Politisches Sachbuch

Mahmood Mamdani

Guter Moslem, böser Moslem

Amerika und die Wurzeln des Terrors

Aus dem Englischen übersetzt von Sophia Deeg

Deutsche Erstausgabe
Broschur, 320 Seiten
€ (D) 19,90
€ (A) 20,50

ISBN 978-3-89401-475-9

Erschienen Februar 2006
Guter Moslem, böser Moslem
Inhalt

Der in Uganda geborene Sohn indischer Einwanderer, heute Professor an der Columbia Universität in New York, schreibt über religiösen Fundamentalismus und seine politischen Auswirkungen. Er wendet sich gegen die Vorstellung vom »clash of civilizations« zwischen dem Islam und dem Westen und schildert, wie die »Achse des Bösen« aus den von den US-Amerikanern geförderten antikommunistischen Stellvertreterkriegen nach der Niederlage in Vietnam entstand. In diesem Buch – protegiert von Edward Said – zeigt sich Mamdani als leidenschaftlicher Häretiker.

Der renommierte Politikwissenschaftler und Anthropologe Mahmood Mamdani verwirft die These von den »guten« (säkularisierten, westlichen) und den »bösen« (vormodernen, fanatischen) Muslimen. Er zeigt auf, dass diese Unterscheidung auf politische und nicht auf religiöse und kulturelle Identitäten verweist. Dieses Buch stellt das Auftauchen des politischen Islam als das Resultat des Zusammenpralls mit den westlichen Mächten dar. Der Autor betont, dass es sich bei der terroristischen Bewegung im Zentrum der islamischen Politik um ein Phänomen handelt, das aus dem US-amerikanischen Engagement in den Kriegen nach Ende des Vietnamkriegs entstand. Die Ära dieser Stellvertreterkriege fand ihr Ende mit der Invasion im Irak. Und hier werden die USA – wie in Vietnam – erkennen müssen, dass es nicht um einen Feldzug gegen den Terror geht, sondern um einen Krieg gegen den Nationalismus, eine Schlacht, die nicht durch Okkupation zu gewinnen ist. Mamdani schreibt mit umfassendem Einlick in die Politik der USA und entlarvt die ideologisierte Politik der amerikanischen Regierungen.

Guter Moslem, böser Moslem ist ein provokantes und wichtiges Buch, das unser Verständnis der globalen politischen Probleme grundlegend ändern wird.

Zum Autor
Mahmood Mamdani

Mahmood Mamdani ist Anthropologe und Politikwissenschaftler und lehrt an der Columbia-Universität in New York. Zuvor hatte er Professuren an der Universität von Daressalam in Tansania, an der Makerere-Universität in Uganda und an der Universität von Kapstadt inne. Von 1998 bis 2002 war er Vorsitzender des »Council for the Development of Social Science Research in Africa«. Das US-Magazin Foreign Policy und die englische Zeitschrift Prospect führten ihn im Jahr 2008 bei ihrer Auflistung der 100 weltweit bedeutendsten Intellektuellen auf dem neunten Platz. Für seine Arbeit wurde Mamdani mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. gewann er 1997 in den USA für das Buch Citizen and Subject: Contemporary Africa and the Legacy of Late Colonialism den renommierten »Herskovits Award« der African Studies Association. Die Universitäten von Addis Abeba und Johannesburg verliehen Mamdani im Jahr 2010 die Ehrendoktorwürde. Er veröffentlicht regelmäßig u.a. in der New Left Review und der London Review of Books. Mamdani ist mit der Filmregisseurin Mira Nair verheiratet und hat einen Sohn. Bei Nautilus erschien 2006 eines seiner wichtigsten Bücher: Guter Moslem, böser Moslem: Amerika und die Wurzeln des Terrors.

