Politisches Sachbuch

Eyal Weizman

Sperrzonen

Israels Architektur der Besatzung

Aus dem Englischen übersetzt von Sophia Deeg und Tashy Endres

Neuauflage
Großformatige Klappenbroschur, 384 Seiten,
davon 32 Seiten Vierfarbillustrationen
€ (D) 24,90
€ (A) 25,60

ISBN 978-3-89401-605-0

Erschienen August 2009
Sperrzonen
Inhalt

Sperrzonen, mobile Kontrollpunkte, Killing Zones, Mauern, Barrieren, Blockaden, Vorposten – Israel ist ein Labor für die Erprobung und Erforschung des politischen Raums, der durch eine Besatzung geschaffenen wird.

Von den unterirdischen Räumen des Westjordanlands und Gazastreifens bis zu den militarisierten Lufträumen zeigt Eyal Weizman Israels Kontrollmechanismen auf. Alle natürlichen und gebauten Elemente funktionieren hier entsprechend den Waffen und der Munition, mit denen der Konflikt geführt wird. Die vielfältigen Versuche, das Land zu besetzen, zu zerschneiden, zu teilen, auszuweiden, wieder zusammenzufügen und wieder zu bombardieren, hinterlassen ein zerstörtes und unbewohnbares Land.

Weizman verfolgt die Entwicklung dieser Ideen in Israel zurück: von den baurechtlichen Maßnahmen zum Erhalt des demografischen Verhältnisses zwischen der arabischen und jüdischen Bevölkerung, der Planung und dem Bau der Siedlungen bis zur urbanen Kriegsführung mit gezielten, luftgestützten Tötungen. Er untersucht Israels Methoden, die Landschaft und die gebaute Umgebung in Werkzeuge von Herrschaft und Kontrolle umzuwandeln.

Zum Autor
Eyal Weizman

Eyal Weizman ist Architekt und Direktor des »Center for Research Architecture« am Goldsmiths College (Universität London), zuvor war er Professor für Architektur in Wien. Er arbeitet mit verschiedenen Menschenrechtsgruppen in Israel-Palästina zusammen. Er veröffentlichte A Civilian Occupation sowie die Serie Territories. Weizman ist freier Redakteur für das Cabinet-Magazin und erhielt 2007 den »James Stirling Memorial Lecture Prize«. Die Originalausgabe erschien 2007 unter dem Titel Hollow Land bei Verso, London.

Pressestimmen

»… ein Buch …, an dem jeder Leser, …, zu beißen und zu schlucken haben dürfte.«
Wilhelm Pauli, Kommune 

„… Deutlich wird … die Verschachtelung des umkämpften Raumes, ..., der dreidimensional getrennt werden müsste, um den Ansprüchen der Konfliktparteien gerecht zu werden.“
Jochanan Shelliem, Andruck – Das Magazin für Politische Literatur, DLF 

„… eine detaillierte, brillante Analyse „spätmoderner kolonialer Okkupation“ ….“
www.kunstundbuecher.at 

„… eine umfassende Darstellung der Architektur der israelischen Dominanz.“
Zeitschrift für Politikwissenschaft 

„… ein komplexes Buch … lenkt den Blick … auf einen Aspekt des Nahost-Konflikts, der wenig bekannt ist ….“
Sarah Mersch, Deutsche Welle

„… Erschließt mit seiner Architekturkritik eine ganz neue Dimension des Nahostkonflikts.“
ARD, »Titel, Thesen, Temperamente« 

„Eine brillante Analyse der Architektur als Handlangerin israelischer Besatzungspolitik. ... detailliert, präzise und außerordentlich eindrucksvoll ....«
Petra Steinberger, Süddeutsche Zeitung

„… ein ungewöhnlich tiefenscharfes Bild der israelischen Besatzung und ihrer Folgen ….“
Carsten Hueck, Deutschlandradio Kultur

„... Zeigt Israels Architektur der Besatzung als Modell eines Raumes, in dem der Krieg zum Dauerzustand geworden ist ….“
Christa Kamleithner, Arch+

»Eyal Weizman dekonstruiert brillant Israels Verbindung zwischen traditioneller humanistischer Disziplin und Diskurs für seinen Krieg gegen die Palästinenser. Dies Buch ist abschreckend aber essenziell zu lesen.«
Ahdaf Soueif, Autor von The Map of Love 

»›Sperrzonen‹ ist ein bemerkenswert originelles Buch, das Eyal Weizmans unverzichtbare Rolle  als Kritiker der unheilvollen und allgegenwärtigen Instrumentalisierung der Räume in heutiger Politik und Gesellschaft bestätigt.«
Michael Sorkin

