Politisches Sachbuch

Michael Ewert

Blinde Flecken

Auschwitz und die Verherrlichung des Mechanischen

Originalveröffentlichung
Broschur, 256 Seiten
€ (D) 5,–  Sonderpreis
€ (A) 5,20

ISBN 978-3-89401-367-7

Erschienen 2001
Blinde Flecken
Inhalt

»Ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.« Franz Kafka
Michael Ewert geht es um die Bedingungen der Wahrnehmung von Wirklichkeit, die ganz zwanglos soweit entstellt sein kann, daß es Handlungen gibt, aber keine Täter. Auf diese Weise spricht man zwar ständig von Auschwitz, ist aber selber weit weg. Die Frage ist dann, auf welche Weise ein Bezug zu den Nazi-Verbrechen möglich ist. In einem umfassenderen Sinn ist das Problem, inwieweit dem Einzelnen in der anonymen Massengesellschaft Verantwortung zukommt und er eine realistische Vorstellung von Wirklichkeit überhaupt haben kann.
Zentral stellt sich die Frage, wie die Menschen in einer Gesellschaft ihr Leben gestalten. Haben sie es nicht im Griff, werden sie ein zwanghaftes Verhalten entwickeln, dessen Folgen sie wiederum verdrängen, wenn sie ihre Ursache: eben ihr eigenes Verhalten, nicht verändern wollen. Wirkliche Erinnerung ist damit unterbunden, weshalb man Scheingefechte ausführt wie den Kampf gegen Neo-Nazis oder die Erörterung der Frage, ob die Verbrechen einzigartig oder vergleichbar sind. Aggression und Ohnmacht nehmen einen naturhaften Charakter an. Indem Auschwitz zu einer willkürlichen Projektionsfläche gemacht wird, wehrt man den spezifischen Charakter einer verdinglichten Normalität ab, den man nicht wahrhaben will. Er muß zur Sprache kommen, um Anteilnahme zu ermöglichen und von einem plakativen Umgang mit den Nazis und ihren Verbrechen wegzukommen.

Wie ist ein Bruch zu den fortexistierenden Ursachen der Nazi-Verbrechen möglich? Michael Ewerts analytischer Versuch über Verantwortung und Geschichte untersucht besonders die sozialpsychologischen Voraussetzungen der Ausrottungspolitik der Nazis. Für den Autor sind die Reduzierung von menschlicher Praxis auf ein mechanisches Tun und die so bewirkte Verkümmerung des Empfindens eine latente Fortsetzung der Ursachen der Nazi-Verbrechen. Sein Buch ist ein Plädoyer gegen die verdrängende Erinnerungskultur – keine »Vergangenheitsbewältigung«, sondern Gegenwarts-Analyse!

 

Zum Autor
Michael Ewert

Michael Ewert, geb. 1947 in Hohenstein, Kreis Eckernförde, promovierte 1980 in Geschichte und Philosophie. Lebt in München. Bisherige Veröffentlichung: Die problematische Kritik der Ideologie, Frankfurt 1982

Textauszug

»Es steht nicht zur Disposition, über Auschwitz zu sprechen oder nicht. Es ist ein Problem, wie man darüber spricht: nicht so, als ob es passé ist, sondern so, daß es uns heute angeht. Jenseits unserer Erfahrungen, die wir jetzt machen, wird das Verbrechen als Tat ohne wirkliche Täter verharmlost. Die eigene Abwesenheit ist wesentliche Voraussetzung, etwas als einzigartig, uns fremdartig interpretieren zu können. Anteilnahme ist wie Wahrnehmung, Empfindung und Anschauung nur eine Antwort auf pragmatische Erfordernisse. Ist sie nicht möglich, müssen die Bedingungen des Lebens, wenn nicht verändert, so doch als nicht hinzunehmende, umzustürzende, erkannt und kritisiert werden.«

»... es ist ein nicht lösbarer Widerspruch, etwas mit dem Geschehenen zu tun haben zu wollen, aber die Verantwortung dafür von sich zu weisen. Dieser Vorgang findet sich in den dominierenden Bewußtseinsstrukturen wieder, weshalb ein Bezug zur Vergangenheit von vornherein viel für sich hat, der gerne von Schuld spricht, nicht aber von Schuldigen. Das Verbrechen gerät in die Nähe einer Naturkatastrophe, von der neben den Opfern auch die Täter überrollt wurden. Ihnen bleibt ,hinterher' nur, sich gebührend für etwas zu entschuldigen, mit dem andere ,irgendwie' fertigwerden müssen. Ohne eine Ahnung von Bedürfnissen, Möglichkeiten und Idealen des Menschen als Gattungswesen geht man dem tieferen Wesen zwanghaften Verhaltens aus dem Weg, bleibt auf vertrauten Pfaden und tröstet sich in dunklen Zeiten, daß auch die Kühe schwarz sind und alle Theorie grau.«

»Hitlers Unmenschlichkeit war nur außergewöhnlich, weil sie nicht normal war. Normal wäre sie gewesen, wenn sie sich innerhalb der Rationalität bürgerlich-ökonomischen Denkens bewegt hätte wie die Ermordung von Indianern, Schwarzafrikanern, Indern, Indonesiern oder Algeriern. Wegen des Strebens nach Profit, der unersättlichen Gier nach Reichtum und eines irrationalen Egoismus des Habens wird niemand verachtet. Diese Eigenschaften werden erfolgreich praktiziert, für Tugenden gehalten und lassen nur noch Platz für formelhafte Kritik am Neo-Faschismus sowie eine beschränkte Vorstellung von Verantwortung.«

»Wenn die Geschichte nicht zu Hitler hingeführt hat, wohin dann? Manche tun so, als hätte sie an ihm vorbei geführt. In dem Film Never give a Sucker an even Break beruhigt Fields seine Partnerin, die mit ihm in 2.000 Meter Höhe aus dem Flugzeug gefallen ist: sie bräuchte keine Angst haben, wirklich gefährlich sei nur der letzte Meter.«

»Die Übernahme von Verantwortung und Schuld, Trauer und Demut ist keine griesgrämige, gegenstandslose Angelegenheit. Sie bedeutet eine schöpferische Hinwendung zum Leben ... Auschwitz bedeutet in diesem Sinn die große Chance, denn ein Verbrechen ohnegleichen wird es erst, wenn die verbrecherische Normalität nicht mehr wahrgenommen wird. Im Vergleich zu ihrer Krankhaftigkeit war Hitler ein fanatischer Triebtäter, kein Bourgeois, aber auch kein Revolutionär, bestenfalls ein Rebell, der das Kernproblem der bürgerlichen Gesellschaft: die Fetischisierung von Totem, radikalisierte zu einem Programm, in dem alles dem Tod geweiht war. In dem Maße, wie diese nekrophilen Züge nicht erkannt und einer prinzipiellen Änderung unterworfen werden, bleibt auch die Abwehr von Erinnerung und Verantwortung aufrecht.«

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