Weitere Titel in der Edition Nautilus:
Blinde Retter

Pressestimmen

»... Ein provokantes und wichtiges Buch, das unser Verständnis der globalen Probleme grundlegend ändern wird.«
Praxisjournal Buch

»... ein Plädoyer für die weltweite Verwirklichung einer gleichberechtigten Bürgerschaft.«
Süddeutsche Zeitung

»... bestürzend, aber essentiell.«
J. M. Coetzee

»... ein wertvoller Beitrag für das Verstehen einiger der wichtigsten Entwicklungen in der heutigen Zeit.«
Noam Chomsky

Textauszug

Erstes Kapitel

Der Kulturdiskurs oder: Wie man über Islam und Politik nicht reden sollte

Die gegenwärtige historische Phase nach dem Kalten Krieg wird als die Ära der Globalisierung bezeichnet und ist gekennzeichnet durch den Aufstieg und die rasante Politisierung eines Begriffs: Kultur. Während des Kalten Krieges sprachen wir über sozioökonomische oder politische Entwicklungen, wir beschäftigten uns mit Armut und Reichtum, mit Demokratie und Diktatur, jeweils auf der lokalen Ebene. Das neue Verständnis von Kultur ist weniger ein gesellschaftliches als ein politisches und knüpft weniger an die realen Verhältnisse in bestimmten Ländern an, als an global wahrgenommene Ereignisse wie den Fall der Berliner Mauer oder den 11. September. Anders als die Kultur, die Anthropologen im Blick haben – von Angesicht zu Angesicht, intim, lokal und gelebt –, ist der Kulturdiskurs hoch politisiert, und Kultur tritt dabei in umfangreichen „Geo-Paketen“ auf.

Der Kulturdiskurs geht davon aus, dass jede Kultur durch einen fest umrissenen essenziellen Kern definiert ist, um dann politische Phänomene als Ausfluss dieses Kerns zu erklären. Der Kulturdiskurs, der nach dem 11. September anhob, qualifizierte so beispielsweise die Praxis des „Terrorismus“ als „islamisch“. So wird der „islamische Terror“ in einem Atemzug als Beschreibung und Erklärung der Ereignisse des 11. Septembers 2001 bemüht. Es ist nicht mehr der Markt (Kapitalismus) oder der Staat (Demokratie), sondern die Kultur (Moderne), die angeblich die Grenze markiert zwischen denen, die eine friedliche, zivile Existenzform befürworten, und jenen, die den Terror wollen. Es heißt, unsere Welt sei aufgeteilt in die, die modern sind, und die anderen, die vormodern sind. Die Vertreter der Moderne prägen Kultur und sind ihre Meister; die Vormodernen sind lediglich Getriebene. Doch sollte es zutreffen, dass vormoderne Kultur aus nichts als unbewussten Zuckungen besteht, dann sind vormoderne Völker sicherlich nicht für ihre Taten verantwortlich zu machen. Diese Sichtweise zieht die Forderung nach sich, dass man sie um des Wohls der Zivilisation willen zügeln muss, kollektiv oder auch individuell – sie, falls notwendig, gefangen halten muss, notfalls auch ohne ordentliches Verfahren.

In den amerikanischen Debatten, die auf den 11. September folgten, drehte sich alles um den Islam und die Muslime, die vermutlich nur in dunkler Vorzeit einmal kulturelle Leistungen hervorgebracht hatten, in einer Art außergewöhnlichem, prophetischem Akt. Danach jedoch, so schien es, hatten sie sich nur noch kulturell angepasst. So wie es manche darstellen, kennt unsere Kultur keine Geschichte, keine Politik und keine Diskurse; demnach taugen also alle Muslime zu rein gar nichts. Andere sind der Auffassung, dass wir geschichtliche und politische Entwicklungen haben und sogar Debatten führen, dass es also durchaus gute und böse Muslime gibt. In beiden Visionen scheint die Geschichte erstarrt und ähnelt einem leblosen Sittengemälde von einem antiken Volk, Bewohnern eines versun­kenen Landes. Oder ist es etwa so, dass hier Kultur reduziert wird auf Sitte oder Gewohnheit, auf eine Art instinktives Verhalten mit Regeln, die in frühen Schriften, meist religiöser Art, festgeschrieben und in urzeitlichen Werken mumifiziert sind?

Wir müssen zwischen zwei deutlich voneinander unterschiedenen Narrativen des Kulturdiskurses unterscheiden

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