»Eine erschreckende Lektion darin, was es heißt, über die Axiomatik der Besatzung, Einnahme und Unterwerfung nachzudenken.«
Achille Mbembe, Autor von On the Postcolony 

»›Sperrzonen‹ ist ein bemerkenswertes Werk. Wissenschaftlich und poetisch in seiner epischen Reichweite, erzählt mit der Klarheit der Vorstellungskraft und Sensibilität eines Künstlers, ›Sperrzonen‹ ist berufen ein Klassiker zu werden.«
Karma Nabulsi, Oxford University

»Eyal Weizman hat ein gutes Auge für Design, Raum und Struktur, während er eine erfrischend neue Perspektive in die Thematik einbringt, die bisher von Journalisten, Historikern und Soziologen dominiert wurde. Das Ergebnis ist eines der originellsten Bücher, die in Israel bisher erschienen sind … eine Sicht auf den Konflikt, die nur einem Architekten auffallen konnte. Die israelischen Planungen, so Weizman, denken über die West Bank nicht länger als zweidimensionalen Begriff; im Gegenteil, sie stellen sich das Land als ein mehrschichtiges System vergleichbar mit einem architektonischen Modell … Die Prognose des Buchs ist hoffnungslos und gloomy, aber Weizman unterstützt es mit Dokumentation, seltenen Interviews und einem bemerkenswerten Blick für die Politik des Designs. Sein Kapitel über Jerusalems architektonische bylaws, zum Beispiel, ist ein Meisterstück der politischen Analyse ... Weizmans architektonische Herangehensweise macht ›Hollow Land‹  zu einem tonic für jeden noch so jaded Beobachter der Israel-Palästina-Tragödie ... Die Qualität [seiner] Analyse ist wirklich aufregend.«
James Ron, The Nation 

»...Weizman, ein in Israel geborener Architekt, der 2006 den renommierten Stirling Preis für Architektur erhielt, hielt im selben Jahr mehrere Vorlesungen am Canadian Center for Architecture in Montreal. Seine Vorträge standen im Zusammenhang mit der Veröffentlichung von ›Hollow Land: Israel’s Architecture of Occupation‹, ein fantastisches Buch, in dem er die Strategie der militärischen Bombadierung und Besetzung der Städte untersucht, und wie diese Strategien wieder auftauchen können in zivil geplanten Pratiken während Friedenszeiten. Seine Analyse ist zeitlich ideal abgepasst ...«
Nicolai Ouroussoff, New York Times



»In ›Hollow Land‹, erweitert Eyal Weizman [Edward] Said's These um eine neue Dimension, das Außergewöhnliche generierend, und zieht manchmal surreale unbequeme Schlüsse … Weizmans Buch ist von wirksamen Interesse.«
Jay Merrick, The Independent

 

»Eine faszinierende Interpretation der Situation in Israel, die argumentiert Architektur und Stadtplanung würden zu Waffen in einem ›Krieg der anderen Art‹ ... Es ist eine detaillierter Vorstoß in eine höchst komplexe Situation ... höchst anregend...«
Pamela Buxton, Building Design



»Weizmans forensische Genauigkeit mit der er die Methoden [der Besatzung] analysiert, ist einzigartig. ›Hollow Land‹ ist ein trostloses aber unentbehrliches Buch.«
Robert Bevan, RIBA Journal



»Weizman übertrifft Saids wesentliche zweidimensionale Sicht mit einer 3D-Rundblick Enthüllung auf ein Land in dem Architektur, Infrastruktur und Stadtplanung zu einer Strategie des Militärs so wichtig wie Panzer und spezielle Einsatztruppen. Das ist ein fesselnde, umstrittene and angemessen desorientierende Abhandlung.«
Jay Merrick, Architect’s Journal


»Die neueste und Augen-öffnendste Analyse der israelischen Besatzung in Palästina, die bisher geschrieben wurde. Das Vermögen der Inneneinsicht, die das Buch erreicht, dessen Fokus auf dem Material und der buchstäblich konkreten Realität der Besatzung, ist offen gesagt überraschend.«
New Humanist

Textauszug

Beim historischen Belagerungskrieg signalisierte der Durchbruch durch die äußere Stadtmauer, dass die Souveränität des Stadtstaates gebrochen worden war. Dementsprechend befasste sich die »Kunst« des Belagerungskriegs mit den geometrischen Gegebenheiten von Stadtmauern und mit der Entwicklung von gleichermaßen komplexen Technologien, um sich den Mauern zu nähern und einen Durchbruch zu bewerkstelligen. Heutige urbane Kriegführung hingegen betont zunehmend Methoden der Überwindung von Einschränkungen, wie sie die Hauswand darstellt.

