Kunst / Kleine Bücherei

Leonora Carrington

Die Windsbraut

Bizarre Geschichten

Mit einem Vorwort von André Breton
Herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort versehen
von Heribert Becker

Kleine Bücherei für Hand und Kopf – Band 61
Klappenbroschur, 256 Seiten,
durchgehend vierfarbig, mit vielen Illustrationen
€ (D) 16,90
€ (A) 17,40

ISBN 978-3-89401-602-9

Erschienen August 2009
Die Windsbraut
Inhalt

Dieser Band ist der letzten lebenden Surrealistin gewidmet. In Bizarren Geschichten aus den dreißiger bis achtziger Jahren – kein anderes Buch der Künstlerin versammelt Werke aus einer solchen Zeitspanne – erzählt Leonora Carrington traumhafte, eindringliche, wundersame Begebenheiten. Die meisten Erzählungen liegen hier zum ersten Mal in deutscher Übersetzung vor. Ausgewählte Gemälde der Künstlerin illustrieren ihr Schreiben.

Zur Autorin
Leonora Carrington

Leonora Carrington, geb. 1917 in England, lernte in den Dreißigerjahren in Paris Max Ernst kennen, mit dem sie bis 1940 zusammenlebte. In Paris Kontakt mit André Breton und Joan Miró, Ausstellungen surrealistischer Malerei in Amsterdam und Paris, erste Veröffentlichungen ihrer Geschichten. 1940 flüchtete sie in die USA und von da aus 1942 nach Mexiko, wo sie bis zu ihrem Tod am 25. Mai 2011 lebte.

Pressestimmen

»… eine Lektüre als bildgewaltige Geschichtensammlung der Phantastik ….«
www.phantastik-couch.de 

„… ein weitere(r) Baustein am Denkmal für den literarischen Surrealismus ….“
apl, FAZ 

„Eine vergnügliche Lektüre.“
Wir Frauen 

„Ein Juwel der Einzigartigkeit.“
Florian Felix Weyh, Deutschlandfunk, Büchermarkt

"Leonora Carrington ist eine Entdeckung wert …."
Jochen Knoblauch, graswurzelrevolution

„Dieses kleine Buch erweist sich als Schatzkästchen …“
Judi Muhawi, Schnüss – Bonner Stadtmagazin

Textauszug

»Also, passen Sie auf. Sie läuten nach dem Dienstmädchen, und wenn es hereinkommt, stürzen wir uns auf sie und reißen ihr das Gesicht ab. Heute Abend trage ich dann ihr Gesicht anstelle meines eigenen.«
»Das geht doch nicht«, warf ich ein. »Sie wird wahrscheinlich sterben, wenn sie kein Gesicht mehr hat; jemand wird die Leiche finden, und wir landen im Gefängnis.«
Ich bin hungrig genug, um sie aufzufressen«, erwiderte die Hyäne.
»Und die Knochen?«
»Die auch«, sagte sie. »Also abgemacht?«
»Nur wenn Sie versprechen, sie zu töten, bevor sie ihr das Gesicht herunterreißen. Sonst tut ihr das viel zu weh.«
»Na gut, das soll mir egal sein.«

Beklommen läutete ich nach Marie, dem Dienstmädchen. Ich hätte es bestimmt nicht getan, wenn ich nicht so einen Abscheu vor Bällen hätte. Als Marie ins Zimmer trat, drehte ich mich zur Wand, um nichts zu sehen. Ich muss zugeben, dass es sehr schnell ging. Ein kurzer Schrei, und es war vorbei. Während die Hyäne fraß, schaute ich zum Fenster hinaus. Ein paar Minuten später sagte sie:

»Ich kann nicht mehr. Die beiden Füße sind noch übrig, aber wenn Sie einen kleinen Beutel haben, fresse ich den Rest im Laufe des Tages.«
»Im Schrank hängt eine mit Lilien bestickte Tasche. Legen Sie die Taschentücher, die darin sind, beiseite und nehmen Sie sie.«Sie tat, was ich ihr auftrug. Dann sagte sie: »Jetzt drehen Sie sich um und sehen Sie, wie schön ich bin!«
Die Hyäne stand vor dem Spiegel und bewunderte sich mit den Gesichtszügen Maries. Sie hatte sorgsam rings um das Gesicht herum gefressen, so dass gerade so viel übrig blieb, wie sie brauchte.
»Wahrhaftig«, sagte ich, »saubere Arbeit.«
Gegen Abend, als die Hyäne fertig angekleidet war, erklärte sie mir: »Ich fühle mich großartig. Ich habe das Gefühl, dass ich heute Abend viel Erfolg haben werde.«

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