.

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© Edition Nautilus GmbH - Gestaltung: Maja Bechert