Ergänzend zu militärischen Taktiken, Wände physisch zu durchbrechen und zu »durchschreiten«, sind neue Methoden erdacht worden, die es den Soldaten nicht nur erlauben, durch feste Mauern hindurchzusehen, sondern auch durch sie hindurch zu schießen und zu töten. Die israelische Forschungs- und Produkt-Entwicklungsfirma Camero hat ein tragbares Gerät entwickelt, das Bilder produziert, wobei Wärmebilder mit Ultrabreitband-Radar kombiniert werden. Auf diese Weise ist das Gerät in der Lage, ähnlich wie das Ultraschallverfahren, das heute bei der Schwangerschaftsvorsorge angewandt wird, dreidimensionale Darstellungen von biologischem Leben zu geben, das sich hinter Barrieren verbirgt. Menschliche Körper erscheinen als ausgefranste Hitzemarkierungen, die (wie ein Fötus) in einem abstrakten, verschwommenen Medium treiben, in dem alles Feste – Wände, Möbel, Gegenstände – auf dem digitalen Bildschirm ineinanderfließt. Waffen, die die NATO-Standard-Munition von 5.56mm nutzen, werden zusätzlich mit 7.62mm-Munition geladen, die Backstein, Holz und sonnengetrocknete Lehmziegel durchschlagen können, ohne dass die Kugel stark von ihrer Flugbahn abgelenkt wird. Diese Praktiken und Technologien werden das Verhältnis zwischen Militär und Architektur und allgemein der gebauten Umwelt radikal verändern.

Instrumente zur »tatsächlichen Sichtbarmachung« sind die wichtigsten Komponenten auf dem Weg zu einer militärischen Phantasiewelt grenzenloser Verflüssigung, in der der Raum der Stadt so navigierbar wird wie ein Ozean (oder wie ein Computerspiel).

Indem das Militär danach strebt zu sehen, was sich hinter Mauern verbirgt, und durch sie hindurch zu schießen, scheint es die zeitgenössische Technologie auf die Höhe der Metaphysik zu heben, das Hier und Jetzt der physischen Realität überwinden und Zeit und Raum kollabieren lassen zu wollen. Dieses Bestreben, die Mauer oder Wand zu »ent-mauern« und »über sie hinauszugehen«, könnte eine Erklärung für das Interesse des Militärs an transgressiven Theorien und einer entsprechenden Kunst der 1960er und 1970er Jahre sein. Ganz wörtlich kommen einem bei den Techniken des Wände-Durchschreitens die Äußerungen des amerikanischen Künstlers Gordon Matta-Clark in den Sinn, der vom »Ent-Mauern der Mauer« sprach. Von 1971 bis zu seinem Tod 1978 beschäftigte sich Matta-Clark mit der Verwandlung und dem virtuellen Abbau verlassener Häuser. Bei seiner anarchitecture (anarchischen Architektur) kamen Hämmer, Meißel und Motorsägen zum Einsatz; in der building cuts genannten Serie von Arbeiten schnitt er Gebäude durch oder durchlöcherte häusliche oder Industrie-Innenräume. Dies könnte als sein Versuch verstanden werden, die repressive Ordnung des häuslichen Raums und die Macht und Hierarchie, die er verkörpert, subversiv zu unterlaufen. Die building cuts von Matta-Clark gehörten zu OTRI-Materialien bei Präsentationen – und wurden den Löchern gegenübergestellt, die die IDF in palästinensische Hauswände geschnitten hatte.

Andere Grundlagenwerke der Stadttheorie, auf die sich OTRI bezog, waren die Situationisten und ihre Praxis des dérive (eine Methode, durch die unterschiedlichen Sphären einer Stadt umherzuschweifen, von der die Situationisten als »Psychogeografie« sprachen) und des détournement (die Zweckentfremdung von Gebäuden). Diese Ideen wurden von Guy Debord und anderen Mitgliedern der Situationistischen Internationale als Aspekte eines umfassenderen Projekts entwickelt, das die gebaute Hierarchie der kapitalistischen Stadt in Frage stellte. Sie wollten die Unterscheidung zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen einreißen, zwischen dem Drinnen und dem Draußen, zwischen Gebrauch und Funktion.

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