Politisches Sachbuch

Karl-Heinz Dellwo

Das Projektil sind wir

Der Aufbruch einer Generation, die RAF und die Kritik der Waffen

Gespräche mit Tina Petersen und Christoph Twickel

Originalveröffentlichung
Broschur, 224 Seiten
€ (D) 9,90
€ (A) 10,20

ISBN 978-3-89401-556-5

Erschienen November 2007
Das Projektil sind wir
Inhalt

Im Gespräch mit den Journalisten Christoph Twickel und Tina Petersen erzählt Karl-Heinz Dellwo über die RAF jenseits von Verdammung und Verklärung. Dabei stellt er sich der ernüchternden Erkenntnis, dass »wir immer Gruppe blieben und nie Bewegung wurden« (Dellwo). Doch er verschweigt auch nicht, dass viele von der Revolution träumten, für die die RAF zu den Waffen griff. Dellwo erzählt die Stationen seines Lebens: Der Sprung des Jugendlichen aus der Lehre in die Hausbesetzerszene, der erste Gefängnisaufenthalt. Danach der Weg ins »Kollektiv RAF«. Der unumkehrbare Schritt in die Illegalität. Nach dem blutig gescheiterten Versuch, die gefangenen RAF-Genossen durch die Besetzung der Deutschen Botschaft in Stockholm freizupressen (bei dem zwei Botschaftsangestellte und zwei Besetzer getötet werden), wird er verhaftet und zu zwei Mal lebenslänglich verurteilt. Nach zwanzig Jahren kommt er 1995 frei. »Ich befand mich im Krieg – gegen die BRD«, sagt Dellwo. Im Gefängnis hieß das: Isolation, Geräuschlosigkeit, Verweigerung jedes Gesprächs mit Vertretern der Anstalt, Hungerstreiks. »Eine andere Sprache sprach aus ihrer Hysterie«, heißt es in einem Stück der Goldenen Zitronen über die RAF. »Denn ob es Millionen würden / war durchaus nicht klar.« Dieses Buch macht den Versuch, über jene verlorene Hysterie zu sprechen.

Zum Autor
Karl-Heinz Dellwo

Karl-Heinz Dellwo, geboren 1952 in Opladen, war u.a. kaufmännischer Lehrling, Seemann, Aushilfsfahrer. 1973 Hausbesetzung in Hamburg, ein Jahr in Haft. Als Mitglied der RAF 1975 an der Besetzung der Deutschen Botschaft in Stockholm beteiligt und verurteilt. Saß die volle Strafe (20 Jahre) ab, zuletzt in Celle. 1995 aus der Haft entlassen. Lebt und arbeitet als Dokumentarfilmer in Hamburg. Zuletzt erschien ein Beitrag von ihm in dem Band Nach dem bewaffneten Kampf (Psychosozial-Verlag 2007).

Pressestimmen

»… ein wichtiger Gegenpol zur aktuellen massenmedialen Aufbereitung.«
ak

»… ein glaubwürdiger Beitrag zur Historisierung der RAF ….«
Alexandra Kournioti, Bayerische Staatszeitung

»… Ein Musterbeispiel von um Redlichkeit bemühtes Ringen mit der eigenen Vergangenheit ….«
Jörg Später, Kommune 

 

Textauszug

Vor der Haustür verlief der Westwall: Panzersperren aus Betonhöckern, unendliche Kilometer entlang der Grenze und überall gesprengte Bunker. Die Westalliierten hatten offenkundig alle überflüssige Munition in die Bunker gesteckt und gesprengt. Danach lag die Bunkerdecke wie umgedreht auf dem Kopf oder ragte mit zerrissenen Stahlarmierungen schräg in die Höhe. Es war eine apokalyptische Landschaft. Mittendrin stand das nach dem Krieg ge­baute Zollhaus, abseits des Dorfes und gegenüber einer kriegszerstörten Villa, die zwar noch stand, deren Vor­derfront aber fehle, so dass man über die Etagen in die Reste der Zimmer reinschauen konnte, auf Tapeten, Stuck und Treppen, hell sich abzeichnende Flecken an den Wänden von ehemals dort aufgehängten Bildern, deren Inhalt nicht mehr zu erahnen war. Auf der anderen Wegseite ein Wäldchen mit einem gesprengten Bunker, hinter dem Wäldchen eine zerbombte Munitionsfabrik und überall nur noch Grundmauernreste. Als Kinder sind wir manchmal durch die Bunker gezogen auf der verbotenen Suche nach einem Bajonett oder durch die Unterstände, die es überall im Wald gab und zu unserer Abenteuerlust passten. Raimund in Ormont, auch ein zugezogener Nachbarjunge, der um die zwei Jahre älter war als ich, aber ohne Vater aufwuchs, hatte eines gefunden, dann stolz poliert und so wollte jeder eines haben. Gefunden haben wir hin und wieder Munition und Munitionsgurte, die wir dann ins Feuer warfen, weil es zischte. Aus den Patronen haben wir die Munition rausgefummelt, Schwarzpulver und gummiartige schwarze Streifen. Wir hatten Glück, dass nie etwas passiert ist. Mit fünf Jahren, noch in Reuth, fand ich eine Handgranate bei Spaziergang durch den Wald und wollte »das Ei« aufmachen, weil ich es als Spielzeug sah. Ich hatte meinem Vater zugerufen, dass ich ein Ei gefunden hätte und sehe ihn heute noch, wie er schreiend herangerast ist, mir mein Spielzeug aus der Hand riss, es im hohen Bogen in Richtung eines Bachs warf und meinen Bruder und mich gleichzeitig auf den Boden duckte. Danach wurde uns eingeschärft, dass wir nie etwas anfassen dürften, wenn wir etwas finden und ihm erst Bescheid sagen müssten. (...) Auf der Kehr, inmitten dieser alten Kriegslandschaft, kam mein Vater auf die idiotische Idee, einen englischen Rasen auf dem doch sehr großen Hausgrundstück anzulegen. Wochenlang haben wir daran gearbeitet. Beim Ausheben der Erde stießen wir auf immer wieder auf eine dicke weiße Schicht, die aussah wie Styropor, nur fester. Mein Bruder und ich wussten nicht, was das ist und wir haben es ins Feuer geworfen ...

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