
Der Verlag feiert seinen Bestseller „Tannöd“ von Andrea Maria Schenkel auf der Vertretersitzung im Frühjahr 2007
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Verlagsporträt
Am 1. April 2009 feierte die Edition Nautilus Geburtstag: 35 Jahre beweglich im Büchermeer – und noch nicht ein Mal untergegangen. Jahrzehntelang gelang das ohne finanzielle Absicherung, während vieler kleineren und größeren Krisen. Seit dem überraschenden Erfolg mit dem Krimi-Debüt Tannöd von Andrea Maria Schenkel engagieren wir uns nicht weniger, aber entspannter, um aus dem Meer an Manuskripten und Ideen immer wieder Perlen herauszufischen.

v. lks.: Lutz Schulenburg, Frank Witzel, Pierre Gallissaires und Hanna Mittelstädt auf der Frankfurter Buchmesse 1980
Über ihr politisches Engagement sind Hanna Mittelstädt, Lutz Schulenburg und Pierre Gallissaires vor mehr als 30 Jahren mehr zufällig als absichtsvoll in die Verlegerei hineingerutscht: zunächst durch die Herausgabe einer Zeitschrift und diverser Flugschriften unter dem Label MAD-Verlag, Materialien, Analysen, Dokumente, der sich nach einer Klage des gleichnamigen Satireblatts in Edition Nautilus umbenannte.
»Ein Gedicht kann genauso revolutionär sein wie ein theoretischer Text.« Getreu dieser Devise wurden neben Schriften der Anarchisten und Situationisten auch solche der Dadaisten und Surrealisten veröffentlicht. Bald fanden auch die ersten Autobiografien, u.a. von Jacques Mesrine, Charles Mingus, Billie Holiday und Franz Jung, sowie unerschrockene Prosa junger Autoren wie Franz Dobler, Ingvar Ambjørnsen, Anna Rheinsberg und Sean McGuffin Eingang ins Programm.
Parallel dazu wurde die Werkausgabe von Franz Jung in Angriff genommen und 1997, nach 16 Jahren und zwölf Bänden, vollendet. Diese förderungsfreie Edition ging sehr zu Lasten der Verlagsökonomie aus, die in der Edition Nautilus stets um einige wenige Verkaufserfolge herum organisiert werden muss, etliche Jahre lang etwa um den zweisprachigen Silvester-Dauerbrenner >Dinner for one, der inzwischen neben dem Original in sechs regionalen Bearbeitungen lieferbar ist. Nicht ganz so erfolgreich, aber ebenso unverzichtbar ist Die Aktion, eine der letzten streitbaren Zeitschriften für Politik, Literatur und Kunst.
Als »gut gelaunt und ein bisschen anarchistisch« charakterisierte der Reporter des Bergedorfer Wochenblatts das Verlagskollektiv, das nach der Veröffentlichung dreier Bücher von Karl-Eduard von Schnitzler plötzlich auch der Lokalpresse ein Porträt wert war. Diese absichtsvolle programmatische Grenzverletzung, keineswegs die erste im Lauf der Verlagsgeschichte, ermöglichte u.a. die Herausgabe von Abel Paz' großer Durruti-Biografie .
Ein erfreulich zahlreiches Lesepublikum eroberten auch die Bücher von Wiglaf Droste, Subcomandante Marcos, Inge Viett, Paco Ignacio Taibo II, vor allem seine Che-Guevara-Biografie, sowie einige Titel aus der »Kleinen Bücherei für Hand und Kopf«, inzwischen auf 60 Bände angewachsen, etwa die Grotesken von Kurt Schwitters oder die Aphorismen von Francis Picabia. Dessen Aphorismus »Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann« gibt nach wie vor ein zuverlässiges Verlagsmotto ab.

Verleihung des Kurt-Wolff-Preis an die Edition Nautilus 2004 in Leipzig
Im März 2004 wurde der Edition Nautilus auf der Leipziger Buchmesse der Kurt-Wolff-Preis überreicht. Sie wurde damit für ihr anspruchsvolles literarisches Programm, für ihre Künstlerbiografien und die Herausgabe der Franz Jung Werke geehrt. Der Verlag erhielt für sein außergewöhnliches Programm außerdem zweimal den Verlagspreis der Freien und Hansestadt Hamburg (Kulturbehörde) 1993 und 2002
Im neuen Jahrtausend konnte das Nautilus-Programm die Folge der Roten Ziegel (bisher voluminöse Biografien über Durruti und Che) um einen Band über Hugo Chavez – dessen eigentlicher Held die soziale Bewegung Venezuelas ist – sowie um zwei Kompendien der Basisbewegungen erweitern: Wir sind überall – weltweit. unwiderstehlich.antikapitalistisch von einer internationalen Autoren- und Herausgebergruppe und der berühmte Wälzer von Horst Stowasser: Anarchie. Mit Michael Warschawski und Mahmood Mamdani holte die Edition Nautilus zwei hochkarätige internationale Kritiker des Mainstreamdenkens an Bord. Beiträge zur Zeitgeschichte der BRD liefern u.a. die Zeugnisse ehemaliger Protagonisten des bewaffneten Kampfes: Karl-Heinz Dellwo, Inge Viett, Gabriele Rollnik.
Die Krimisparte des Programms wurde einst begründet mit der „Schwarzen Trilogie" Léo Malets und dann durch Ingvar Ambjørnsen und Robert Brack vielseitig fortgesetzt. Vor einigen Jahren startete die handliche Kleinformatreihe Kaliber .64, in der namenhafte Autoren wie Friedrich Ani, Frank Göhre, Susanne Mischke und andere Kleinode des Genres präsentieren. Und ein Krimi war es auch, der dem Verlag dann vor seinen zahlenmäßig bisher größten Erfolg einbrachte.

Andrea Schenkel bei der Schlusskorrektur ihres Romans Bunker im November 2008
Eines schönes Tages klingelte das Telefon und Andrea Maria Schenkel bot ihr Manuskript Tannöd zur Publikation an. Der Krimi überzeugte das Verlagsteam, wurde kostendeckend kalkuliert und erschien im Februar 2006 in einer Auflage von 2800 Exemplaren. Das Risiko sollte gering bleiben, schließlich hatte noch nie jemand etwas von der Autorin gehört. Das sollte sich schnell ändern. Das Krimidebüt von Andrea Maria Schenkel zog weite Kreise, und ein Jahr nach der Veröffentlichung landete es auf der Spiegelbestseller-Liste, wo es wochenlang Platz 1 besetzte, bis ihr zweiter Krimi, Kalteis, ihn auf Platz 2 verdrängte. Für beide Krimis wurde sie mehrfach ausgezeichnet, und Tannöd wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Inzwischen erschien ein dritter Krimi, Bunker, und wir sind sehr gespannt, was da noch folgen wird.
Durch diesen fast märchenhaften Erfolg konnte das inzwischen gewachsene Verlagsteam aus den drei Büroräumen über einer Einkaufspassage in der Bergedorfer Fußgängerzone in ein ehemaliges Fabrikgebäude in Hamburger-Bahrenfeld ziehen. Und es kann sichergestellt werden, dass literarische Perlen wie die Australierin Gail Jones, der Italiener Maurizio Maggiani und der Hamburger Autor Gerd Fuchs weiter gehegt werden können, und dass das Programm bleiben kann, was es seit den 70er Jahren ist: unkonventionell, eigenwillig und kämpferisch.
